Unerschlossene Forschungsgebiete: Wie kommt das Genus in die Sprache?

Wer es mit amerikanischen Muttersprachlern zu tun hat, die europaeische Fremdsprachen fuer sich entdecken, kann Fragen dieser Art wohl kaum vermeiden: Warum ist z.B. im Deutschen Loeffel maennlich, Gabel weiblich und Messer saechlich? Und warum ist dasselbe Messer z.B. im Franzoesischen maennlich? Wer ist auf die verrueckte Idee gekommen, den Dingen ein grammatisches Geschlecht zu verpassen?

Was Kindern mit ihrer eigenen Muttersprache offensichtlich recht leicht faellt, erweist sich als nichtendenwollender Alptraum fuer jeden Fremdsprachenlerner. Der, die oder das Tisch; der, die oder das Tasche; der, die oder das Bett? Und wenn man sich falsch erinnert, ist auch gleich noch das Adjektiv falsch dekliniert und so weiter und so fort. Fragen nach dem grammatischen Geschlecht kann man beim Textproduzieren so gut wie nicht ausweichen, da steht man immer im Rampenlicht.

Wie kommt das Genus in die Sprache? Wer macht Sprache? Und wenn Sprache theoretisch auch ganz anders sein koennte, warum ist sie dann so, wie sie ist, und nicht anders? Die Frage ist natuerlich, ob man diese Fragen ueberhaupt so stellen sollte. Und weil das nicht so einfach zu beantworten ist, schweifen wir fuer einen Moment zu Vorhandenem, von dem wir ein bisschen besser wissen, wer es gemacht hat.

Ein Architekt plant ein Haus, und dann helfen ihm andere, das Haus nach Plan zu bauen. Und wenn das Haus fertig dasteht, macht es erst einmal Sinn, mit jeder Frage zur Bauform dieses Hauses zum Architekten zu gehen. Schliesslich hat er es geplant. Aber manche Fragen zum Haus kann der Architekt selbst vielleicht weniger gut beantworten als z.B. ein Kunsthistoriker.

– Warum haben Sie denn diese Saeulen links und rechts neben den Eingangsbereich hingeplant? –
– Na, die gehoeren doch genau da hin, sehen sie das denn nicht?
– Ja, aber haben die denn irgendeine Funktion, eine tragende Funktion vielleicht?
– Nein, das ist doch heutzutage nicht mehr noetig.
– Aber warum sind die denn dann da, diese Saeulen?
– Ach, glauben Sie mir, das macht den Gesamteindruck so richtig stimmig.

Und wie kann uns da der Kunsthistoriker weiterhelfen?! Der murmelt vielleicht etwas von der griechischen Saeule, von neoklassischen Einfluessen in der gegenwaertigen kalifornischen Innenstadtarchitektur…

Es sieht so aus, als habe sich die griechische Saeule in ein zeitgenoessisches Bauwerk eingeschlichen, im Laufe der Zeit aber einen (zugegebenermassen wichtigen) Teil ihrer Funktion verloren. Damals, als die Saeule noch Stuetze war, trug sie auf sich einen Teil des Gebaeudes. Nebenbei wurde sie ein bisschen verziert, vielleicht auch, um etwas von ihrer stuetzenden Funktion abzulenken. Heutzutage ist da nichts mehr zu stuetzen, doch die Saeule ist immer noch da, manchmal sogar nur zur Haelfte, so als wolle sie uns deutlich entgegenschreien: Ich stuetze hier ueberhaupt nichts mehr, ich bin einfach nur da. Wenn ich nicht mehr da waere, wuerde Euch etwas fehlen. Die Stimmigkeit.

So aehnlich ist das wohl auch mit Sprache. Die Loeffel – da stimmt doch was nicht, das heisst doch „der Loeffel“. In unsere Sprachen haben sich ein paar griechische Saeulen hineingeschlichen. Man fragt sich, was sie da sollen, doch wenn sie nicht da sind, fehlt uns etwas. Unsere Ohren haben sich an das grammatische Geschlecht der Dinge gewoehnt, was kann man da machen?

Wie gesagt, kann man sich fragen, wer auf die verrueckte Idee mit dem grammatischen Geschlecht gekommen ist. Genauso wie man sich fragen kann, wer auf die verrueckte Idee mit den Saeulen gekommen ist. Nun, am Anfang war die Idee gar nicht so verrueckt, da war die Saeule eine Antwort auf ein statisches Problem: wie kriege ich den Tympanon/das Dach gehalten? Ich koennte ja eine Saeule nehmen, um diese Funktion zu erfuellen, sagte sich einer im alten Griechenland. Der griechische Architekt ist also fein raus. Doch was ist mit dem kalifornischen Architekten? Fragt man den, wie er auf die verrueckte Idee mit den Saeulen gekommen sei, sagt er vielleicht so etwas wie: Mensch, reg Dich nicht so auf, das war doch gar nicht meine Idee. Das machen doch alle so. Und wenn ich mich weigere, das so zu machen, dann finden die Bauherrn einen anderen, der das fuer sie macht. Die Leute wollen doch Saeulen sehen.

Uff, so schnell geben wir nicht auf! Dank des Kunsthistorikers koennen wir uns bei der griechischen Saeule in eine Zeit zurueckdenken, in der Saeulen im Bauwerk eine Funktion erfuellten: Nimmt man die Saeulen weg, faellt der Tempel zusammen. Suchen wir uns doch einen Sprachhistoriker, der mit uns zu den Anfaengen des grammatischen Geschlechts reist.

This entry was published on February 16, 2009 at 12:46 am and is filed under Unerschlossene Forschungsgebiete. Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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