Was ich lese: Kritiken von Schlechtgelaunten und Überbegeisterten

Am Montag gab Rufus Wainwright zusammen mit seiner Schwester Martha ein Konzert in der Mountain Winery. Die Konzertbühne liegt hoch oben in den Bergen von Saratoga. Auf dem ehemaligen Anwesen von Paul Masson, der schon im Jahre 1900 auf der Weltausstellung in Paris einen Preis für seinen kalifornischen Champagner bekam und 1905 sein eigenes Weingut La Cresta gründete. Wunderschön gelegen, aber eben auch etwas abgelegen, zahlreiche enge Kurven über dem Meeresspiegel. Einige Tage vor dem Konzert kam per Email ein Angebot für Konzertbesucher: ein mehrgängiges Abendessen im Restaurant der Mountain Winery, Festpreis, Vorbestellung empfohlen. Es klang verlockend, vielleicht aber auch etwas zu verführerisch. Dort oben auf den Bergen gibt es keine Konkurrenz, und wer erst einmal angekommen ist, dem bleibt nichts anderes übrig, als den Höchstpreis für mittelprächtigen Genuss zu bezahlen, warnte die innere Stimme. Wer weiß, ob der Blick wirklich so herausragend, das Essen wirklich so wohlschmeckend ist? Eine Restaurantkritik muss her.

Im Internet stolperte ich über die Kritiken bei Yelp: dort darf jeder ein Kritiker sein, jede eine Kritikerin. Alles darf bewertet werden – sofern sich die Bewertung in 5 Sterne quetschen lässt. Begleitende Kommentare sind erwünscht. Und es bestätigte sich einmal mehr, dass es sich bei Yelp um Kritiken von Schlechtgelaunten handelt. Parken kostet 20 Dollar, zur Strafe wird ein Stern abgezogen. Der Weg vom Parkplatz zum Restaurant geht steil hinauf, die Füße scheuern sich in den hochhackigen Schuhen wund, es staut sich schlechte Laune an, gegen die kaum ein Koch eine Chance hat… wie viele Sterne bleiben am Ende noch übrig? Und wenn das Essen schmeckte, war vielleicht der Raum zu hell oder zu dunkel oder zu kalt oder die Rechnung zu hoch, und schon haben sich die Sterne wieder verschoben. Bei Yelp gibt es auch das andere Extrem, die Überbegeisterten, die den Kellner so süß finden oder die Barhocker so bequem oder ihre Abendbegleitung so romantisch, und sie verteilen glückselig Sterne an alle. Statistisch gesehen könnte sich das irgendwann irgendwie ausgleichen, doch realistisch gesehen stiften diese Sterne und begleitenden Kommentare nichts als Verwirrung und einen unangenehmen Einblick in menschliches Bewertungsverhalten. Und jeder der kritisierten Orte erscheint plötzlich als außerordentlich unattraktiv.

Was waren das noch für Zeiten, als Kritiken von Kritikern geschrieben wurden. Die versuchten zumindest, sich den Orten mit einer gewissen Nüchternheit zu nähern. Übten sich in bewusster Distanz zum Bewerteten, Bewertungstransparenz, dem Etablieren von Bewertungskategorien und waren stolz darauf, sich von der Stöckelschuheignung des Fußwegs nicht übermäßig ablenken zu lassen. Professionell? Elitär? Altmodisch? Überbewertet?

Wohin das Leben in der Yelp-Welt führen kann, hatte ich vor einiger Zeit erfahren, als ich neugierig nachschaute, wie sich Yelper über Shokolaat, eines meiner Lieblingsrestaurants in Palo Alto, äußern. Ähnlich wie bei der Mountain Winery ging es in den Kritiken nur am Rande ums Essen und hauptsächlich um Sonstiges, in diesem Falle um die Besitzerin, und wie sie sich in ihrem vorherigen Restaurant in Saratoga mehr als einmal mit ihrem Ehemann und dem Personal gestritten haben solle. Die Sterne standen ganz schlecht, unschöne Szenen blieben in meinem Kopf hängen, begleiteten mich auf jedem weiteren Besuch in dem neuen Restaurant dieser gerüchteumwobenen Besitzerin. Als sie an einem der Abende selbst anwesend war, wurde ich ganz nervös, sah überall Zeichen für aufkommende Missstimmung. Ein weiteres von Yelp verdorbenes Restaurant. Eine weitere um den Genuss gebrachte Leserin von Kritiken Schlechtgelaunter. Muss das sein?

Nein. Erinnern wir uns an Rufus Wainwright, sein Konzert mit Blick auf das Silicon Valley. Als Zugabe sang er sein Pro-Berlin-Lied Going to a Town. Manche nennen es einen „Anti-America-Song“, was die Dinge nicht ganz trifft, oder zumindest nur, wenn man sich beim Blick auf die Dinge zu sehr ablenken lässt. Von Sonstigem. Wir wollen das hier nicht weiter vertiefen, denn eigentlich geht es um mehr, um den Titel der CD, auf der dieses Lied zu finden ist: „Release the Stars“.

Ja, RELEASE THE STARS!!!

[ Rufus Wainwright: Release the Stars ]
[ Mountain Winery: Vineyard in the Sky ]
[ Yelp: Kritiken Schlechtgelaunter und Überbegeisterter ]
[ Zugabe: Martha Wainwright singt ]

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This entry was published on August 28, 2010 at 8:33 pm. It’s filed under Was ich lese and tagged , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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