Was ich höre: WM und Wahlen – American Dream Version

Dieses Jahr wurde Amerika schon wieder Weltmeister. Im Baseball. Dieses Jahr holten sich die San Francisco Giants den begehrten Titel „World Champions (of the United States)“. Oder so ähnlich. Die Mannschaften der jährlichen World Series kommen aus ganz Nordamerika. Und hartnäckig hält sich der Glaube, der Wettkampf hieße World Series, weil Spieler aus der ganzen Welt mitspielen.

Baseball erinnert entfernt an Brennball, doch die Regeln sind weitaus verzwickter, die Spiele von eindrucksvoller Länge, weshalb man Baseball gerne von Profis spielen lässt, Brennball auch von deutschen Grundschülern. Baseballspieler sind hochspezialisiert: der eine steht und wirft unerlässlich, der zweite hockt und fängt, der dritte bückt sich und wartet auf den entscheidenden Moment, zuzuschlagen und loszulaufen. Der zweite Spieler kann nur fangen, wenn der dritte Spieler nicht zuschlägt, ein Interessenkonflikt, den der erste Spieler durch geschicktes Werfen zu Gunsten seiner Mannschaft zu lösen versucht.

Baseballspielen ist möglicherweise spannender für die Spieler als für die Zuschauer, einem siegenden Team schaut man trotzdem gerne zu. Und glücklicherweise endete das Baseballturnier genau einen Tag vor der Midterm-Wahl und brachte den ersten Weltmeisterschaftstitel nach San Francisco. Was scheren einen da noch die Wahlergebnisse?!

Doch wer hätte das gedacht, selbst die Wahlergebnisse sind in Kalifornien besser ausgefallen als im Rest der (US-)Welt. Nun, je nachdem, wie man es sieht. Meg Whitman hat nicht gewonnen, Carly Fiorina auch nicht, zwei republikanische Siege weniger. Meg Whitman hat weniger Stimmen bekommen als der Volksentscheid zur Legalisierung von Marihuana. Meg Whitman hat für jede JA-Stimme 54 Dollar bezahlt, der Sieger Jerry Brown nur 6,25 Dollar. Ein preiswerter oder ein überwältigender Sieg? Der zukünftige demokratische Gouverneur Brown hat insgesamt 25 Millionen Dollar für seinen Wahlkampf ausgegeben. Die Verliererin Whitman 160 Millionen Dollar, davon 140 Millionen aus der eigenen Tasche. Soviel wie noch nie jemand zuvor, doch nur 10% ihres Gesamtvermögens, also im Grunde Peanuts. Jetzt wird sie zum Gespött der Leute. Sie habe wohl nicht verstanden, dass so eine politische Wahl anders laufe als eine Auktion bei eBay, der Firma, in der sie als Geschäftsführerin gearbeitet hatte. Ihre Wahlkampfausgaben seien ein One-Woman-Stimulus-Package, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Wahlberater und Plakatedrucker.

Hinter dem ganzen Herumgealbere verbirgt sich Erleichterung und Erschrecken. Kalifornier sind erleichtert, dass es soweit dann doch nicht gekommen ist, aber auch erschreckt, dass es überhaupt so weit kommen konnte. Stinkreiche wollen sich in die Politik einkaufen. Glauben, dass sie als ehemalige Geschäftsführerinnen erfolgreicher Unternehmen wie eBay und HP für politische Ämter bestens vorbereitet seien. Meinen zu wissen, wie man das Geld geschickt umverteilt, an den richtigen Ecken spart und am Ende noch etwas übrig hat (z.B. für so kleine Extravaganzen wie einen sündhaft teuren Wahlkampf). Auch Schwarzenegger hat als Außenseiter angefangen. Vielleicht wäre es ja auch gut gegangen, das Regieren. Wir wissen es nicht.

Besinnen wir uns auf das, was wir wissen. Immerhin 41,6% aller Kalifornier haben für Meg Whitman gestimmt. Meg Whitman dagegen ist Zeit ihres Wahlberechtigtenlebens so gut wie nie selbst zur Wahl gegangen. So etwas bleibt in Kalifornien kein Geheimnis. Und sie hat eine illegale Einwanderin als Putzfrau eingestellt. So etwas kommt spätestens im Wahlkampf ans Licht und hat bisher noch jeder politischen Karriere geschadet. Es ist ja nicht so, dass es in Kalifornien einen Mangel an legalen Putzfrauen gäbe, es gibt lediglich einen unbedingten Willen zum Geldsparen auf Seiten der Arbeitgeber, wieder so ein Interessenkonflikt. Wie sagte Meg: „A new California will rise.“ Und Carly: „The American dream belongs to everyone.“. Danke. Das nächste Mal werde ich mich wohlmöglich am illegalen Wählen versuchen müssen.

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This entry was published on December 4, 2010 at 12:17 pm. It’s filed under Was ich höre and tagged , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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