Was ich esse: Bäckchen, Knorpel, rohes Ei

Letztens war ich wieder einmal bei Sumika, diesmal nach der Arbeit, an der Bar, ganz allein. Während des Essens sah ich der Restauranttruppe beim Arbeiten zu. Alle sahen japanisch aus, niemand schien über 30 zu sein, der Grillmeister hatte keine Kochmütze auf, sondern ein dunkles Tuch um den Kopf gewickelt, der Kellner trug sein blondiertes Haar in einer modisch abgeschwächten Variante des Irokesenschnitts, das schwarze T-Shirt eines Küchengehilfen gab den Blick auf ein Tattoo frei, das ganz eindeutig von japanischem Mafiastil oder zumindest Filmen über japanische Mafiosi beeinflusst worden war. Mein Oyaku-Don schmeckte mir ganz ausgezeichnet und mit halbem Auge bekam ich mit, wie einem anderen Gast an der Bar ein paar Grillspieße serviert wurden.

Zwischem ihm und mir standen drei leere Stühle, was ihn nicht daran hinderte, mich anzusprechen. Es entstand ungefähr folgendes Tischgespräch:

1)
– Excuse me, are you eating Oyaku-Don?
– Yes.
– Is it not too salty?
– No. I like it a lot.

Mein Gesprächspartner sieht japanisch aus und spricht Japanisch mit der Restauranttruppe, aber mit mir Amerikanisch wie ein Muttersprachler.

2)
– Before you leave, you need to try at least one skewer.
– I ordered one.
– I ordered one for you already.

– I ordered pork cheek for you… it is one of their specialties. I hope you eat pork.

Eine Weile später bringt mir der Kellner den Spieß mit den gegrillten Schweinebäckchen und sagt, der Herr dort drüben habe es für mich bestellt.

3)
Mein Barnachbar bekommt einen neuen Grillspieß gebracht und besteht darauf, dass ich von ihm koste:

– Here, try this one. It’s chicken knee. Cartilage.
– Do you eat the whole thing?
– Yes, the cartilage is the best part. The longer you chew on it, the better it gets.
– …
– Spit it out if you can’t eat it.

Knieknorpel am Spieß, wer kommt denn auf so etwas. Ich schweige eine Weile und frage dann, ob das Restaurant so gut wie in Japan sei. Nein, überhaupt nicht, bekomme ich zu hören. In dieser einen Stadt, unter dieser einen Eisenbahnbrücke gäbe es einen Teriyaki-Imbiss neben dem anderen, einfach unvergleichlich.

4)
– What is your favorite?
– Ground chicken with egg yolk. Do you want to try it?
– Hm, I had so much already.
– You should try it.

Er bestellt für mich und entschuldigt sich dann, dass er so geradeheraus ist. Er sei Rentner und freue sich einfach über ein bisschen Gesellschaft. Er erzählt mir auch von seiner Lieblingsnachspeise – Crème brulée -, die Sumika auf seinen Wunsch hin kreiert und auf die Speisekarte gesetzt habe. Der Koch sei zur Zeit im Urlaub, deshalb habe an diesem Abend jemand anderes seine eigene Version zubereitet. Für einige Minuten setzt sich mein Barnachbar direkt neben mich. Erwähnt wieder, wie sehr er sich über ein bisschen Gesellschaft freue. Die nächsten beiden Mittwoche sei er vermutlich nicht da, weil er Fischen gehe, doch danach könne man ihn wieder bei Sumika antreffen. Dann geht er wieder zurück auf seinen ursprünglichen Platz und lässt drei Stühle zwischen uns frei.

5)
Der Grillmeister reicht mir den Teller mit dem Hackfleisch und erklärt, es sei eine gegrillte Hühnerboulette. Das Eigelb fehlt, meint mein Barnachbar, woraufhin mich der Grillmeister mit großen Augen anschaut und fragt:

– Can you eat egg yolk that is not grilled?

Fast, aber nur fast fange ich an zu lachen. Ja, wenn’s weiter nichts ist. Nach all diesen Schweinebäckchen und Hühnerknieknorpeln und Fragen, warum mir ein pensionierter Japaner ungefragt Grillspieße bestellt (und ob das pensionierte Japanerinnen mit jungen Männern auch so machen würden, um dann zu erzählen, wann man sie wieder antreffen könne), während ich störrisch versuche, den Genuss am Essen mit einem fremden Menschen gleichberechtigt zu teilen, fragt man mich, ob ich rohes Eigelb esse. Mit Vergnügen.

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This entry was published on July 28, 2010 at 6:59 pm. It’s filed under Was ich esse and tagged , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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