Was ich sehe: Strassenschilder auf dem Highway 80

Im August fuhr ich auf dem Highway 80 in Richtung Sierra Nevada. Der Highway 80 ist eine wichtige Bundesstraße, denn er fuehrt an Kaliforniens Hauptstadt vorbei. Vom Auto aus kann man in Richtung Kapitol gucken und sich gut vorstellen, wie Arnie mit den Abgeordneten uebers Haushaltsdefizit ins Schwitzen kam. Sich das vorzustellen, faellt wirklich nicht schwer, denn im Sommer zeigt das Autothermometer fuer die Gegend um Sacramento ziemlich haeufig eine dreistellige Außentemperatur an, was in Celsius so um die 40 Grad ist. Welche der Gefangenen sie guten Gewissens aus den Haftanstalten entlassen koennen, um Geld zu sparen, das duerfte den Regierenden einige zusaetzliche Schweißperlen auf die Stirn getrieben haben.

Die kalifornischen Gefaengnisse sind ueberfuellt und die Waerter verdienen dank ihrer Gewerkschaft außerordentlich gut. Wer Haeftlinge entlaesst, der spart doppelt, macht sich aber bei den wenigsten Bevoelkerungsgruppen beliebt. Warum die Gefaengnisse so voll sind, wird heftig diskutiert; es koennte schlicht am Bevoelkerungswachstum liegen oder daran, dass heutzutage Menschen fuer weniger schlimme Taten ins Gefaengnis gesteckt werden (z.B. Three-Strike-Rule) oder auch daran, dass die Kriminalitaet gestiegen ist oder lediglich die Erfolgsrate der Polizei. Ob es sich gesellschaftlich bezahlt macht, Menschen ins Gefaengnis zu stecken, fuehrt zu anstrengenden, theoretisch-verwickelten Diskussionen, fuer die sich Arnie und seine Abgeordneten kaum Zeit nehmen konnten angesichts der Groeße des Haushaltslochs und dem Druck der Waehlermehrheit, bitteschoen alles, was uns gut und teuer ist, ohne Steuererhoehungen zu finanzieren.

Auf dem Highway 80 kann man von der Westkueste bis zur Ostkueste fahren, von San Francisco bis nach Teaneck, New Jersey, einem Vorort von New York City. Das klingt nach einer unvorstellbar langen Autofahrt, schließlich dauert es vom Pazifik bis nach Nevada schon mehrere Stunden und damit hat man lediglich einen Bundesstaat durchquert, aber noch lange nicht die gesamten Vereinigten Staaten. Nach Kalifornien kaemen dann noch Nevada, Utah, Wyoming, Nebraska, Iowa, Illinois, Indiana, Ohio, Pennsylvania und New Jersey, insgesamt 11 der 50 Staaten. Da die Bundesstraße 80 mehrere Bundesstaaten miteinander verbindet, nennt man sie auch „Interstate Highway 80“ oder kurz „Interstate 80“ oder ganz besonders kurz „I-80“, eine Kurzform, die der Dame in meinem Navigationssystem unerklaerliche Ausspracheschwierigkeiten bereitet. Wenn es nach ihr ginge, hieße die Straße „Hei-di“.

Der Highway 80 ist zwar nur die zweitlaengste Interstate der Vereinigten Staaten, ihre Streckenfuehrung jedoch bei weitem die aelteste; ueber viele Meilen faehrt man direkt auf dem ehemaligen Lincoln Highway, der ersten Straße quer durch Nordamerika (1913 eingeweiht). Das ist so ein bisschen wie die A 2, eine deutsche Autobahn, die auf dem ehemaligen roemischen Hellweg gebaut wurde. Interessanterweise las ich im New Yorker, dass die Strecke der Transsibirischen Eisenbahn fast doppelt so lang ist wie der Highway 80. Das hat meine Landkarte im Kopf ganz schoen zurechtgerueckt. Wenn Sibirien groeßer ist als die Vereinigten Staaten, dann kommt mir hier alles nicht mehr so weit entfernt vor. Nur ein bisschen.

Ich fuhr also auf dem Highway 80 in Richtung Sierra Nevada und ploetzlich erscheint ein Schild am rechten Straßenrand. Die Buchstaben bestehen aus orangefarbenen Leuchtpunkten und sagen abwechselnd „ROADWORK AHEAD“, irgendwelche Staedtenamen und „GETACROSS80.COM“. Getacross80.com? Eine Internetadresse auf einem Straßenschild? Am Steuer sitzen und nach einer Webseite suchen? Und sie dann lesen, um herauszufinden, was fuer Baustellen ich zu erwarten habe und ob eine Umleitung empfohlen wird? Vielleicht ist der Highway 80 irgendwo zwischen Kalifornien und New Jersey gesperrt und ich werde die Einzige sein, die vor verschlossener Straße steht, weil ich beim Fahren nicht nach einer Webseite suchen und schon gar nicht den Text auf einer Webseite lesen kann. Kalifornische Autofahrer koennen ja so einiges, waehrend sie ein Auto steuern, z.B. mit Staebchen essen oder ihre Post sortieren. Moeglicherweise nimmt die kalifornische Baustellenbehoerde an, dass sie dem durchschnittlichen kalifornischen Autofahrer mit der bloßen Angabe einer Internetadresse keine allzu große Herausforderung stellt.

Nun, ich fahre unwissend weiter. Und hoffe außerdem auf eine Vielfalt der Informationsvermittlung, die allen Mehr- und Minderheiten gerecht wird. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kalifornien bewundernswert gut darin ist, Menschen, egal welcher Staerke oder Schwaeche, zu integrieren. Wahlscheine werden in allen moeglichen Sprachen gedruckt, die schriftliche Fuehrerscheinpruefung muss man nicht auf Englisch bestehen, solange man den nicht-sprachspezifischen Teil der Regeln versteht (und soweit ich mich erinnern kann, wird man nicht gefragt, ob man z.B. weiß, was orangefarbene Leuchtpunkte in der Form „ROADWORK AHEAD“ bedeuten). Diese gute Erfahrung laesst mich hoffen, ja, laesst mich erwarten, dass auch noch die fuer mich passende Informationsvermittlung am Straßenrand auftauchen wird.

Und siehe da, einige Meilen spaeter taucht ein anderes Schild auf: Traffic Radio – 1640 AM. Na, freue ich mich, Radiohoeren beim Autofahren kann auch ich, und stelle die angegebene Frequenz ein. Erst Schweigen, dann Rauschen und andere Stoergeraeusche, und endlich eine Stimme, eine nicht-menschliche. Maschinenproduziertes Englisch teilt mir mit, dass es auf dem Highway 80 Bauarbeiten gebe, weitere Informationen faende ich auf „GETACROSS80.COM“. Getacross80.com?! Das ist doch unerhoert, ist das eine Verschwoerung, werde ich hier ausgegrenzt?!

[GETACROSS80.COM]

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This entry was published on October 18, 2009 at 11:06 pm. It’s filed under Was ich sehe and tagged , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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