Was ich höre: Kaffeenamen

Man sucht sich seinen Vornamen nicht aus. Das erledigen andere. Von fast allen Eltern ist überliefert, dass sie sich unglaublich viele Gedanken darüber gemacht hatten, bevor sie sich guten Herzens für den einen Namen entschieden. Ob sie sich die richtigen Gedanken gemacht haben, wird deutlich, wenn sich der Name der Realität stellen muss. Wie wundervoll der Name klingen kann, wenn man ihn von den eigenen Eltern zugerufen bekommt. Wie ganz anders sich das anhört, wenn sich Fremde daran versuchen. Mit seinem von Fremden verfremdeten Namen angesprochen wird man sich plötzlich selbst ganz fremd. Welche Eltern haben sich auch nur einmal ernsthaft die Frage nach der Internationalisierbarkeit des fürs Kind ausgesuchten Namens gestellt? Wie würde ihn der französische Liebhaber aussprechen, die amerikanische Marktverkäuferin, der chinesische Arbeitskollege, das indische Ehepaar von nebenan? Wenn man das damals gewusst hätte, ach, was hätte man nicht alles, mein Gott, wir waren ja so ahnungslos, damals, das kann sich heutzutage kaum einer mehr vorstellen….

Ich jedenfalls habe mich kürzlich ganz offen und geradeheraus bei meiner Mutter über meinen Vornamen beschwert. Über 30 Jahre lang hat er mich gut durchs Leben begleitet, doch hier in diesem Kalifornien wird er mir zur Plage. Alle deutschen Namen, die mit „Gi“ anfangen, sind für Kalifornier fast unhörbar und auf keinen Fall aussprechbar. (Wie man ihn buchstabieren würde, kann sich erst recht niemand vorstellen.) Im besten Falle kriegt mein Name einen italo-franko-amerikanischen Klang – Gisella, erinnert entfernt an eine Oper. Im schlechtesten Falle bleibt von mir nur wenig übrig – Isla. Doch niemals klingt der Anfang meines Namens nach so etwas wie einem deutschen „Gi“. Was natürlich damit zu tun hat, wie Kalifornier die Silbe „Gi“ normalerweise aussprechen, eben „Dschi“. Wenn man das damals gewusst hätte…

Dazu kommt die Betonung: in der operninspirierten Variante auf der zweiten Silbe, uh. Die mir vertraute Betonung auf der ersten Silbe – die den Kaliforniern eigentlich näher liegt – bekomme ich nur, wenn ich dafür auf die zweite Silbe ganz verzichte, siehe „Isla“. Grauenvoll. Den lieben langen Tag nichts als grauenvollste akustische Verhunzung meines Namens. Da kann ich meinen Namen noch so oft laut und deutlich korrekt aussprechen, immer wieder fallen die Kalifornier zurück in alte Muster. Grauenvoll.

Ein Vorname ist noch nie so nötig gewesen wie in Kalifornien. Denn hier läuft circa 99% der Kommunikation über den Vornamen. Meine Chefin heißt Melissa, die Chefin meiner Chefin heißt Kate, unser Geschäftsführer ist der Paul. Die Kellnerin stellt sich als Cathy vor und der Briefträger als Scott. Laurie ist meine Zahnärztin und Penny die von der Hals-Nasen-Ohrenpraxis. Und ich bin die … – ach je.

Wenn ich mich im Restaurant auf die Warteliste setzen lasse. Bei Starbucks einen Kaffee bestelle. Immer wollen sie meinen Vornamen, um mich aufrufen zu können. Dann geht die mühsame Buchstabiererei wieder los; später, wenn man endlich aufgerufen wird, erkennt man seinen eigenen Namen nicht wieder, der Kaffee wird kalt, die Sprechstundenhilfe ungeduldig… Da kann man sich doch gleich einen fremden Namen zulegen, einen, den wenigstens jeder Kalifornier mühelos aufschreiben und aussprechen kann. Einen Kaffeenamen.

Ich hatte mir schon seit längerer Zeit Gedanken über einen Kaffeenamen gemacht. Erst ein bisschen unbeholfen – wer hat schon Übung darin, sich selbst einen Namen zu geben; nach einer Weile jedoch mit zunehmender Begeisterung über die Chance, mir selbst einen Namen geben zu können. Bevor er zum Einsatz kam, hörte ich im Radio einen Bericht darüber. Nicht über meinen Namen, aber über Menschen mit Namen wie ich, Namen, die einen Internationalisierungstest leider nicht unbeschadet überstehen. Über Menschen, die es leid sind. Über Menschen, die sich einfach nicht mehr anhören können, wie ihr Name grauenvollsten akustischen Verhunzungen ausgesetzt wird. Über Menschen, die sich ganz bewusst einen Kaffeenamen geben.

Heute habe ich meinen Kaffeenamen zum ersten Mal eingesetzt. Bei einer Tischreservierung für ein Arbeitsgruppenmittagessen. Wie einfach mein Leben plötzlich wurde. Keine Buchstabiererei mehr, tadelloser Klang. Meine ahnungslosen asiatischen Kolleginnen kamen schon vor mir im Restaurant an und dachten, man habe dort meinen Namen nicht richtig verstanden. Falsch, habe ich gesagt, es ist alles richtig gelaufen. Zum ersten Mal. Und habe ihnen von meinem Kaffeenamen erzählt. Von der endlosen Buchstabiererei und den grauenvollsten akustischen Verhunzungen. Sie hörten aufmerksam zu und teilten dann ihr Leid mit mir, erzählten mir von ihren Kaffeenamen, die sie nie so genannt hatten. Von der Taiwanesin Ju-chuan die sich – wenn es darauf ankommt – der Einfachheit halber „Joy“ nennt. Von Samir, der sich als „Sam“ vorstellt. Von dem Inder, der seinen unendlich langen Namen auf ein knackiges „Mike“ verkürzte. Sie erzählten sogar die unerhörte Geschichte von der Philipinin namens „Carol“ – vermutlich ein Kaffeename, was ihr irischer Freund so ungewöhnlich aussprach, dass ihr Kaffee minutenlang vergeblich unter dem Namen „Harold“ aufgerufen wurde.

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This entry was published on August 19, 2010 at 8:30 am. It’s filed under Was ich höre and tagged , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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