Leicht verstaubt: EXPOS

Erstveröffentlichung per Email in CA Journal Nr. 4 vom 15. Dezember 2005. Ab heute auch online zugänglich.

Letzten Samstag lief ich mit meinem Fotoapparat durch den Marina District in San Francisco. Die Sonne schien sommerlich, der Kontrast zwischen Licht und Schatten war aeusserst erheiternd. Ich hatte vor, einige Wohnhaeuser zu fotografieren. Hinter den meist weissen Haeusern tauchte manchmal die rotleuchtende Golden Gate Bridge auf, und immer wieder eine goldgelbe Kuppel; eine Art fliegende Untertasse, die sich nicht fortbewegte, oder zumindest so langsam, dass man es kaum wahrneh­men konnte. Die Kuppel fiel so aus dem Rahmen dieser wohlsortierten Marina-Haeuser, dass ich versuchte, ihr naeher zu kommen. Wie sich bald zeigte, gehoerte die goldgelbe Kuppel zu einer Riesenrotunde goldbrauner antiker Saeulen. Es sah so aus, als sei ich im historischen Zentrum San Franciscos angekommen. Ich stutzte, und begann, mich zu erkundigen.
Vor mir stand der sogenannte Palace of Fine Arts, eigens fuer die Panama Pacific International Exposition von 1915 im Stile einer roemischen Ruine erbaut und einziges Ueberbleibsel dieser Weltausstellung, mit der San Francisco seinen Wiederaufbau nach dem besonders heftigen Erdbeben im Jahre 1906 feiern wollte und die Vereinig­ten Staaten die Fertigstellung des Panama-Kanals. Ich war fasziniert. Weltausstel­lung­en, meine heimliche Schwaermerei.

Weltausstellungen. Die reinsten Materialschlachten. Palaeste aus Holz und Stuck, die nicht laenger als ein paar Monate stehen durften. Palaeste fuer die erste Schreibmaschine und das erste Telefon, fuer die groesste Kanone und Palaeste nur fuer Elektrizitaet mit Abertausenden von farbigen Gluehbirnen und Spiegeln und Prismen, um die Leuchtkraft noch zu verstaerken. Und neben den Palaesten Suedsee­doerfer und Iglus, in denen Eskimos und all diese exotischen Menschen ausgestellt wur­den, damit man sich ein Bild von der Welt machen konnte. Und Champagner, Champagner, um auf den Fortschritt anzustossen.

Begonnen hatte diese Mode vor gut 150 Jahren in London. Im Kristallpalast, dem Palast mit dem breitesten Dach, stellen 1851 auf der Great Exhibition of the Works of All Nations z.B. die Vereinigten Staaten von Amerika Erntemaschinen und ausgestopfte Eichhoernchen aus. Wie aeussert sich Charlotte Brontë so passend zu den Weltausstellungen: “Its grandeur does not consist in one thing, but in the unique assemblage of all things. Whatever human industry has created you find here.” 25 Jahre spaeter praesentieren die USA auf ihrer ersten eigenen Weltausstellung, der Centennial Exposition 1876 in Philadel­phia, die groesste Dampfmaschine und feiern 100 Jahre Unabhaengigkeit. Auf die Entdeckung der Neuen Welt wird etwas spaeter in Chicago angestossen: vor 400 Jah­ren war Columbus per Schiff nach Indien aufgebrochen und in Amerika angekom­men. Zur World’s Columbian Exposition 1893 gehoert auch der erste Elektrizitaets­palast, The Edison Tower of Light.

In den ersten fuenf Jahrzehnten dieses friedlichen Kampfes der Weltmaechte richtet Frankreich die meisten Weltausstellungen aus: 1867, 1878, 1889 und 1900. Der Eiffelturm ist ein Ueberbleibsel der Exposition Universelle Internationale zum 100-jaeh­ri­gen Revolutionsjubilaeum und unter Pariser Kuenstlern und Intellektuellen ausgesprochen unbeliebt:

“Nous venons, écrivains, peintres, sculpteurs, architectes, amateurs passionnés de la beauté jusqu’ici intacte de Paris, protester de toutes nos forces, de toute notre indignation, au nom du goût français méconnu, au nom de l’art et de l’histoire français menacés, contre l’érection, en plein coeur de notre capitale, de l’inutile et monstrueuse Tour Eiffel, que la malignité publique, souvent empreinte de bon sens et d’esprit de justice, a déjà baptisée du nom de tour de Babel. (…) La ville de Paris va-t-elle donc s’associer plus longtemps aux baroques, aux mercantiles imaginations d’un constructeur de machines, pour s’enlaidir irréparablement et se déshonorer ?”

(Auszug aus: “Protestation contre la Tour de M. Eiffel”, 1887, u.a. verfasst von Charles Gounod, Guy de Maupassant und Alexandre Dumas fils).

Mit dieser geballten Ladung guten franzoesischen Geschmacks kann der Herr Ingenieur Eiffel umgehen; haelt er ihr doch seinerseits die geheimen Bedingungen fuer Harmonie entgegen, die keinesfalls unabhaengig seien von einer Konstruktion, die den auf sie wirkenden Kraeften gerecht wird. Indem die Kruemmung der Pfeiler des Eiffelturms fuer die auf sie wirkenden Windkraefte optimiert wird, entstehe die dem Bauwerk eigene Schoenheit. Im Uebrigen besitze das Kolossale eine Anzieh­ungs­kraft, einen ihm innewohnenden Charme, auf die sich die gewoehnlichen Kunst­theo­rien kaum anwenden liessen.

Doch auf den Weltausstellungen wird nicht nur das Groesste, Laengste, Brei­teste, Tiefste, Neueste gezeigt, das Menschen hervorbringen konnten. In Paris gibt es einen Palais des Beaux Arts, und 1915 in San Francisco nicht nur einen Palace of Liberal Arts mit der riesigsten Schreibmaschine – behauptete 1728 Mal groesser als das Stan­dard­mo­dell -, sondern auch den Palace of Fine Arts in besagter roemischer Ruine mit goldgelber Kuppel. Wie sich herausstellt, hat dieses Bauwerk mittlerweile eine Ge­schich­te hinter sich, die seinem geplanten Aussehen mehr als gerecht wird. Ein paar Schlaglichter moegen genuegen: urspruenglich gebaut fuer nicht mehr als ein paar Mo­nate, beginnt man noch 1915 damit, seine Fassaden aus Holz und Stuck zu ver­staer­ken, installiert in den 30er Jahren auf seinem Gelaende 18 beleuchtete Tennis­plaetze, ueberlaesst es waehrend des 2. Weltkrieges der Armee als Fuhrparkgelaende und nach dem Krieg voellig sich selbst; Ende der 50er setzen sich Buerger fuer seine Restaurierung ein und 1969 eroeffnet Frank Oppenheimer, der Bruder von Robert, hier sein Exploratorium: the museum of science, art and human perception. Heute beher­bergt dieser roemische Ruinenbau mit der goldgelben Kuppel ebendieses Museum und das Palace of Fine Arts Theatre.

Und die Gemaelde und Skulpturen? Das Fine Arts Museum of San Francisco be­steht aus zwei Dependencen: der Legion of Honor und dem De Young Museum. Letzte­res ist vor ziemlich genau 2 Monaten in einem voellig neuen Gebaeude wiedereroeff­net worden. Es steht im Golden Gate Park, direkt neben dem Japanischen Garten, und ist aeusserst sehenswert. Seine Fassade besteht aus kupferfarbenem Metall, das z.T. durchloechert, z.T. mit Vertiefungen und Erhebungen versehen ist, so dass die Sonnenstrahlen sich an ihr brechen oder hineinscheinen koennen. Dem Museum kann man seine Geschichte nicht so leicht ansehen. Die Schlaglichter fallen deshalb ein bisschen ausfuehrlicher aus.

Als 1893 in Chicago die World’s Columbian Exposition eroeffnet wird, hat M. H. de Young, der Herausgeber des San Francisco Chronicle – der bis heute aktuellen Ta­ges­zei­tung fuer San Francisco – die Idee, dass der Westen der USA eine eigene Welt­aus­stellung braeuchte. Nur wenige Monate spaeter, am 2. Januar 1894, praesentiert sich die California Midwinter International Exposition ihren Besuchern. Es geht unter anderem darum, den klassischen Weltausstellungsthemen von Chicago westlichen Exotismus entgegenzustellen; es soll allen gezeigt werden, dass Kalifornien auch im Januar das „exotic land of sunshine“ ist. Fuer das Fine Arts Building waehlt man des­halb den „Egyptian Revival Style“ mit Bildern von Hathor, der altaegyptischen Kuh-Goettin. Als Memorial Museum erinnert es in den folgenden Jahren an die Mittwinter-Weltausstellung. San Franciscos aeltestes Museum wird im Erdbeben von 1906 stark zerstoert und 1919 ersetzt durch ein neues Gebaeude, diesmal im „Plateresque Stil“, den die spanischen Missionare im 18. Jahrhundert nach Kalifornien brachten. Siebzig Jahre spaeter greift das Loma Prieta Erdbeben von 1989 nicht nur das Bauwerk selbst an; auch die Kunstwerke erleiden einen unermesslichen Schaden. Das Museum muss Ende 2000 schliessen, weil es als nicht (mehr) erdbebensicher gilt.


Und Deutschland? Hat es mitgemischt in der Bluetezeit der Weltausstel­lungen? Bei meiner Internet-Recherche fand ich eine Seite mit einer Liste aller Welt­aus­stel­lungen zwischen 1851 und 1900. Und den Eintrag: „The Berlin Trade Exhibi­tion of 1896: The prevented World Exhibition”. Der Link funktionierte nicht, doch ich war neugierig genug, weiterzusuchen. Einige flackernde Schlaglichter: Kaiser Wil­helm II. hatte vor, das 25-jaehrige Bestehen Berlins als Reichshauptstadt zu feiern. Er hatte auch vor, alle bisherigen Weltausstellungen zu ueberbieten. Doch seine Idee war bei den Industriellen und den Handelskammern ausgesprochen unbeliebt. Nie­mand wollte dafuer bezahlen. Mithilfe einer Privatinitiative und einer geringen Betei­ligung der Stadt kam dann die Grosse Berliner Gewerbe-Ausstellung in Treptow zustan­de, auf der u.a. das laengste Fernrohr der Welt – die sogenannte „Himmelskanone“- und in Klein-Kairo 400 Eingeborene aus Kolonien praesentiert wurden. Otto Lilien­thal haette gerne Flugversuche vorgefuehrt, durfte aber lediglich einen Vortrag hal­ten.

[ Palace of Fine Arts – Das Bauwerk ]
[ Palace of Fine Arts – Die Kunstwerke ]

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This entry was published on September 1, 2010 at 6:19 pm. It’s filed under Leicht verstaubt and tagged , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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