Leicht verstaubt: ESSEN

[ Februar 2011 – WAS IST WAS Unser Essen ]

Erstveröffentlichung online in CA Journal Nr. 2 vom 2. August 2005

Letzten Freitag wollte ich mit Freunden in Santa Cruz ausgehen. Wir hatten vor, in einem italie­ni­schen Restaurant in der Seabright Avenue zu Abend zu essen. Als wir gegen halb neun dort ankamen, warteten schon jede Menge Leute auf dem Buergersteig. Die Kellnerin sagte uns, dass wir mit eineinhalb Stunden Wartezeit rechnen muessten. Das war sogar fuer kali­fornische Verhaeltnisse ziemlich lang. Ich fuehlte mich an Leningrad erinnert, dachte dann wehmuetig an Berlin und kam mir furchtbar verwoehnt vor. Doch es war eine schoene Som­mer­abenddaemmerung und wir liessen uns auf die Liste setzen. Dahinter schrieben wir den Namen der Bar nebenan, damit die Kellnerin uns dort abholen koennte, falls wir nicht puenkt­lich waeren. Dann vertrieben wir uns die Zeit.

Wir folgten der Strasse bis zum Strand, behielten unsere Schuhe an, weil der Sand schon recht kalt geworden war, bummelten an der Brandung entlang; links von uns vereinzelt Lagerfeuer, rechts von uns der Pazifische Ozean, der mit seiner unglaublichen Kaelte die schoensten Som­mer­sonnentage im Handumdrehen im Nebel verschwinden lassen kann und jedem Sommer­abend die Waerme nimmt. Wer einmal vorgefuehrt bekommen mag, welche Bedeutung der Golfstrom hat, komme sommers nach Kalifornien. Jener Freitagabend war kuehl, aber klar; im Himmel gab es Sterne zu beobachten und einen satten Vollmond. Vor uns blinkte der Leucht­turm auf der Mole, und ich erfuhr, dass dieser Leuchtturm erst drei Jahre alt war, ob­wohl er so aussah, als habe er schon immer dort gestanden. Vereinzelt liefen noch Segelboote in den Hafen ein, viele zogen es jedoch vor, in der Bucht zu ankern; so hatten sie den Blick auf die Lichter von Santa Cruz und seinen Vergnuegungspark an der Uferpromenade, den auch wir hatten, als wir uns umdrehten. Wir gingen ein Stueck am Hafen entlang, links eine Strasse hoch, bis wir wieder das Meer sehen konnten, diesmal oben von der Felskueste aus; links der Ozean, rechts ein Haus nach dem anderen. Wir gelangten an eine private Kinovor­fueh­rung; vom Balkongelaender hing ein Bettlaken herunter, im Garten standen Laptop, Bea­mer und einige Gartenstuehle, die Menschen hatten ihren Spass und wir schauten ein bisschen zu. Dann schlenderten wir weiter und kamen recht bald wieder an dem italienischen Restau­rant an, in dem wir essen wollten; es war erst halb zehn, wir beschlossen deshalb, die restliche Zeit in der Bar nebenan zu warten.

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Ein hellgrau gestrichenes kleines Holzhaus, auf dem in hellblauen geschwungenen Lettern „Yacht Club“ stand. In meiner weissen Leinenhose und meiner weissen Bluse mit feinen rosa und roten Streifen fuehlte ich mich zufaellig passend gekleidet fuer einen sogenannten Yacht Club. Als wir die Bar betraten, nahm uns abgestandene Luft den Atem; wir hatten den Blick frei auf einen Billardtisch, zwei Fernseher, die von der Decke hingen und Baseball zeigten, und eine unscheinbare Theke, um die herumgruppiert Menschen sassen oder standen und mit Wuerfeln spielten, redeten, fernsahen, ein Bier tranken oder auch einen Roman lasen. Wir nah­men in der linken Ecke neben einem uralten Flipperautomaten Platz; so konnte ich sowohl die Menschen vor als auch hinter der Theke beobachten. Die beiden Barkeeper, ein junger Mann und eine junge Frau, arbeiteten konzentriert in einer Geschwindigkeit, bei denen nur Ge­uebten die notwendige Genauigkeit der Handgriffe moeglich ist. Es war eine Wonne, ihnen zuzuschauen. Das Flaschenbier und Hochprozentiges lagerten sie unter der Theke in einem gros­sen Bottich mit Eiswuerfeln, die immer wieder erneuert werden mussten; denn wenn ein Gast ein Erfrischungsgetraenk wuenschte oder einen Drink, dann nahmen sie ein Glas, schau­fel­ten einen Haufen Eiswuerfel aus dem Bottich hinein, stellten es auf die Theke und fuellten die Luecken mit Fluessigkeit auf. Cola und Orangenlimonade kamen direkt aus einer Zapfpi­stole mit vielen Knoepfen, sodass die beiden Menschen hinter der Bar ganz elegant gleichzei­tig z.B. Cola zapfen und Rum eingiessen konnten.

Mir fiel auf, dass niemand in der Bar aussah wie ein Yachtbesitzer, nicht einmal wie der gute Freund eines Yachtbesitzers. Einige der Gaeste haetten Surfer sein koennen, was ich allerdings lediglich der Wahrscheinlichkeit halber annahm. Die Wellen von Santa Cruz ziehen Surfer an; doch als ich einmal genau dort am Felsenufer auf einer Bank sass, wo eine Treppe ins Meer fuehrt, und die Menschen beobachtete, die dort hinauf- oder hinabstiegen, kamen sehr junge und sehr alte, maennliche und weibliche, ehemals schlanke und immer noch schlan­ke, glatzkoepfige und solche mit langen blonden Haaren vorbei. Sie schienen nichts Spezifisches an sich zu haben und ich fragte mich, woran kann man sie erkennen, wenn sie ihr Surfbrett zur Seite legen und den Neoprenanzug ausziehen.

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Zum Wellenreiten braucht man Muskeln in den Armen. Um zu den Wellen zu gelan­gen, legt sich ein Surfer baeuchlings auf sein Brett und paddelt mit seinen Armen durch den Ozean; sieht er eine geeignete Welle herannahen, paddelt er einen U-Turn und stemmt im ent­scheidenden Moment mit seinen Armen seinen Koerper auf die Fuesse. Zum Wellenreiten braucht man auch Seiltaenzerqualitaeten; denn genau dann, wenn man endlich steht, muss man mit dem Brett auf der Welle balancieren. Ob man sie vielleicht an ihrem Gang erkennen kann, so wie den Seemann, der an Land geht? An ihren grossen Er­fol­gen im Armdruecken waehrend eines langen Kneipenabends?

Im Fernsehen zeigten sie immer noch Baseball. Zum wiederholten Male bat ich, mir die Regeln zu erklaeren, doch ich wurde vertroestet. Warte, bis wir einem Spiel im Stadion zuschauen; Baseball ist ein so langsames Spiel, wir werden dort genug Zeit haben, Dir zu erzaehlen, wie es geht, sagten meine Freunde. Immer wenn ich Surfer im Meer beobachte, denke ich, nein, ihre grossen Qualitaeten sind innere. Die meiste Zeit verbringen Surfer damit, zu einem guenstigen Wellenort zu pad­deln und auf einen guenstigen Wellenmoment zu warten. Wellen kommen in Sets, dazwi­schen ist das Meer ruhig. Man kann eine Welle pro Set reiten, muss sich also gut ueberlegen, welche man nimmt, und weiss doch nie genau, wie viele Wellen ein Set haben wird. Wellen­rei­ten verlangt eine enorme Geduld und das Vermoegen, sich auf den Ozean einzulassen, ihn langsam, Welle fuer Welle kennenzulernen, um herauszufinden, wie eine Welle aussieht, auf der es sich besonders gut reitet. Wann man so eine Welle noch einmal antreffen wird, kann man vielleicht mit viel Erfahrung voraussehen, aber keinesfalls beeinflussen.

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Um circa zehn Uhr betreten wir das italienische Restaurant. Ein mittelgrosser Raum. Vollge­stellt mit einfachen Holztischen. Und Holzstuehlen. Auf der linken Seite eine Theke. Dahinter die Kochplatten. An der Wand ein paar Fotos. Und vor allem Zettelchen mit Buntstiftzeich­nun­gen von Kindern. Und krakelige Botschaften: I love your food. Keine Klimaanlage. Da­fuer ein Ventilator. Und zur Strasse hin grosse Fenster, die man aufschieben kann. Wir bestel­len zwei Flaschen Mineralwasser. Vorspeisen und Hauptgerichte. Um uns herum: sitzende Men­schen, und laut-haemmernde Diskomusik. Niemand sitzt still. Alle wippen. Mit den Fues­sen. Mit dem Oberkoerper. Nicken rhythmisch mit dem Kopf. Zucken mit den Armen…; da! Ein Diskohit. Hysterisches Kreischen. Zwei Gaeste springen auf. Tanzen im schmalen Gang zwischen den Tischen. Singen laut mit. Mein Essen kommt. Es dampft und duftet. Nudeln mit geraeuchertem Lachs. Und viel Knoblauch. Ich probiere und freue mich, dass es so gut schmeckt. Ich moechte gerne essen. Ich habe lange genug gewartet. Doch mein Koerper faengt an zu wippen. Der Diskohit sitzt mir in den Knochen. Ich moechte tanzen. Ich moechte essen. Den Lachs. Mein Fuss. Diese Sosse. Wasser, Wasser. Ploetzlich kann ich mich nicht mehr halten und fange an zu lachen. Und lache, und lache. Der duerre Koch setzt sich eine re­gen­bogenfarbene Lockenperuecke auf. Sein Koerper wippt. Hinter ihm tanzen die Flammen um die Toepfe und Pfannen. Eine Frau laeuft zur Theke und kuesst ihn. Eine andere springt auf ihren Stuhl und tanzt dort weiter. Mein Blick springt auf eins der Wandfotos: Albert Ein­stein, nein, der Koch, nein, Einstein, nein. Ich kann gar nicht mehr aufhoeren zu lachen. Jetzt erst recht nicht. Blicke zurueck zu den Kochplatten. Sehe den duerren Diskokoch, wie er wip­pend Pastasosse aus der Pfanne auf den Teller giesst. Und denke, ja, es stimmt, er sieht aus wie Albert Einstein. Der kochende Einstein. Albert an den Platten, wippend. Ich blicke wieder auf die Wand und entdecke einen anderen Zettel. Er hat es geschrieben. Sein Pastageheimnis. E=mc2.

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This entry was published on February 28, 2011 at 9:27 pm. It’s filed under Leicht verstaubt, Was ich esse, Was ich sehe, Was ich trinke and tagged , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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