Erstveröffentlichung online in CA Journal Nr. 3 vom 26. August 2005
Vor kurzem fand in San Francisco, aber vor allem in Oakland die „Bayennale“ statt, das „Bay Area international arts festival“. Ich habe davon nur erfahren, weil mich ein ehemaliger Klassenkamerad zur Vernissage der Gruppenausstellung „it’s not rocket science“ am 26. Juli in Old Oakland einlud, an der auch er sich beteiligte. An besagtem Tag fuhr ich also vom Silicon Valley mit Zug und U-Bahn nach Oakland und schaute mir das alles einmal genauer an.
Zuerst entdecke ich einen Koffer, circa 60x40x15 cm gross. Er ist aufgeklappt; in ihm steht ein hoelzerner quarderfoermiger Resonanzkoerper, auf dem zahlreiche winzigkleine metallene Spieluhren mit kleinen Kurbeln befestigt sind. An seiner Vorderseite hat der Holzkasten eine grosse Kurbel. Wenn man sie dreht, spielen saemtliche Spieluhren gleichzeitig die Melodie eines Liedes von Edith Piaf… Je vois la vie en rose… und am Ende kommt Applaus aus dem Kasten. Die „wunderkammer“ von David Murray aus Australien. Eine akustische Illusion. Die meisten bemuehen sich, dem Kunstwerk nicht zu nahe zu kommen und stehen schweigend vor dem stummen Koffer. Erst wenn einer der Eingeweihten die Kurbel bedient und ihn zum Klingen bringt, fangen sie leise an zu lachen und probieren es auch selber einmal aus.
Im Nachbarraum haengen mehrere kleine Gemaelde und Collagen in auf den ersten Blick ungeordneter Weise an der Wand. Josh Wigger aus dem H Collective in Fresno (Kalifornien) hat sie hergestellt, an der Wand befestigt und sie durch mit Kreide aufgemalte Felder miteinander verbunden. So sieht die Wandflaeche aus wie ein grosses Spielbrett und man kann sich gut vorstellen, gemeinsam mit Freunden zu spielen und sich das Glueck zu erhoffen, eine Zahl zu wuerfeln, die einen auf einem Spielfeld mit Kunstwerk landen laesst. Oder sogar das Glueck, auf einem Spielfeld mit einem Kunstwerk zu landen, das einem besonders gut gefaellt. Et dès que je l’aperçois/ Alors je sens en moi/ Mon cœur qui bat… Je vois la vie en rose.
Scott Hove nimmt einen ganzen riesengrossen Raum in Anspruch. Aus Seilen hat er eine Art Netz gespannt, das an einigen Stellen so grosse Loecher hat, dass man hineingehen kann. Innen fuehle ich mich wie liebevoll umarmt von einem Netz aus Liebesschwueren: Quand il me prend dans ses bras/ Il me parle tout bas/ Je vois la vie en rose/ Il me dit des mots d’amour/ Des mots de tous les jours/ Et ça me fait quelque chose. Ich schaue genauer hin und stelle fest, dass der Kuenstler vom Schiffstau bis zum Schnuersenkel alle Arten von Seilen verwendet hat, die der Alltag so hergibt; doch es ist etwas entstanden, das mehr ist als eine Menge banaler, durchschnittlicher, ueblicher, normaler, gewohnter Seile.
Auf dem Weg in den naechsten Ausstellungsraum, fallen mir zwei weitere Strophen des Liebesliedes ein: Un grand bonheur qui prend sa place/ Des ennuis, des chagrins s’effacent. Ich singe leise vor mich hin und frage mich, wie sieht sie aus, diese grosse Glueckseligkeit, die da besungen wird, diese grosse Glueckseligkeit, die Aerger und Kummer verblassen laesst?
Vielleicht hat Ramiro Martinez eine gute Antwort gefunden. Auf seinen Gemaelden verblassen alle Farbspuren unter einer dicken Schicht Weiss, das wunderschoen hell in den Raum leuchtet. Fasziniert naehere ich mich und entdecke an einer Stelle unter dem Weiss ein Stueck Melone. Hmm… Je vois la vie en rose.
Des nuits d’amour à plus finir…
Heureux, heureux à en mourir…
Des nuits d’amour à en mourir…
Thilo Staudt aus Berlin malt schwarz auf weiss. Seine Bilder wirken so nuechtern und serioes wie schwarze Buchstaben auf Zeitungspapier, die mich ueber die Lage der Welt informieren sollen. Sagen wir mal, sie wirken wie die schwarzen Buchstaben von Schlagzeilen auf Zeitungspapier, die mir entgegenrufen: springender Tiger von vorne und von der Seite, Hirsch, Bruce Lee und nackte Frau. Der erklaerende Artikel fehlt. Ich fuehle mich aufgefordert, herauszukriegen, worauf diese Schlagzeilen verweisen, wie sie miteinander in Verbindung stehen. Ich fuehle mich so ein bisschen wie beim Lesen einer alten oder fremdsprachigen Zeitung, wo ich nicht alle Anspielungen und Bezuege verstehe, weil ich mich in der Zeit, in der sie entstanden ist, nicht so gut auskenne oder sogar der Sprache nicht so maechtig bin. Spaeter werde ich dem Kuenstler ein paar Fragen stellen und herausfinden, dass es ihm beim Malen dieser Bilder um gesellschaftspolitische Themen ging. Die Beziehung zwischen Asien (insbesondere China) und dem Westen: Kampf. Die Darstellung der Frau in den westlichen Medien: nackt. Er ersetzt figurative Schlagworte durch verbale und ueberlaesst mir das Ausmalen.
Ich bin hungrig geworden. Gehe zum Buffet, nehme mir Kaese, Melone und Brot, dazu ein Bier aus der Kuehlbox, und fange an, mit den Leuten zu plaudern. Heureux, heureux pour mon plaisir. Love is not rocket science.
[ it’s not rocket science ]
[ Je vois la vie en rose ]
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