Leicht verstaubt: Staedte ohne Buergersteige

Ersterscheinung per Email am 3. Februar 2008 in CA Journal Nr. 6. Ab heute auch online zugänglich.

Einen der Rufe, die Deutsche bei Kaliforniern haben, ist, dass sie viel Bier trinken. Ein anderer ist, dass sie gerne wandern. Manch ein Kalifornier berichtet, dass man auf Wanderwegen inmitten deutscher Natur manchmal unverhofft auf Bars stosse und so Biertrinken und Wandern auf angenehme Weise verbinden koenne. Und selbst der besterzogenste Kalifornier kann seine Enttaeuschung nicht verbergen, wenn ich dazu lediglich mit den Schultern zucke und sage: Keine Ahnung, ich wandere nur in Staedten. Vielleicht haelt er mich sogar fuer ignorant, schliesslich ist Kalifornien voll mit Naturschutzgebieten, die eine unglaubliche Vielfalt an Landschaft bieten, sodass doch eigentlich fuer jeden und jede etwas Passendes dabei sein muesste. Hier kann man durch die Salzwueste wandern und im Schnee campen, in Schluchten herum­kraxeln und sich hinter Mammutbaeumen verstecken, die aelter sind als die Ent­deckung Amerikas, aelter als die Erfindung des Christentums, unvorstellbar alt. Es ist problemlos moeglich, tagelang vor sich hinzuwandern und an keiner Menschen­seele vorbeizukommen. Das ist doch was! Ja, aber – wende ich ein – ich finde es beschwerlich, beim Wandern soviel mit mir herumzuschleppen. Einen Rucksack voller Dinge, die ich zum Ueberleben brauche oder brauchen koennte, so fernab von den Staedten. Wenn mir dann ein Kalifornier anbietet, mir meinen Rucksack zu tragen, bin ich sprachlos und willige einem Ausflug in Kaliforniens Natur ein.

Diese eindrucksvolle Natur beginnt nicht direkt vor der Haustuer; eine mehrstuen­dige Autofahrt ist notwendig. Die Fahrt ins Death Valley fuehrt scheinbar endlos durch eine Landschaft, dessen Eigenschaften in langweilig kulminierten, waeren da nicht die grossen bunten Reklameschilder links und rechts der Strasse: den Weg ins Tal des Todes teilen wir uns fuer eine lange Weile mit dem nach Las Vegas. Es wird dunkel, bevor wir ankommen, sodass wir erst am naechsten Morgen sehen koennen, wie es um uns herum aussieht. Drei Arten von Wueste: Sand, Salz und Stein. Steine mit riesengrossen Farbklecksen aus oxidierten Metallen wie Eisen, Mangan und Glimmer. Naturbruecken. Ueber Kalkfelsen laufen Steintraenen. In einer Schlucht finden wir Naturmosaike und Stein, der vom Wasser so glattpoliert wurde, dass er aussieht wie Marmor und sich auch so anfuehlt. Vom Wasser. Ganz frueher einmal, da sah es hier aus wie an einem Schweizer Bergsee. Kaum zu glauben. Doch am Wegesrande wachsen Wiesenblumen mit zarten gelben Blueten. Ein Stueckchen weiter landen wir in einer ausladenden Duenenlandschaft. Zwischen den Bergen weht ein steter Wind, der die Felsen zu Sand reibt. Der Wind weht so, dass die Duenen sich kaum fortbewegen, sich nur immer wieder von neuem am selben Ort formatieren und die Fussabdruecke der Wanderer verschwinden lassen. Bald be­finden wir uns mehrere Meter unter dem Meeresspiegel und das Salz knirscht wie Schnee unter unseren Schuhen. Die Erde ist von einer dicken Salzschicht ueberzogen, an vielen Stellen gewoelbt und aufgesprengt vor lauter Trockenheit und all den Salzkristallen. Sie glitzern in der Sonne. Hier haben wir unsere weisse Weihnacht.

Mir fehlen die Menschen. Die Menschen und ihre Orte. Orte, an denen sie sitzen, und an denen sie stehen. Orte, an denen sie vorbeilaufen, mit einem Laecheln oder einem Augenzwinkern. Orte, an denen sie vorbeihetzen, warum auch immer. Orte, die sie niederreissen, und Orte, die sie sich aufbauen. Das will ich sehen, das will ich ent­decken auf meinen Wanderungen. An soetwas gehen mir die Augen ueber. Ich muss zurueck in die Staedte.

Auf einer Landkarte von Kalifornien finden sich viele Ortsnamen: San Diego, San Elijo, San Clemente, Santa Monica, San Buenaventura, Santa Barbara, San Luis Obispo, San Simeon, Santa Cruz, San Juan Bautista, San Francisco… Meine Guete, was war hier los?! Zu einer Zeit auf dieser Erde bestand Kalifornien aus nicht viel mehr als Indianderzelten und spanisch-katholischen Missionsstationen. (Korrekter­weise muesste ich erwaehnen, dass nicht alle Indianer in Zelten lebten, aber kor­rekter­weise muesste ich dann ergaenzen, dass die Indianer sich aus ganz vielen verschiedenen Indianerstaemmen zusammensetz(t)en, die sehr unterschiedliche Behausungen fuer sich entwickelt hatten, und wuerde dann korrekterweise noch ein bisschen weiter ausholen und betonen, dass der Indianer ein Konstrukt des westeuro­paeisch-imperialistischen Denkens einer Zeit unserer naeheren Vergangenheit ist, oder auch einfach auf einem Fehler im Weltkartensystem beruht. Haette der Ko­lum­bus bessere Karten gehabt, wuerden unsere Begriffe jetzt ganz anders klingen. Um hier einen Schritt weiterzukommen, halten wir ein wenig atemlos fest, dass es den Indianer in Wirklichkeit gar nicht gibt. Wir naehern uns damit ganz eindeutig Antworten nach der Existenz des Weihnachtsmanns. Und wie beim Weihnachts­mann sind wir uns alle ziemlich sicher, wie man sich zu verkleiden hat, um als Indianer erkannt zu werden; doch hat schon einmal einer einen echten gesehen?)

Hilft mir all dies auf meiner Suche nach den Staedten?
Bescheid zu wissen kann helfen, zu entscheiden, welche Suchrichtung man am besten einschlaegt, oder einzuschaetzen, wie wahrscheinlich die Suche Erfolg haben wird. Indianerzelte und Missionsstationen, was kann ich da erwarten? Wie wahr­schein­lich sind Indianerzeltmetropolen in Kalifornien? Und in welche Richtung wer­den sich die Missionsstationen entwickelt haben? Zumindest brachten sie es zuhauf auf die kalifornische Landkarte… Aber konnten Staedte aus ihnen entstehen? Reicht es, wenn heutzutage mehr Menschen in Los Angeles wohnen als der spanisch-katho­lische Missionar, um Los Angeles als Stadt bezeichnen zu koennen? Und was ist, wenn es eine Missionsstation zu sehr viel weniger Einwohnern als Los Angeles ge­bracht hat, aber der Missionar abgeloest wurde von Landbesitzern und Feldarbei­tern? Koennen wir das dann als Dorf bezeichnen?
Ich schaue mich um, neugierig und ein bisschen ungeduldig, bemuehe mich um Vertrautwerden mit diesem Kalifornien und seinen Menschenansied­lungen. Es ist ermuedend und zum Verzweifeln: ich stelle fest, dass meine Begriffe nicht passen. Wenn ich eine Ansiedlung Dorf nenne, erwidern die Kalifornier, dass dies kein Dorf sei, weil es ausser der niedrigen Einwohnerzahl keines der Merkmale eines europaei­schen Dorfes habe. Und wenn ich dann vorschlage, ein bisschen herumzulaufen, um einen besseren Eindruck zu bekommen, wissen wir gar nicht so genau, wo wir anfangen sollen, weil es nichts anderes zu geben scheint als ein Einfamilienhaus nach dem anderen und irgendwo am Rande ein kleines Einkaufszentrum. Das ist ja so wie beim Sushi die California-Roll inside-out, denke ich, und nehme mir vor, mit dem Begriff „Dorf“ kuenftig vorsichtiger umzugehen. Wenn ich die Kalifornier frage, wie sie denn ihre Menschenansiedlungen nennen, sagen sie „town“ oder „city“, und auf mei­ne Frage nach dem Unterschied findet sich keine einfache Antwort. Beides wird in Woerterbuechern ueblicherweise mit „Stadt“ uebersetzt.
Diese Ahnungslosen! Wo sind sie denn, all diese „Staedte“, die auf Kalifor­niens Landkarte verzeichnet sind? Ich kann keine sehen. Alles, was ich sehen kann, sieht nach Vorstaedten aus. Vorstaedte, denen die Stadt fehlt. Da, wo ich arbeite, gibt es nicht einmal Buergersteige. Ich gehe entweder auf der Strasse oder auf dem Rasen der Firmenvorgaerten. Und wenn ich da in einer sonnigen Pause so etwas unsicher vor mich her flaniere, suche ich nach Antworten: wie nennt man Vorstaedte ohne Staedte? Was muss passiert sein, damit sich eine Menschenansiedlung wie eine Stadt anfuehlt? Was gilt es zu vermeiden; und ueberhaupt, kann man das planen? Ist das alles eine Frage der Zeit? Wie ich da so zwischen Autos und Rasen zu flanieren ver­suche, komme ich mir ein winziges bisschen altmodisch vor.

<< vorwärts California Journal rückwärts >>

This entry was published on September 27, 2010 at 10:51 pm. It’s filed under Leicht verstaubt and tagged , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

Leave a comment

Discover more from California Journal

Subscribe now to keep reading and get access to the full archive.

Continue reading