Unerschlossene Forschungsgebiete: Menschen auf Arbeit – Exempt employees

Wer bei Kalifornien an Surfen, Skaten und Snowboarden denkt, liegt ziemlich richtig. Wellenreiten als eine Möglichkeit, sich auf dem Wasser zu bewegen, ist von Hawaii nach Kalifornien hinübergeschwappt. Für wellenlose Tage erfanden kalifornische Surfer das Skateboard. Für Orte mit Wellen in der Landschaft und Wasser im Aggregatzustand Schnee gibt es das Snowboard. Sobald der Schnee schmilzt, schwingt sich der Kalifornier auf sein Mountain Bike, noch so eine Fortbewegungsart, die in Kalifornien zur Perfektion gebracht wurde.

Aber auch Kalifornier arbeiten. Silicon Valley gilt als eine der arbeitsamsten Gegenden. Hier gibt es viele High-Tech-Firmen, die trotz Wirtschaftskrise viel zu tun haben. Die meisten Angestellten dieser Firmen gelten als „exempt“, d.h. außertariflich angestellt. Sie bekommen keinen Stundenlohn, sondern ein Jahresgehalt, das sich an einer 40-Stunden Woche orientiert. Es geht nicht darum, wann sie arbeiten, sondern, dass sie ihre Aufgaben rechtzeitig erledigen. Überstunden werden nicht bezahlt. Während der Kernarbeitszeit (üblicherweise von 10 bis 16 Uhr) sollten sie sich möglichst im Büro aufhalten, um erreichbar zu sein. Ein langer Arbeitstag gilt als tugendhaft. Wie die Zeit im Büro oder in der Nähe des Büros genutzt wird… nun, wer meisterlich einen Eindruck von Emsigkeit verbreitet, hat auch etwas geleistet.

Viele der Angestellten arbeiten in virtuellen Teams, eine Herausforderung für Erreichbarkeit. Der Kollege, mit dem ich etwas besprechen muss, hat sein Büro möglicherweise in Indien und schläft schon längst, wenn ich morgens in mein Büro hineinspaziere. Die Kollegin in Bulgarien könnte ich dann vielleicht noch in ihren späten Abendstunden erwischen. Und die Arbeitsgruppe an der Ostküste ist gerade beim Mittagessen. Mit den chinesischen und japanischen Vertragspartnern findet die Besprechung an zwei Tagen gleichzeitig statt: in Palo Alto ist es z.B. Dienstagabend, in Peking oder Tokio ist es schon Mittwochmorgen. Zwischen uns liegen 12-13 Stunden und die Datumsgrenze. Wenn wir uns nach der Besprechung verabschieden, sage ich „Bis Dienstag!“ und sie sagen „Bis Mittwoch!“. Statt Whiteboards bräuchten wir in unseren Konferenzräumen und Büros viel eher Weltzeituhren, die uns zeigen, wie spät oder früh es bei den anderen Kollegen gerade ist. Unsere Tafelbilder können sie eh nicht sehen.

Wir Mitarbeiter der Globalisierungsabteilung müssten eigentlich auf jede mögliche Verwirrung durch Globalisierung bestens vorbereitet sein. Sind wir auch – theoretisch. Man kann vieles wissen über Zeitverschiebung und Zahlenformate; im Alltag stellt sich heraus, wie reflexhaft wir mit Uhrzeit, Datum und Dezimalzahlen umgehen. So führte ich einmal eine lange Diskussion mit einer Kollegin, weil ich ihre Software-Version von Januar nicht finden konnte, dafür aber eine von Oktober – mein Gehirn hatte die Datumsangabe automatisch auf Deutsch gelesen. Natürlich weiß ich, dass hier der Monat vor dem Tag steht – also 1/10 statt 10/1, doch mein Reflex hatte mich überrumpelt. Als ich einmal eine Gehaltserhöhung per Brief bekam, guckte ich kurz auf die Zahl und war enttäuscht – mein Gehirn hatte das Komma automatisch als Dezimalkomma gelesen. Natürlich weiß ich, dass es hier Dezimalpunkte gibt, muss aber bei der Kostenplanung immer wieder ganz bewusst die Punkte und Kommas setzen.

Eine nicht nur visuelle Verwirrung entsteht, wenn wir betrachten, wie die Wochentage im Kalender angeordnet sind: In Kalifornien fängt die Woche mit Sonntag an. Wie konnte denn das passieren? Sind hier alle immer so emsig, weil ihnen der Ruhetag verrutscht ist?

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This entry was published on October 13, 2010 at 6:37 pm. It’s filed under Unerschlossene Forschungsgebiete and tagged , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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