Jetzt wird sogar im tiefen Westen schon darüber geredet. Es macht die Runden und ich höre es nicht gern. Es wird gemunkelt, die Berliner S-Bahn stecke in einer Krise. Es führen kaum noch Züge, ja, vielleicht gäbe es sie schon gar nicht mehr… Was im zweiten Weltkrieg nur Tausende sowjetischer Soldaten geschafft hätten, sei jetzt das Werk Einzelner. Man erwäge sogar, zu glauben, am ganzen Schlamassel sei der Kapitalismus Schuld.
All das bekomme ich fein säuberlich um circa siebzehn Uhr dreißig pazifischer Sonnenzeit – pardon, pazifischer Sommerzeit, im Radio dargelegt. Im öffentlich-rechtlichen Radio wohlgemerkt, und das gilt im allgemeinen, wie auch alle seine Hörer und sämtliche Kalifornier mit einem Bildungsabschluss, als links. Vielleicht nicht als ganz so links wie DIE Linke, deren Sprecherin dem Radioreporter per Telefon aus Berlin erklärt hatte, wie denn der Kapitalismus die Berliner S-Bahn zum fast völligen Erliegen oder Verschwinden gebracht hätte. Aber mindestens so gefühlt links wie DIESE Linke, was ein bisschen erklärlich ist, wenn man vom mittleren Westen aus nach Kalifornien guckt. Vom mittleren Westen aus gesehen, fühlt sich im Grunde alles andere ziemlich links an, nun, so ist das eben, wenn man sich unaufhörlich um sich selbst dreht.
Die Sprecherin DIESER Linken sprach mit einem ruhigen und ernsthaften Tonfall, überhaupt nicht hysterisch oder übergeschnappt, was es uns leichter macht, ihr zu glauben, und angenehmer, ihr im Radio zuzuhören. Wie sich kürzlich herausstellte, ist der Kapitalismus ja so an einigem Schuld, und ziemlich sicher auch daran, dass in Kalifornien die Züge schon vor mehr als einem halben Jahrhundert zum Erliegen kamen. Die wenigen Züge, die es noch gibt, brauchen für eine Strecke von ungefähr 450 km sagenhafte 8 Stunden, mehr Zug pro Kilometer, aber weniger Züge pro Tag, nämlich genau einer.
8 Stunden von Santa Barbara nach San Jose, d.h. vom nördlichen Südkalifornien zum südlichen Nordkalifornien, von der sogenannten Amerikanischen Riviera zur größten Stadt des Silicon Valley. In anderen, weitaus bedeutenderen, aber kleineren Städten des Silicon Valley hält er nicht, nein, von San Jose aus biegt er schräg rechts ab und fährt über Oakland weiter in Richtung Norden, bis er dann irgendwann – wenige Tage später – fast im südlichen Westkanada eintrifft. Auf seinem langen Weg nach Seattle hat er auch nicht in San Francisco gehalten, nun, wenn er überall hielte, würde das ja noch viel länger dauern. Für das letzte Stückchen bis nach Vancouver wird ein Bus angeboten.
Bevor er aber Santa Barbara erreichte, wäre es durchaus möglich gewesen, in der größten und sicherlich bedeutendsten Stadt Südkaliforniens aus- oder einzusteigen. Und man wäre dann durch den großzügig angelegten Hauptbahnhof von Los Angeles gewandelt, vorbei an eleganten Cocktailbars und Restaurants, hätte sich vielleicht sogar in einen der bequemen Ledersessel im Wartesaal hineindrapiert und aufrecht sitzend und mit wichtiger Miene eine Zigarre geraucht, mit der Hostess geschäkert und sich noch eben einen Whisky bestellt, wohl wissend, dass draußen vor der Türe Palmen auf einen warteten und die Sonne des Südens, und sie auch noch so kräftig scheinen würde, käme man nicht in den nächsten Minuten, sondern erst wieder in den nächsten Tagen oder Wochen vorbei.
Wenn das jetzt alles wie im Film klingt, dann kommt man damit der Wirklichkeit schon recht nahe. Dieser eindrucksvolle Hauptbahnhof von Los Angeles ist Ende der 1930er Jahre gebaut worden, zu Blütezeiten des Filmkapitalismus, und es zeigt sich an jedem seiner wohlausgearbeiteten Details, dass man Großes mit ihm vorhatte. Kaum war er vollendet und den verehrten Eisenbahnreisenden übergeben, kam ihm der aufkommende Autokapitalismus in die Quere, dieser absolute Individualkapitalismus, der keinen großen Bahnhof mehr brauchte, weil ihm jede Einfamilienhausvorfahrt Kulisse genug war. Im Jahre 2009 ist dieser Hauptbahnhof von Los Angeles immer noch in Betrieb, doch große Bereiche des Gebäudes sind abgesperrt. Man kann sie als Filmkulisse mieten.
So ist der Kalifornier dem realen Zug fast ganz entwöhnt worden und er kennt ihn nur noch wirklich von Bildern auf der Leinwand. Bilder wirken anders, sogar bewegliche Bilder, irgendwie weniger bedrohlich als die Wirklichkeit vor der Haustüre. Und unsere Bilder zeigen Züge meistens in eine malerische Landschaft eingebettet oder am Bahnsteig eingefahren, Menschen steigen aus, werden in Empfang genommen, Menschen steigen ein, empfinden Abschiedsschmerz, winken mit Stofftaschentüchern, manche Passagiere warten, bis sich der Bahnsteig geleert hat und finden dann heraus, dass sie nicht erwartet worden sind (oder vielleicht hat sich der Abholer nur verspätet?)…
Mit Zügen werden Liebesgeschichten erzählt oder Krimis, doch im echten Leben sieht das ganz anders aus. Da kommen Züge den Autos in die Quere, z.B. am Bahnübergang, und es empfiehlt sich nicht, im Auto auf den Schienen stehenzubleiben. Weil solcherlei Dinge hier aber vorkommen, müssen die Züge ganz laut hupen und bimmeln und ähnliche Lautsignale von sich geben, die schon von weitem deutlich als Störung zu hören sind. Zugschreckstarre setzt ein und hindert Menschen daran, vom Zug überfahren zu werden. Züge in Kalifornien sind also nicht nur langsam, sondern auch laut; wer hier in der Nähe der Eisenbahnstrecke wohnt, ist zunächst vielleicht ganz froh über das Verschwinden der Züge. Doch um wieviel mehr wäre uns geholfen mit dem Verschwinden des Bimmelns!
Zurück nach Deutschland, seiner Hauptstadt, ihrer Zuglandschaft, dem Kapitalismus und DIESER Linken. Diesem Gedanken, dass dieser oder jener Kapitalismus die Welt auf unwillkommene Weise verändern könne. Was würden die Berliner sagen, wenn ihre S-Bahnen nach und nach vom S-Bahn-Bimmeln verdrängt würden? Und dieses Bimmeln immer lauter und länger je seltener es würde? Würden sie es nicht vorziehen, auf angeknacksten Achsen herumgefahren zu werden, lieber meistens anzukommen und nur manchmal aus der S-Bahn zu purzeln, als – ja, gibt es denn eine Alternative? Es wird gemunkelt, ein nicht zu vernachlässigender Teil der Berliner besäße nicht einmal einen Führerschein.