[ Februar 2011 – WAS IST WAS Unser Essen ]
Zum Valentinstag muss ich ein bisschen persönlicher werden, schließlich liegt mir das Thema sehr am Herzen. Rufen wir uns als Einleitung einen Vorfall aus der jüngsten Vergangenheit in Erinnerung:
Im Herbst letzten Jahres ging ich in San Franscisco in Begleitung eines Kaliforniers in ein französisches Restaurant. Ich wählte das Tagesgericht, Filet Mignon, und äußerte während des Essens ganz genießerisch: Endlich mal wieder ein richtiges Steak! Was soll das heißen, erwiderte der Kalifornier, sind die anderen Steaks etwa keine richtigen Steaks?! Nein, antwortete ich, alles andere sollte man überhaupt nicht Steak nennen, das sorgt nur für Verwirrung (und Enttäuschung).

Und damit begann unsere ewig andauernde, immer wiederkehrende Steakdiskussion. Was ist ein Steak? Was darf man Steak nennen? Und wie soll man das andere nennen? Wann immer wir irgendwo einkaufen oder essen gehen, Kochbücher lesen oder im Internet herumspazieren, suchen wir nach Beispielen und Belegen für unsere Meinung über Steak. Es geht uns darum, zu zeigen, dass wir nicht von individuellen Vorlieben und Erfahrungen auf die Allgemeinheit (der Deutschen, der Kalifornier, der Amerikaner) schließen. Es geht uns darum, unseren Blick auf die Welt sprachlich aneinander anzunähern. Es geht uns darum, herauszufinden, ob wir das Gleiche meinen, wenn wir das Gleiche sagen (keine leichte Übung), und natürlich geht es uns auch ein bisschen darum, recht zu haben. Wieviel von der Kuh darf man, kann man, will man Steak nennen? Warum hätte man ein Interesse daran, den Begriff Steak möglichst weit oder möglichst eng zu fassen?
Wie nennt ihr denn das Rindfleisch, das ihr grillt, fragt der Kalifornier und denkt dabei an die ausgereifte Barbecue-Cuisine der Amerikaner. Wenn wir zuhause oder im Park grillen, dann grillen wir kein Rindfleisch. Zumindest hat man mir so etwas noch nie angeboten, kann ich dazu nur sagen.
Natürlich sagen wir beide Grillen und Rindfleisch, doch eigentlich vergleichen wir Äpfel mit Birnen oder apples and oranges.

Ach, wie einfach ist das doch mit den Äpfeln, Birnen und Orangen. Apfel ist apple, pear ist Birne und Orange ist Orange. Porree ist leek und potato ist Kartoffel. Vegetarier müsste man sein.
Doch dann kommt eine Kuh daher. Cow ist Kuh und Rindfleisch ist beef. Sobald Du die Kuh schlachtest, aufschneidest und zum Verzehr zubereitest, scheiden sich die Geister, entstehen Parallelwelten, kommen die landestypischen Schlachtertraditionen ins Spiel. Der ganze kulturelle Ballast eben, der unsichtbar an den Wörtern klebt. Das Ungesagte und Mitgemeinte.
Warum sagt man es eigentlich nicht mit, man ist doch sonst nicht so wortkarg?! Man nimmt einfach an, dass sich alle Gesprächspartner auf den gleichen gemeinsamen Nenner beziehen, wenn sie etwas sagen. Wenn ich z.B. höre, dass wir uns am frühen Nachmittag treffen, denke ich an 15 bis 16 Uhr, doch mein kalifornischer Gesprächspartner meint 1-2pm. Das ist doch noch Mittag, sage ich ganz erstaunt, als ich herausfinde, um wieviel Uhr wir uns wirklich treffen.
Wenn ich vorschlage, sich zum Abendessen zu verabreden, stelle ich mich innerlich auf circa 20 Uhr ein, doch mein Gesprächspartner auf 6 pm. Bei Angabe der konkreten Uhrzeit, stellt sich heraus, dass wir nicht das Gleiche meinten, als wir das Gleiche sagten.
Was sind denn das für Uhrzeiten, denken wir beide und schütteln den Kopf.

Rindfleisch ist beef und Steak ist Steak? Kommt ganz darauf an, was man von seinem Stück Fleisch erwartet. Knochen? Sehnen? Fettränder? Für welchen Genuss geht man in ein (teures) Steakhaus? Ist man überrascht, wenn das Steakhaus auch frischen Fisch anbietet? Darf’s ein bisschen Hummer zum Steak sein? Surf ‘n Turf, der Rock ‘n Roll der Steakküche, aber da sind wir schon ein bisschen vom Thema abgekommen, vom Steak zur Steakbeilage.
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