Leicht verstaubt: DAS KOMMA

Ersterscheinung per Email am 3. Februar 2008 in CA Journal Nr. 6. Ab heute auch online zugänglich.

Ich rede auch Englisch mit unseren deutschen Vertragsarbeitern in China. Das war am Anfang ein bisschen komisch, muss aber sein, weil bei der Besprechung am Tele­fon noch mindestens eine Chinesin mithoert. Und mitverstehen soll. Die Deutschen helfen mir beim Korrekturlesen der Texte in der Software-Benutzeroberflaeche und der Handbuecher. (Wenn sie Fehler in der Benutzeroberflaeche finden, muessen sie unserer Fehlerdatenbank einen Fehlerbericht hinzufuegen. Ganz wichtig ist es, den Fehler in einem Bildschirmfoto festzuhalten, damit alle wissen, worum es geht. Fuer die Handbuecher genuegt es, Korrekturkommentare in den Text einzufuegen.)

Sie sind ganz eifrig dabei und kaempfen um jedes Komma. Schreiben unermuedlich Feh­lerberichte, in denen es um nichts als ein Komma geht. Vor ‚und’ muss doch jetzt kein Komma mehr stehen, sagen sie, und vor ‚oder’ auch nicht. Und dann zeigen sie kein Verstaendnis, dass ich ihre Fehlerberichte geschlossen habe mit einer Bemer­kung der Art „Das Komma ist fakultativ. Die Zeichensetzung der aktuellen Benutzer­oberflaeche ist korrekt. Dieser Bericht wird als „Kein Fehler“ geschlossen.“ Ja, wen­det der deutsche Korrektureleser am Telefon ein und hebt seine Stimme, wir haben im Duden nachgeschaut, das Komma ist fakultativ, aber – ich habe mit meinem Kol­le­gen gesprochen, der auch deutscher Muttersprachler ist, und wir finden beide, dass die Saetze besser sind ohne das Komma, und […] und wir finden, das sollte auch be­rueck­sichtigt werden, und […] und wenn die Firma das jetzt nicht aendert, dann wird das bestimmt noch in 100 Jahren so da drin stehen […]

Ich will etwas antworten, erklaeren, aber es ist kein Durchkommen. Ich zwin­ge mich, ihn ausreden zu lassen. Er haengt sich da rein, sein ganzes Herz haengt an die­sen Kommas; ist ja gut, dass sie ihre Arbeit ernst nehmen. Als er endlich fertig ist – vielleicht etwas frueher als geplant, weil ihm das Englische eher ausgeht als das Deut­sche -, versuche ich, kurz und bestimmt und ganz freundlich zu erklaeren, wo­ran ich mich orientierte, als ich die Fehlerberichte geschlossen habe: ob mit oder ohne Komma, beide Versionen sind richtig. Die Entscheidung fuer oder gegen das Komma ist eine stilistische Frage. Mit stilistischen Fragen koennen wir uns bei technischen Ueber­setzungen leider nicht aufhalten, weil es viel schwerwiegendere Probleme zu loesen gibt, z.B. inhaltlich falsche Uebersetzungen. Ich mache mich auf eine lange Wider­rede gefasst, doch – meine Argumente haben ausgereicht. Der Korrekturleser schweigt.

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This entry was published on October 20, 2010 at 6:40 pm. It’s filed under Leicht verstaubt and tagged . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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