Was ich sehe: Deutsche Schmuckstücke

[ Januar 2011 – Alle Jahre wieder, z.B. Winterpause ]

Am letzten Wochenende gab es in San Francisco wieder ein deutsches Filmfestival. Über zehn Jahre lang fand jeden Januar das Festival Berlin & Beyond statt, bis es ganz überraschend auf den Herbst verschoben wurde. Und genauso überraschend entstand dann ein zweites deutsches Filmfestival, german gems, das dieses Jahr zum ersten Mal zur ursprünglichen Festivalzeit Mitte Januar ablief.

Zwei Festivals sind eine Möglichkeit mehr, sich deutsche Filme anzuschauen. Und nebenher jede Menge schlechtes Englisch zu hören. Aus irgendeinem Grund ist für beide deutsche Filmfestivals die Kommunikationssprache Englisch gewählt worden. Nicht unbedingt auf basisdemokratischem Wege, sondern eher per Dekret von den Veranstaltern. Das ist ein bisschen unerwartet und ein bisschen unangenehm und sicherlich ziemlich schade.

Wer in San Francisco auf ein deutsches Filmfestival geht, der sucht bestimmt auch ein bisschen Anschluss an die deutsche Sprache und Kultur. Englisch haben wir draußen schon genug. Da könnten wir uns doch drinnen vorübergehend ganz dem Deutschen hingeben. In den Fragerunden mit den eingeladenen Filmemachern und Schauspielern ist im Englischen meist nur eine Kommunikation mit beschränkten Mitteln möglich. Der eine kann nicht alles fragen, was er gerne möchte. Der andere kann nicht so genau antworten, wie er gerne möchte. Sei’s drum.

Halten wir uns einfach an Zahlen, die sind sich global am ähnlichsten:

  • Auf dem Festival liefen an 2,5 Tagen insgesamt 10 Filme, davon 1 Kurzfilm. Wir haben immerhin 7 geschafft, ein persönlicher Rekord.
  • 1 Film lief unangekündigt und wird mangels weiterer Informationen hier nicht weiter berücksichtigt.
  • 9 Filme wurden zum ersten Mal in den USA gezeigt.
  • Mindestens 1 Film lief schon auf der Berlinale.
  • Die Länge der Filme bewegte sich zwischen 20 und 122 Minuten mit einer deutlichen Häufung in den 90ern.
  • Bei den meisten dieser Filme handelte es sich um Erstlinge in Spielfilmlänge.
  • Männliche und weibliche Regisseure des Festivals stehen im Verhältnis 7:3.
  • 3 der 10 Filme waren Dokumentarfilme; es ging in ihnen um 1. Surfen, 2. Flugzeugbauen, 3. Transzendentale Meditation. Inwiefern diese Themen als typisch deutsch betrachtet werden können, wurde nicht diskutiert.
  • Als Szenerie wurde überdurchschnittlich häufig eine Bergkulisse gewählt. Nach Angaben der Veranstalterin ist dies jedoch kein Auswahlkriterium gewesen, es handele sich nicht um ein „heimliches Bergfilmfestival“.
  • In (fast) allen Filmen ging es um Liebe. Liebesverhältnisse zwischen Mann und Frau waren noch häufiger vertreten als Bergkulissen. Es wurden aber auch andere Möglichkeiten durchgespielt, z.B. Liebe zwischen Eltern und Kindern, Männern und Flugzeugen, Menschen und ihrer Heimat.
  • Von den geladenen Gästen wurde insgesamt 1 Surfbrett, rot, mitgebracht.

Zwischen den Filmen ergab sich auch die Gelegenheit für einen Einblick in die Befindlichkeit der deutschsprachigen Bewohner Kaliforniens:

  • Wieder einmal bestätigt: „Man kann gut in Berlin leben. Aber nicht arbeiten.“ Ein Hoch auf das Silicon Valley, wo man gut arbeiten kann.
  • Immer noch aktuell die Klage über deutschinteressierte Mitbürger: „Die gehen da hin, weil das so schön deutsch ist. Dabei ist das null deutsch. Und dann fragen die mich immer: Ist das typisch, ist das typisch?“
  • Und eine typische Bäckereiempfehlung: „And the cakes are not sweet.“

Das erinnert mich an die amerikanische Familie in der Abflughalle des Münchner Flughafens. Die Mutter fragt die Kinder, was sie essen wollen. Und die Tochter sagt: „I want bread with no nuts in it.“

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This entry was published on January 27, 2011 at 9:36 am. It’s filed under Was ich sehe and tagged , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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