Unerschlossene Forschungsgebiete: Grillen im Vorgarten und an Feiertagen

Die Sommersaison ist jetzt vorbei. Dieses Jahr endete sie am 6. September, dem Tag der Arbeit. So ist das in Kalifornien. Der Tag der Arbeit fällt nicht immer auf den 6. September, er fällt immer auf den 1. Montag im September. Und die Sommersaison endet immer am Tag der Arbeit.

Inoffiziell. In Kalifornien fängt der Sommer jetzt erst richtig an. Die Tage werden kürzer, aber sonniger. Die Nächte länger, doch die Abende wärmer. Und das Meer auch, zumindest ein bisschen.

Angefangen hatte die Sommersaison wie immer am Volkstrauertag, der auf den letzten Montag im Mai fällt. Dieses Jahr fiel er auf Montag, den 26. Mai. Mit dem Juni kommt in Kalifornien meist der June Gloom: Nebel, der sich nicht selten wie Nieselregen anfühlt; wolkenverhangener Himmel, durch den sich die Sonne erst einmal durchbrennen muss, bis sie sich endlich am frühen Nachmittag zeigt (kurz bevor sie am späteren Nachmittag wieder vom Nebel ausgesperrt wird). So ein June Gloom kann sich manchmal ganz schön lange hinziehen, oft bis in den August hinein. Wenn so ein Wetter schon im Mai einsetzt, nennt man es May Gray.

Dieses kalte vernebelte Sommerwetter ist besonders häufig an Kaliforniens Küste anzutreffen. Liebe Sommerbadegäste, zieht Euch warm an. Hier könnt Ihr erfahren, wie sich das Leben ohne Golfstrom anfühlt. Große Temperaturunterschiede zwischen kaltem Pazifikwasser und warmem Hinterland machen so ein Wetter möglich. Nebel bewässert die Pflanzen durch die Luft, die Küste ist grün, Mammutbäume können wachsen. Kalifornien ohne direkte Sonneneinstrahlung kann unangenehm kalt sein und langen Sommerabenden jede Romantik nehmen. Aber wenn die Sonne scheint, ist sie unglaublich stark, dann spürt man die Nähe zum Äquator.

Als ich bei Einheimischen nachfragte, wie man denn in Kalifornien den Tag der Arbeit feiere, meinten sie nur: „Barbeque.“ Als ich ein bisschen verwundert einwarf, das mache man doch schon am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag, hielten sie kurz inne und meinten dann, eigentlich mache man das an jedem Feiertag im Sommer. Ein wenig später stellte sich heraus, dass es in manchen Familien sogar durchaus üblich ist, an Thanksgiving zu grillen. Ende November!

Solcherlei Erlebnisse geben uns mancherlei Einblicke in das Leben der Kalifornier:

  1. Das Wetter ist in fast allen Monaten des Jahres gut genug, um draußen zu grillen.
  2. Grillen passt (eigentlich) immer.
  3. Wer bei Grillen nur an Bratwürstchen denkt, hat keine Ahnung von der hohen Grillkunst der Kalifornier. Sie grillen Hamburger (4 ½ – 6 ½ Minuten), Rippchen (4 ½ Minuten – 4 ½ Stunden), Tri-Tip=Tafelspitz (45 Minuten), Truthahn (4 Stunden), Brisket=Rinderbrust (mehr als 10 Stunden).

Aber auch diese Einblicke:

  1. Staatliche Feiertage sind fast alle religionsunabhängig.
  2. Staatliche Feiertage fallen so gut wie immer auf einen Montag und sorgen so für ein staatlich verordnetes langes Wochenende. An diesen Tagen locken aber auch viele Geschäfte mit speziellen Feiertagssonderangeboten; so mancher hat sein neues Auto am Volkstrauertag gekauft.
  3. Staatliche Feiertage orientieren sich an geschichtlichen Ereignissen, z.B.:
  • Martin-Luther-King-Tag – 3. Montag im Januar – Martin Luther King, Jr. wurde am 15. Januar 1929 geboren
  • Präsidententag – 3. Montag im Februar – George Washington wurde am 22. Februar 1732 geboren
  • Volkstrauertag – letzter Montag im Mai – der Gefallenen des amerikanischen Bürgerkrieges wurde zum ersten Mal am 30. Mai 1868 gedacht – inoffizieller Beginn der Sommersaison
  • Unabhängigkeitstag – 4. Juli – die Unabhängigkeitserklärung wurde am 4. Juli 1776 unterschrieben
  • Tag der Arbeit – 1. Montag im September – warum eigentlich nicht am 1. Mai? – inoffizielles Ende der Sommersaison
  • Kolumbus-Tag – 2. Montag im Oktober – Kolumbus „entdeckte“ Amerika am 12. Oktober 1492 (erstaunlich, dass man das auf den Tag genau weiß)
  • Veteranentag – 11. November – der 1. Weltkrieg endete am 11. November 1918
  • Thanksgiving – 4. Donnerstag im November – 1621 feiern englische Siedler in Plymouth/Massachusetts zusammen mit den Wampanoag Indianern ein Erntedankfest

Oder jene Einblicke:

  1. Die Frau kocht, der Mann grillt.
  2. Wo ich meinen Grill hinstelle, sagt viel über meine soziale Stellung aus. Grillen im Vorgarten verströmt den Geruch des Asozialen. Kalifornier, die etwas auf sich halten, rümpfen die Nase und sagen „This is so ghetto“ oder „This is so white trash.“ Im Vorgarten grillen nur die, die sich keinen Garten hinterm Haus leisten können. Mir hatte eigentlich immer gefallen, dass man dabei beobachten kann, was auf der Straße los ist.
  3. Draußen grillen heißt nicht unbedingt auch draußen essen, siehe wetterbedingte Kühle. Ein Lagerfeuer oder Gasheizer kann die Situation verbessern, manchmal reicht eine Jacke.

[ Big B – White Trash ]

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This entry was published on September 8, 2010 at 10:28 pm. It’s filed under Unerschlossene Forschungsgebiete and tagged , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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