Leicht verstaubt: Munich

Erstveröffentlichung per Email in CA Journal Nr. 6 vom 3. Februar 2008. Ab heute auch online zugänglich.

Als eine, die im Bereich Globalisierung von Software arbeitet, laufe ich jeden Tag mehr als einmal gegen Sprachbarrieren. Kaum jemand in meiner Arbeitsgruppe fuehlt sich im Englischen so richtig zuhause. Doch weil das die einzige Sprache ist, die wir alle kennen, bleibt uns wenig anderes uebrig, als uns muehsam an die unge­woehn­lichsten Ausspracheweisen, Benutzungsweisen und Kombinationsweisen englischer Woerter zu gewoehnen, um annaehernd einen Begriff davon zu bekom­men, was der oder die andere uns mitteilen will. Aber selbst in Momenten, in denen der Redebeitrag eines Arbeitskollegen so richtig englisch klingt, kann ich oft einfach nichts damit anfangen. Genau in diesen Momenten gewaehrt mir jemand einen Ein­blick in das Kulturelle der Sprachverwendung: die Woerter alleine sagen fast gar nichts.
Gestern z.B. kommt meine japanische Kollegin an meinen Schreibtisch und sagt: „Munich“. Und hoert auf zu reden. Und schaut mich an. Munich, denke ich, und meine Gedanken fangen an zu rasen. Munich, genau das hat sie doch gesagt. Munich. Also, Muenchen. Ich fange an, mich zu fragen, in was fuer einer Hinsicht sie etwas mit Muenchen zu tun haben koennte, ich etwas mit Muenchen zu tun haben koennte. Muenchen liegt in Deutschland, ich bin Deutsche, deshalb hat sie sich mit ihrem Anliegen vermutlich an mich gewendet und nicht an meine mexikanische Kol­le­gin. Aber was ist mit Muenchen? Wie koennte ich ihr hinsichtlich von Muenchen wei­ter­helfen? Mein Gehirn sucht nach etwas Naheliegendem und erinnert sich da­ran, dass wir eine halbe Stunde vorher ueber Fehlerberichte gesprochen haben, in de­nen es darum ging, dass ein deutsches Wort mit einem Umlaut im Webbrowser nicht korrekt dargestellt worden war. Muenchen hat auch einen Umlaut. Ja, aber warum denn gerade Muenchen, das waren doch ganz andere Woerter auf der Webseite? Ich komme mir total ausgetrickst vor, weil ich mit diesem Muenchen alleine gelassen wor­den bin. Nun, vielleicht hat sie Muenchen nur als Beispiel genannt, weil es ihr ge­rade eingefallen ist. Ich fange an, mich zu fragen, was sie mir eigentlich sagen will. Und sie schweigt immer noch.
Inzwischen sind mehrere Sekunden vergangen, aber mir kommt es vor als haette ich bereits ganz Muenchen abgesucht und sei schon auf halbem Wege nach Neuschwan­stein. Endlich finde ich die erloesenden Worte: „Muenchen. Ja, was ist mit Muen­chen?“ Und sie faengt wieder an zu sprechen, diesmal fast einen ganzen Satz, und noch einen, und ich erahne, dass es um einen Kongress geht. Und weil ich die Suche­rei leid bin, probiere ich es noch einmal mit den erloesenden Worten, variiere sie ein biss­chen, frage: „Ach, ein Kongress. In Muenchen.“. Und spaeter dann: „Dein Ehe­mann hat sich fuer einen Kongress in Muenchen beworben? Interessant.“ Und noch et­was spaeter: „Stadtbesichtigung. Ja, das kann man in Muenchen ganz gut. Willst du ihn begleiten, wenn er eingeladen wird?“ Ich komme mir schrecklich ungeduldig und verquatscht vor, schliesslich hatte das alles einmal in ein Wort gepasst. Munich. Oder in die Pause danach. Wer weiss das schon. Aber haetten wir uns denn die gan­ze Zeit anschweigen sollen?!
Vor einiger Zeit, da ging es mir schon einmal so aehnlich. Sie kam an und sagte: „White Elephant“. Fuer Aussenstehende mag das noch befremdlicher klingen als „Munich“, doch meinen Gedanken war damals in jener spezifischen Zeit an die­sem spezifischen Ort mit „White Elephant“ eine viel groessere Hilfe bei der Suche nach dem moeglichen Gespraechsinhalt gegeben als gestern mit „Munich“. Ich hatte naemlich in den Tagen bevor sie unser Gespraech mit „White Elephant“ einleitete, an­gefangen, einen vorweihnachtlichen Geschenkeaustausch fuer unsere Arbeitsgrup­pe zu organisieren, eine US-amerikanische Tradition, die sich „White Elephant Gift Exchange“ nennt. Somit wusste ich also schon ziemlich genau, worum es in unserem Gespraech ging. Es waren natuerlich immer noch viele Fragen offen, meine Suche war noch nicht zuende, und – ich war weniger gut auf diese Art von Gespraechser­oeff­nung vorbereitet. Kurz und gut, ich fuehlte mich trotz des sehr brauchbaren An­knuepfungspunktes ziemlich ueberrumpelt. Ich war so ueberrumpelt, dass mein Den­ken stockte, vermutlich lange genug, um das Schweigen ihrerseits fuer einige Momente kaum zu bemerken. Ich schwieg ihr sozusagen ein Stueck weit entgegen, bevor sich meine Gedanken auf den Weg machten. White Elephant, hm. Geschenk, hm. Hat sie eine Frage dazu? (Das war fuer mich am Naheliegendsten, weil mich schon einige andere nach den Spielregeln gefragt hatten.) Was koennte es noch sein? Muss sie absagen? Hat sie ihr Geschenk vergessen?….. Es ging ihr darum, mir anzu­bieten, mir bei der Vorbereitung des Konferenzraums zu helfen. Nette Kollegin. Hilfs­bereit.

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This entry was published on June 16, 2010 at 9:37 pm. It’s filed under Leicht verstaubt and tagged , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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