Hier ist ja mit einem Male alles ganz anders. Der Kalifornier kann wieder durchatmen. Und mit ihm mindestens 65.411.142 wahlberechtigte US-Buerger und deren minderjaehrige Kinder sowie jede Menge Buerger dieser Welt, die sich im mittelbaren oder unmittelbaren Einflusskreis des naechsten Praesidenten von Amerika befinden. Meine Guete, ist das zu glauben?!
Auf Arbeit verbrachten wir die meiste Zeit des Wahldienstags damit, uns auszudenken, wohin wir wohl auswandern koennten, wenn es mit dem Obama nicht klappen wuerde. Von Kalifornien aus betrachtet verlockt Europa als Auswanderungsziel. Die meisten aus meiner Arbeitsgruppe duerfen den US-Praesidenten nicht waehlen, muessen aber trotzdem unter ihm leiden. Die ganze Zeit vor dem Dienstag hatten wir unser Bestes getan, die wenigen Wahlberechtigten in unserem Umfeld davon zu ueberzeugen, richtig zu waehlen. Ueberhaupt zu waehlen, auch in Kalifornien, wo demokratischen Praesidentschaftskandidaten der Sieg recht leicht gemacht wird. Nun wollten wir Ergebnisse sehen, waren so ungeduldig, dass die Zeit besonders langsam verstrich. Der Arbeitskollege mit dem „I voted“-Aufkleber – er war mit zwei Jahren aus Vietnam in die USA eingewandert – hatte in seinem Wahllokal nachgefragt, ob denn im Laufe des Wahltages, vielleicht so alle 2 Stunden, schon einmal alle abgegebenen Stimmen ausgezaehlt wuerden, um dem Endergebnis ein bisschen schneller naeher zu kommen (schliesslich ist die Westkueste mit dem Waehlen um einige Stunden spaeter dran als die meisten Teile Amerikas). Aber nein, mit dem Zaehlen wird gewartet, bis das Wahllokal schliesst, auch in Kalifornien.
Und sobald die Wahllokale dann endlich an der Ostkueste schlossen, suchten wir das Internet nach Hochrechnungen ab. Kurz nach 5 fanden wir Karten, auf denen fast die ganze Ostkueste blau war. Das fing ja gut an! – Parteifarben sind eine Sache fuer sich: wenn ich rot sehe, denke ich an Sozialisten. Doch hier ist die McCain-Partei (Republikaner) rot und die Obama-Partei (Demokraten) blau. Die Anhaenger von Herrn McCain haben den Herrn Obama abfaellig einen Sozialisten genannt, sie haetten ihn nicht als „rote Socke“ beschimpfen koennen. – Jedenfalls war fast die ganze Ostkueste blau und das war gut so. Allerdings war das auch so erwartet und die harten Faelle, die Ergebnisse der Swing States, standen noch aus. Um 6 machte ich mich auf den Heimweg und stellte das Autoradio an, damit ich verfolgen konnte, wie sich die amerikanische Landkarte einfaerbte. In mehreren Bundesstaaten gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen, minutenlang wurde immer nur wiederholt, dass man noch nichts sagen koenne, patriotische Marschmusik wurde eingespielt, Wahlanalytiker vors Mikrofon gebeten… und dann, Pennsylvania faerbte sich blau genug, wieder 21 Wahlmaenner mehr. Florida stand auf der Kippe, kippelte und kippelte und… New Mexico hatte sich fuer Obama entschieden, ein Suedstaat, ist das zu glauben?! Mir kamen wirklich fast die Traenen. Das ist doch bestimmt ein Zeichen. Die erfahrenen Radioberichterstatter starrten alle auf Ohio. Noch nie hat ein Praesidentschaftskandidat die Wahl ohne Ohio gewonnen. Noch nie, auch diesmal nicht. Der politische Wackelstaat Ohio hatte sich bei dieser Wahl ganz knapp ins Blaue hineingewackelt. Yes, we can.
In Kalifornien standen die Waehler noch Schlange, hatten noch mehr als eine Stunde Zeit zum Waehlen, auf der anderen Seite von Amerika wurde schon Geschichte geschrieben. Kurz nach 7 kam ich zuhause an und Florida fiel ueberraschend an Obama. Die Enkel der Exilkubaner sahen das etwas gelassener mit dem Anti-Castro-Waehlen und dachten sich, es muessen doch nicht immer die Republikaner sein. Ueberhaupt haben sich die jungen Leute in Amerika ganz schoen ins Zeug gelegt, sind waehlen gegangen und haben ueberwiegend fuer Obama gestimmt. Die guten Nachrichten nahmen kein Ende: Virginia, Colorado, alle blau. Um Punkt 8 wurden in Kalifornien die Wahllokale geschlossen (wer in einer Waehlerschlange stand, durfte auch danach noch seine Stimme abgeben). Und um Punkt 8 wurde Obama als Sieger erklaert! Als in Kalifornien (und Oregon und Washington und Montana und Nevada und Alaska und Hawaii) die Stimmenauszaehlung erst begann, betrat schon John McCain die Buehne und hielt seine Rede als fairer Verlierer. Und noch am selben Abend haelt Barak Obama seine Dankesrede vor einer Viertelmillion leibhaftig anwesender Anhaenger in Chicago und vor einer unvorstellbar grossen Zahl von Menschen, die aus dem einen oder anderen Grunde den Fernseher oder das Radio angeschaltet haben.
Kurze Zeit nach der Rede hoere ich durch das offene Fenster Autohupen. Es klingt wie nach einem gewonnen Fussballspiel. Ich verlasse die Wohnung und schaue mich neugierig in der Innenstadt um. Ob sie wohl feiern? Vereinzelt fahren Autos an mir vorbei, Fenster heruntergelassen. Die Menschen hupen, kreischen voller Begeisterung oder rufen „Obama, Obama“, wenn sie an mir vorbeifahren. Ich jubel zurueck und merke, dass manche mehrmals an mir vorbeikommen. Sie fahren im Kreis durch die Innenstadt, und es werden immer mehr. Hupen und Kreischen und Obamarufe. Wirklich eine Stimmung wie nach einer gelungenen Weltmeisterschaft. Das Hupen lockt die Menschen aus ihren Haeusern und aus den Kneipen, die Pacific Avenue fuellt sich mit gluecklichen Kaliforniern. Die Trommler von Santa Cruz tauchen auf und schlagen den Takt zu dieser Jubelstimmung. Es ist mehr als Jubel, mehr als Siegesstimmung; was ich spuere, ist eine riesige Erleichterung. Den Kaliforniern ist ein Stein vom Herzen gefallen. Endlich muessen sie nicht mehr sagen: „This is not my president“. Endlich muessen sie sich im Ausland nicht mehr als Kanadier ausgeben. (Und wir muessen nicht mehr unbedingt auswandern.) So viele hatten gehofft, dass die Umfragen recht behalten wuerden, so viele hatten befuerchtet, dass sich die Wahlberechtigten der Vereinigten Staaten von Amerika dann in der Wahlkabine doch als rassistischer herausstellen wuerden…
Zwei Dinge noch:
1. Da waren ja auch noch die Volksentscheide. Die Mehrheit der Kalifornier hat sich fuer Volksentscheid 8 und damit fuer einen Bann der gleichgeschlechtlichen Ehe ausgesprochen. Das ist einfach unglaublich und kein bisschen modellhaft. Von Kalifornien haetten wir mehr erwartet. Da wird gleich der Champagner schal. Es war ein knapper Sieg der Traditionalisten; 4.932.086 Kalifornier waren gegen den Bann, die meisten davon wohnen an der Kueste. Frische Luft tut gut. (Los Angeles hat es nicht geschafft. Zu viele Autoabgase?)
2. „Black Man Given Nation’s Worst Job“ betitelt die Satire-Zeitschrift „The Onion“ Barak Obamas Sieg der Praesidentenwahl. Das duerfen wir auf keinen Fall vergessen: in den Schlamassel gebracht hat uns Praesident Bush, aus dem Schlamassel wieder herausholen darf uns Praesident Obama.
[ Obamas Rede, gedruckt ]
[ Obamas Rede, gesprochen ]
[ Wahlergebnisse im Einzelnen ]
[ Junge Leute gehen waehlen und stimmen fuer Obama ]
[ Black Man Given Nation’s Worst Job ]