Ersterscheinung per Email am 3. Februar 2008 in CA Journal Nr. 6. Ab heute auch online zugänglich.
Haette der Kolumbus bessere Karten gehabt… (dann haette er nicht in Amerika nach den Indianern gesucht.)
Ja, wollen wir das nicht alle, bessere Karten?! Karten, auf die wir uns verlassen koennen?! Einen Espressomacher, der nicht schon mit Macken geliefert wird? Eine Software, die nur ganz ganz selten abstuerzt? Ein Sofa, das dem unermuedlichen Ikea-Sitztest standhalten wuerde, und hoffentlich auch der naechsten Umraeumaktion?
Doch wie koennen wir das alles garantieren? Was muessen wir anstellen, um einen mackenfreien Espressomacher zu produzieren, die abstuerzsichere Software, auf die alle schon so lange warten? Machen wir es so wie Ikea und bauen kleine Kissendrueckmaschinen, die menschliches Sitzverhalten imitieren, und finden so heraus, wie oft und wie lange das Kissen das menschliche Hinsetzen aushaelt? Und was ist hier das Kriterium fuer ausreichende Qualitaet? Dass auch unsere Enkel noch bequem auf dem Sofa werden sitzen koennen? Dass wir zwanzig Jahre, fuenf Jahre oder drei bequem auf ihm sitzen koennen? Oder vielleicht nur eins, denn dann haben wir uns an dem Muster und seinen Farben sattgesehen? Reicht es, dass das Sofa bequem aussieht, zum Hinsetzen einlaedt?
Was ist, wenn wir eine Produkteigenschaft testen wollen, fuer die sich nicht so einfach eine Testmaschine bauen laesst wie fuer das Ikea-Sofa? Was ist, wenn wir keine andere Moeglichkeit haben, als Menschen zum Testen einzusetzen? Dann sind wir ganz schlecht dran; man koennte auch sagen, dann haben wir schlechte Karten. Zumindest schlechtere als Ikea, denn Ikea muss nicht etliche Menschen bezahlen, die sich tagelang auf seine Test-Sofas setzen, bis die Kissen platt sind. Wenn wir zum Testen unseres Produkts Menschen bezahlen muessen, sind wir mit unseren Gedanken ganz schnell in China.

China? China! Ach, China! Perle des Ostens, Goldwimper des Morgenlandes, Retterin meiner Bilanzen.
China lebt vom Mythos der Verwandlung von Papierdrachen zu Goldeseln. Alles, was ich mir in Kalifornien nicht leisten kann, geht in China ganz muehelos. Augen zu und weitertraeumen.
Ich habe also diese Software und will, dass sie gut genug ist. Gut genug fuer meine Kunden. Dafuer muss ich wissen, was an ihr schlecht ist. Zu schlecht noch fuer die Beta-Version. Das muss also einer testen. Einer ist nicht genug, das wuerde zu lange dauern. Also mehrere, das wird teuer. Teuer, teuer, teuer…China! Ach, China! Perle des Ostens, Goldwimper des Morgenlandes, rette mich und meine Software, und mache meine Kunden gluecklich! Und schon kommen sie, die chinesischen Menschen, und testen und testen und sichern meine Qualitaet und machen hoffentlich auch meine Kunden gluecklich. China, meine Retterin… Doch halt, woher weiss ich denn, wie gut sie testen und wie sehr sie wirklich meine Qualitaet sichern, diese chinesischen Menschen? Sie sind so weit weg und sprechen ganz anders; und vielleicht haben sie mich nicht richtig verstanden; und vielleicht nehmen sie mich nicht richtig ernst und mein Produkt auch nicht; und meine Kunden werden ungluecklich. Das darf nicht sein; das Unglueck meiner Kunden ist mein Unglueck; China, ich muss dich testen, meine Perle, sind deine Wimpern wirklich Gold? Ich muss wissen, was an dir schlecht ist, zu schlecht noch fuer das Testen meiner Beta-Version. Ich muss das Sichern meiner Qualitaet sichern, damit meine Kunden nicht ungluecklich werden. Doch wer kann dich testen, kann testen, wie gut du testest; auf wen kann ich mich verlassen? Das wird teuer. Teuer, teuer, teuer…China?

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