Erstveröffentlichung per Email in CA Journal Nr. 5 vom 9. Juni 2006
Als ich kuerzlich einen US-amerikanischen Staatsbuerger zu seinem Wahlbuero fuer die California Primary 2006 begleitete, kamen wir unterwegs auch auf das Thema Fussball. Es ging darum, auf welchen amerikanischen Sendern die Spiele der Fussball-WM 2006 uebertragen werden und ob man diese Sender mit einer Zimmerantenne empfangen kann oder ob man vielleicht mehr Glueck hat mit einem der spanischsprachigen Sender fuer Immigranten aus amerikanischen Laendern suedlich der Vereinigten Staaten. Ich erzaehlte ihm, dass man die WM-Spiele auch in einigen britischen und irischen Kneipen im Silicon Valley anschauen koenne, ebenso in San Francisco, z.B. in einer brazilianischen Kneipe oder im Goethe-Institut oder im Konsulat von Suedkorea oder sogar auf Grossleinwand vor der Kinokuniya Buchhandlung in Japantown.
Ploetzlich warf mein Gespraechspartner ein, fuer ihn sei das Schlimmste am Fussball das Elfmeterschiessen, weil es doch nicht angehen koenne, dass bei einer Mannschaftssportart der Sieger auf eine Weise bestimmt werde, in der Teamgeist ueberhaupt keine Rolle spiele und selbst der Einsatz fussballerischer Fertigkeiten auf ein Minimum beschraenkt sei, – vom Torwart mal ganz abgesehen, dem beim Elfmeterschiessen kaum etwas anderes uebrig bleibe, als sich bereits vor dem Schuss fuer eine Richtung zu entscheiden, in die er dann springt, denn bisher habe es noch kaum ein Mensch, nicht einmal ein Torwart geschafft, seine Wahrnehmungs-, Entscheidungs- und Bewegungszeit so weit herunterzutrainieren, dass es ihm moeglich ist, den gegnerischen Spieler nicht nur vor dem Schiessen, sondern auch waehrend des Schiessens und solange danach zu beobachten, bis eine eindeutige Flugrichtung des Balles auszumachen ist, sich dann reflexartig fuer die passende Sprungrichtung und –hoehe zu entscheiden, und diese dann auch noch so rechtzeitig mit seinem eigenen Torwartkoerper auszufuehren, sodass dieser den Ball zu einem Zeitpunkt erreicht, an dem er seine Flugrichtung noch so beeinflussen kann, dass er nicht im Tor landet. Denn auch im Elfmeterschiessen gehe es ja darum, den Ball so oft wie moeglich ins Tor zu befoerdern bzw. genau das so oft wie moeglich zu verhindern, doch das sei auch schon die einzige Gemeinsamkeit zwischen Elfmeterschiessen und Fussballspielen. Dieser Bernhardesken Schimpfkaskade fuegte er trotzig hinzu, man koenne auch gleich die Wuerfel rollen, das sei immerhin ehrlicher; und widmete sich wieder einige Minuten dem Strassenverkehr.
Was aber eigentlich noch viel schlimmer, ja regelrecht frustierend sei, vor allem, wenn man selber am Fussballspiel teilnimmt, sei das Unentschieden; was fuer eine Idee, sich 90 Minuten lang mit 10 Mitspielern fuer den Sieg einzusetzen und sich dann nach Ablauf der Zeit ohne Sieger zu trennen, aus dem banalen Grunde, dass keine der beiden Mannschaften es geschafft hat, innerhalb der vorgegebenen Zeit mehr Tore als die andere zu schiessen; ja, was spraeche denn dagegen, solange weiterzuspielen, bis sich eine eindeutige Situation ergeben hat, und zwar bei jedem Spiel und nicht nur bei den wenigen, wo Turnierzwaenge es vorgeben, einen Sieger zu bestimmen, – das seien immerhin die Spiele, die zeigen, dass es moeglich ist, das Spiel zu verlaengern, und es sei doch kaum zu glauben, dass die Spieler in den uebrigen Faellen einen triftigen Grund haetten, nach 90 Minuten einfach mit dem Spielen aufzuhoeren, vielleicht irgendeine Verabredung in der Kabine oder so. Das Unentschieden, da sei er sich sicher, mache Fussball bei seinen Landsleuten so unbeliebt.
Wir erreichten das Wahlbuero. Es befand sich in einer Kirche, am Eingang flatterte die US-Flagge in strahlendem Sonnenschein. Nur zwei der elektronischen Wahlautomaten waren belegt, doch das Waehlen dauerte seine Zeit und ich konnte mir in Ruhe einen Musterwahlschein durchlesen.
Die California Primary 2006 besteht aus zwei Teilen [i]: einer parteiinternen Vorentscheidung ueber Kandidaten fuer neu zu besetzende politische Aemter auf bundesstaatlicher Ebene (Governor, Lieutenant Governor, Secretary of State, Controller, Treasurer, Attorney General, Insurance Commissioner, Member of the State Board of Equalization District 1 und Member of the State Assembly District 21) und auf US-Ebene (Senator und Representative District 14) sowie einer parteiunabhaengigen Entscheidung fuer die Besetzung frei gewordener politischer Aemter auf bundesstaatlicher und lokaler Ebene (Judges of the Superior Court Office No. 8 and No. 13, Superintendent of Public Instruction, County Assessor, District Attorney und Sheriff) und insgesamt fuenf Volksentscheiden, wobei zwei den Bundesstaat betreffen (Proposition 81: California Reading and Literacy Improvement and Public Construction and Renovation Bond Act of 2006 [ii] und Proposition 82: Preschool Education. Tax on Incomes over $400,000 for Individuals; $800,000 for couples. Initiative Constitutional Amendment and Statute [iii]) und drei den Landkreis (Proposition A[iv], B[v] und C[vi]).
Nicht-Parteimitglieder bzw. Mitglieder einer Partei, die sich nicht fuer die Wahl qualifiziert hat, duerfen alle parteiunabhaengigen Entscheidungen treffen, d.h. insgesamt sechs Posten neu besetzen und fuenf Mal eine Ja/Nein-Frage beantworten und damit z.B. ueber die Steuerpolitik mitbestimmen (Massnahme 82 und A). Wer sich Massnahme 81 und C genau durchliest und versteht, der sieht, wie oeffentliche Gelder auch ohne Steuererhoehungen zum Fliessen gebracht werden koennen, und kann sich fuer staatliche Anleihen entscheiden. Mitglieder einer der sechs Parteien, die sich fuer die Wahl qualifiziert haben (American Independent Party, Democratic Party, Green Party, Libertarian Party, Natural Law Party, Peace and Freedom Party und Republican Party), duerfen noch elfmal mehr waehlen, aber nur Kandidaten ihrer Partei, die sich dann im November allen wahlberechtigten Kaliforniern fuer neu zu besetzende Posten auf bundesstaatlicher Ebene zur Wahl stellen. Und – das kalifornische Wahlsystem ist dahingehend modifiziert, dass auch Nicht-Mitglieder, sofern es die jeweiligen Parteien gestatten, an diesen eigentlich parteiinternen Vorwahlen teilnehmen duerfen, was fuer die California Primary 2006 folgende Parteien erlauben: American Independent Party, Democratic Party und Republican Party.
Nach diesen vielen Listen war mir ein bisschen schwindelig geworden; doch in diesem Wahlbuero hing noch eine letzte Liste aus, die mich neugierig machte: die Liste der registrierten Waehler. Sie waren nach Strassennamen sortiert und dann alphabetisch und hinter dem Namen gab es ein Kuerzel fuer die Parteizugehoerigkeit. Aus der Wahlbroschuere konnte ich entnehmen, dass „N-P“ (Non-Partisan) fuer Nicht-Parteimitglied steht, ein Kuerzel, das verblueffend selten auftauchte. Viel zu neugierig, um sprachlos zu werden, stellte ich meine Fragen: Sind denn die Waehler in Kalifornien fast alle auch Parteimitglieder?! Und die parteiinternen Vorwahlen werden vom Bundesstaat organisiert, finden alle gemeinsam an einem festgelegten Termin statt und finanzieren sich ueber oeffentliche Gelder?!
Und diese Antworten habe ich bekommen:
Da das Wahlrecht fuer alle gelten soll, die mindestens 18 Jahre alt und US-Buerger sind, darf die finanzielle Situation jedes Einzelnen die Ausuebung seines Rechts nicht beeinflussen. Auch die parteiinternen Vorwahlen werden deshalb oeffentlich organisiert (d.h. z.B. in Wahlbueros in der Naehe des eigenen Wohnorts), die Mitgliedschaft in einer Partei ist kostenlos und das Vorzeigen eines Identifikationspapiers im Wahlbuero nicht notwendig, da selbst die Beschaffung eines solchen Geld kosten wuerde, das nicht jeder hat. Im Landkreis Santa Cruz, dessen Bewohner sicherlich zu den politisch-engagierteren gehoeren, sind 80% der registrierten Waehler auch Parteimitglieder, weit ueber die Haelfte Demokraten. Unbekannt bleibt, wie viele der circa 250.000 Einwohner potentielle Wahlberechtigte sind, sich aber nicht als Waehler haben registrieren lassen [vii].
Niemand muss waehlen. Im Landkreis Santa Cruz, der sehr stolz ist auf seine hohe Wahlbeteiligung, auch in den fuer weniger wichtig erachteten Primaries, haben lediglich 32,1 % der registrierten Waehler an der Primary 2006 teilgenommen. Und jemand der waehlen geht, kann sich aus den maximal 22 Entscheidungen, die diesmal getroffen werden duerfen, auch nur seine zwei oder drei Lieblingsentscheidungen herauspicken und die anderen unentschieden lassen.
Nachtrag:
Es gab Zeiten, in denen beim American Football ein Unentschieden etwas ganz Gewoehnliches war. Doch die meisten Football-Begeisterten muessen gespuert haben, dass ein Unentschieden schmeckt wie kissing your sister. So jedenfalls drueckte sich Bear Bryant, ein ganz beruehmter Football-Trainer an der Universitaet von Alabama, aus; und die Nationale Football Liga fuehrte 1974 die „sudden death“-Verlaengerung ein, um dem schlechten Gefuehl beim Nachhausegehen entgegenzuwirken. In den 90ern wurde dieser Spielzwang bis zum Sieg – der in Fussball-Deutsch freundlich-leuchtend „Golden Goal“ heisst – auch im College Football uebernommen. Die Liste der Wettkampfsportarten mit Unentschieden ist also um eine Sportart kuerzer geworden [viii]. Sie reicht jedoch noch laengst nicht an die Kuerze der Liste der Sportarten heran, die mit Methoden, die dem Elfmeterschiessen aehnlich sind, einen Sieger bestimmen koennen [ix].
<< vorwärts California Journal rückwärts >>
[i] Dieser Auflistung liegt der Musterwahlschein fuer die Primary Election June 6, 2006 im Landkreis Santa Clara (Teil des Silicon Valley) zugrunde.
[ii] Der beschreibende Text fuer Massnahme 81 lautet:
This act provides for a bond issue in an amount not to exceed a total of six hundred million dollars ($600,000,000) to provide funds for the construction and renovation of public library facilities in order to expand access to reading and literacy programs in California’s public education system and to expand access to public library services for all residents of California. Fiscal Impact: State cost of about $1.2 billion over 30 years to pay off both the principal ($600,000 million) and interest ($570 million) costs of the bonds. One-time local costs (statewide) of about $320 million for local matching contributions.
[iii] Der beschreibende Text fuer Massnahme 82 lautet:
Establishes voluntary preschool education for all four-year olds. Funded by 1.7% tax on individual income over $400,000; couples’ income over $800,000. Fiscal Impact: Increased annual revenues of $2.1 billion in 2007-08, growing with the economy in future years. All revenues would be spent on the next preschool program.
[iv] Shall a one-half cent sales tax be enacted, for 30 years, for general county purposes, such as:
– The County hospital and clinics;
– Trauma and emergency services;
– Affordable homes for families and seniors;
– Health insurance for uninsured children;
– Prevention programs for at-risk youth, families and seniors;
– Transportation improvements approved in city and countywide transportation plans;
– Services for abused and neglected children;
with a Citizens Oversight Committee ensuring fiscal accountability by reviewing the Annual Audit?
[v] Without increasing taxes, shall the Santa Clara County Charter be extended to provide for the acquisition, development, maintenance, and operation of parks, by continuing the annual transfer from the general fund of an amount estimated to equal $0.01425 per one hundred dollars of assessed valuation of all real and personal property commencing on July 1, 2009 for twelve years?
[vi] Foothill-De Anza College Repair/Job Training Measure: To repair/upgrade Foothill and De Anza Colleges, improve job training/university transfer,
– Upgrade electrical, heating, ventilation systems, fire/seismic safety,
– Repair leaky roofs,
– Improve disabled access,
– Repair/expand classroom for nurses/paramedics,
– Upgrade technology,
– Repair, construct, acquire, equip buildings, classrooms, libraries, sites, science/computer labs, shall Foothill-De Anza Community College District issue $490.8 million in bonds, at legal rates, with mandatory audits, citizen oversight and no money for administrators’ salaries?
[vii] In Deutschland sind 2,6% der wahlberechtigten Bevoelkerung Mitglieder einer politischen Partei. Die Mitgliedschaft ist an einen monatlichen einkommensabhaengigen Mitgliedsbeitrag gebunden.
[viii] Ich empfehle hierzu die Lektuere des Wikipedia-Eintrags zum Unentschieden
[ix] Fussball, Feldhockey, Eishockey, Gaelischer Fussball [siehe auch den Wikipedia-Eintrag zum Penalty Shootout (dt. auch „Elfmeterschiessen“)]
<< vorwärts California Journal rückwärts >>