Unerschlossene Forschungsgebiete: Menschen auf Arbeit – White Elephant

[ Januar 2011 – Alle Jahre wieder, z.B. Winterpause ]


Das für kalifornische Holiday-Parties als für sehr passend befundene Gesellschaftsspiel heißt White Elephant. Holiday-Party heißt die Veranstaltung ganz neutral, um keinem der Gäste kulturell auf die Füße zu treten. Sie findet nicht irgendwann im Jahr statt, sondern meistens ziemlich genau in der Vorweihnachtszeit. Da im Land der Immigranten jeder nach seinem eigenen Kalender lebt, sind für so manche im Dezember ganz andere Feiertage eingetragen oder vielleicht auch erst für Februar oder einen noch anderen Monat. Jedem sein Karneval. Dass Holiday-Parties üblicherweise für Dezember geplant werden, liegt daran, dass sie früher Weihnachtsfeiern hießen. Bis die kulturelle Mehrheit anfing, eine Minderheit neben sich wahrzunehmen. Ist der Blick erst einmal geschärft, wird die Welt bunt und verschieden.

Das besagte Gesellschaftsspiel auf der Feiertagsfeier hat etwas mit Schenken zu tun. Der Austausch von Geschenken ist in vermutlich jeder Kultur zu finden, damit sollten also alle Gäste vertraut sein. Ansonsten sind die Spielregeln recht eigenartig und erinnern wirklich an die verkehrte Welt des Karnevals. Jeder Gast bringt ein Geschenk mit. Und zwar möglichst ein Ding, für das er überhaupt keine Verwendung hat, weshalb er es auf jeden Fall loswerden möchte. Das Geschenk muss eingepackt sein. Niemand kann sehen, wer was schenkt. Und niemand weiß vorher, wer was bekommt. Der ganze tiefere Sinn des Schenkens ist damit dahin. Es kann nicht mehr darum gehen, jemandem eine Freude zu machen. Es kann auch nicht darum gehen, jemanden über ein Geschenk an sich zu binden, eine Gegenleistung herauszufordern. Das Schenken ist entpersönlicht. Interessant.

Und weiter geht’s: alle Geschenke werden möglichst unauffällig auf einem Tisch abgestellt. Niemand möchte mit seinem Geschenk in Verbindung gebracht werden. Dann zieht jeder Gast ein Los mit einer Zahl, die bestimmt, welchen Platz in der Geschenkauswahlreihenfolge er einnimmt. Der Gast mit der Nr. 1 fängt an, wählt ein Geschenk und packt es aus. Ganz strenge Regeln besagen, dass man nur nach dem Aussehen auswählen, die Geschenke also nicht vorher anfassen darf. Hier kommt dann der erste Wahrnehmungstrick ins Spiel: ein besonders großes Geschenk ist vielleicht nur ein großer Karton mit viel Zeitung und sonst nicht viel drin. Bei weniger strengen Regeln kann auch das Gewicht irreleiten, denn man darf beim Auswählen die Geschenke hochheben und schütteln. Sobald ein Geschenk ausgepackt ist, wird das Spiel so richtig widersinnig: man darf jetzt sogar ausgepackte Geschenke von anderen Gästen stehlen. Aber natürlich nur der, der an der Reihe ist. Wem ein Geschenk gestohlen worden ist, der bekommt ein neues. Entweder er packt eins aus oder stiehlt sich eins vom Nachbarn.

Spätestens jetzt kommen äußerst interessante kulturelle Aspekte ins Spiel: wie verhalten sich Menschen, denen in einem genau abgesteckten Rahmen erlaubt ist, öffentlich zu stehlen? Nun, wie sich herausstellt, verhalten sich viele äußerst zurückhaltend. Man stiehlt doch nicht und schon gar nicht, wenn einem so viele dabei zuschauen. Macht einer den Anfang, fallen so manche Hemmungen. Dieses Spiel funktioniert überhaupt nur richtig in einer Gruppe von Menschen, die sich ihm ganz hingeben können. Spielt man es mit seiner Arbeitsgruppe, stellen sich neben den kulturell möglicherweise unterschiedlich ausgeprägten Bedenken (öffentlich) zu stehlen (oder mit einem unpassenden Geschenk in Verbindung gebracht zu werden) noch Respektbezeugungen gegenüber Kollegen und Höherstehenden dem Spielgenuss in den Weg. Dann nimmt sich jeder brav ein Geschenk vom Gabentisch, packt es aus, bezeugt Freude in angemessener Ausprägung, und am Ende gehen alle zurück ins Büro. Alles schon erlebt.

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This entry was published on January 27, 2011 at 9:35 am. It’s filed under Silicon Valley at its best, Unerschlossene Forschungsgebiete and tagged , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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