Letzte Woche haben wir Mondfest gefeiert. Ein alter chinesischer Brauch, vielleicht sogar der zweitwichtigste chinesische Feiertag nach dem chinesischen Neujahrsfest im Frühling. Mondfest wird auch Mittherbstfest genannt und findet am 15. Tag des 8. Mondmonats statt – wenn man nach dem traditionellen chinesischen Kalender geht. Üblicherweise fällt dieses Fest auf die Tagundnachgleiche (Äquinoktium) – wenn man nach dem astronomischen Kalender geht. Ob Lunar-, Solar- oder Lunisolarkalender, zur Mittsommernacht ist der Tag am längsten, zur Mittherbstnacht ist der Mond am größten und strahlt am hellsten. Und die Chinesen schenken sich gegenseitig Mondkuchen, kleine runde Teigteilchen, die mit Bohnen- oder Lotussamenpaste, Datteln oder Hackfleisch gefüllt sind. Meist enthalten sie zusätzlich ein gekochtes Eigelb, das an den Mond erinnern soll.

Es war der Tag, an dem mich mein koreanischer Arbeitskollege fragte, ob es denn auch ein typisches Gericht für Octoberfest gäbe. Ich meinte, naja, es gäbe schon typische Gerichte, die man am Octoberfest äße, jedoch meines Wissens nichts, das es ausschließlich am Octoberfest gäbe, so wie den Mondkuchen zum Mondfest. Und fügte nur so vorsichtshalber hinzu:
– By the way, Octoberfest is not a German national holiday.
– Oh, really, I didn`t know that.
Oktoberfest ist kein deutscher Feiertag, wer hätte das gedacht. Oktoberfest ist eigentlich nur eine Münchner Angelegenheit und wird von weiten Teilen Deutschlands nicht zur Kenntnis genommen. Warum auch? Wir haben doch unsere Stiepeler Dorfkirmes und den Hamburger Dom und die Cannstatter Wasen und ähnlicherlei.

Meinem koreanischen Kollegen kann ich seine Fehlannahme nicht vorwerfen, denn in Kalifornien bekommt das Oktoberfest eine Aufmerksamkeit wie ein gesamtdeutscher Feiertag. Es ist eigentlich der einzige deutsche Feiertag, dem überhaupt irgendeine kalifornische Aufmerksamkeit geschenkt wird – wenn es denn einer wäre. In San Francisco wird jeden September mehrere Tage lang ein Octoberfest by the Bay gefeiert mit Gemutlichkeit Night und Sizzling Oompah Music. Die deutsche Bäckerin feiert ein Octoberfest in Mountain View, das Naturfreundehaus in Oakland, in Marin, Studenten der Stanford Universität, um nur einige zu nennen. Das Oktoberfest tritt in Kalifornien im Plural auf, es ist unvermeid- und unverpassbar. Und die Unterscheidung zwischen Münchnern, Bayern und anderen Deutschen fällt aus kalifornischer Entfernung ein bisschen schwerer.
Wie sich herausstellt, tritt seit einigen Jahren das Oktoberfest sogar in Deutschland im Plural auf. Es wird z.B. seit 2002 auch in Konstanz, seit 2003 auch in Zwickau, seit 2005 auch in Bottrop, Hamburg und Köln, seit 2010 auch in Bonn und Berlin gefeiert. Bedürfnis nach Tradition, fast egal, woher sie kommt, nicht ohne ein ironisches Augenzwinkern. In diesem Zusammenhang wäre zu bemerken, dass man in den spanischen Radiostationen Kaliforniens ganz oft Musik zu hören bekommt, die wie Oktoberfestmusik klingt. Es handelt sich um Banda, eine Form traditioneller mexikanischer Musik. Wie wohl das eine mit dem anderen zusammenhängt?

Die Kalifornier widmen sich dem Octoberfest jedenfalls nicht ironisch, sondern so ernsthaft wie allen Feiertagen anderer Kulturen. Wenn ich dann mit missionarischem Eifer sage, Octoberfest is not a German national holiday, sind sie fast ein bisschen enttäuscht.
Das Goethe-Institut feiert dieses Jahr auch ein Octoberfest. Hoch über den Dächern von San Francisco auf der institutseigenen Dachterrasse. Ein verlockend urbaner Kompromiss. Wie oft haben wir uns in San Francisco umgeschaut und gedacht: „Soviel ungenutzte Dachfläche! Was man damit nicht alles machen könnte. Parkplätze, Cocktailbars, Stadtgärten.“ Vom Dach des Goethe-Instituts müsste man einen prima Blick auf Chinatown haben. Mit ein bisschen Glück können wir der anderen Kultur beim Feiern zuschauen.
[Octoberfest by the Bay]
[Octoberfest auf dem Dach des Goethe-Instituts]
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