Was ich sehe: FRANCES – Nicht ohne Eitelkeit

[ Februar 2011 – WAS IST WAS Unser Essen ]

Es ist ein Trend zu beobachten. Überinformierte Menschen wollen das Genießen wieder lernen. Alles wissen wir über unser Essen. Wir wissen, was es natürlicherweise enthält, erlaubterweise enthält und unerlaubterweise enthält. Wann es wächst und wo es wächst. Wie sehr wir schon mit einer Mahlzeit weiträumigen Schaden angerichtet haben. Tiere gequält, Pflanzen gequält, Wasser gequält, Atmosphäre gequält, Körper gequält …
Meine Mahlzeit: Entfernung der Zutaten in Flugstunden, Kosten in Flugemissionen, Genuss in Erderwärmung pro Erdbeere. Oder so ähnlich.

Wie kann man sich dem verweigern? Wie kann man satt werden und trotzdem ein guter Mensch bleiben? Wie kann man sein Essen wieder genießen und dabei ein besserer Mensch werden?

Nun, z.B. indem man sich bewusst einschränkt. Ich zwinge mich, die Auswahl im gewöhnlichen Supermarkt zu ignorieren und nur das zur Kenntnis zu nehmen, was mir die Bauern aus der Umgebung auf dem Markt anbieten. Keine Erdbeeren im Januar. Es gibt Restaurants, die das auch so machen. Ihre Speisekarten sind meist recht kurz und im Winter beschränkt auf eine reichliche Auswahl an Wurzelgemüsen und Kohl. Auf den Speisekarten steht meist aber auch genau, welcher Bauernhof die Rote Beete geliefert hat und welcher den Wirsing. Natürlich ist alles bio, doch noch viel wichtiger, es ist alles vom Bauern um die Ecke. Nachhaltig essen. Man ist nicht länger satt, aber tiefer.

Frances ist eines der neueren Restaurants in San Francisco, das diesem Trend folgt. Die Speisekarte trägt einen Tagesstempel und listet genau 4 Appetithäppchen, 4 Vorspeisen, 4 Hauptgerichte, 3 Beilagen und 4 Nachspeisen auf. Die Getränkekarte ist etwas länger. Hervorzuheben wären hier die alkoholischen Hausgetränke: Cocktail im Schnapsglas mit Zutaten frisch vom Markt und Hauswein, rot oder weiß, jeweils 1 Dollar pro flüssiger Unze (knapp 30 ml). Man zahlt nur, was man getrunken hat. Das Gemüse, das Fleisch, der Käse, ja, (fast) alles, was der Gast isst und trinkt, kommt aus der Gegend, wurde in unmittelbarer Nähe zubereitet, sogar die Teller, von denen er isst. Sie wurden bei Heath Ceramics in Sausalito, am nördlichen Ende der Golden Gate Bridge, hergestellt. Das Ganze wird in einer elegant-unprätentiösen Weise serviert. Die schlichte Zurückhaltung wohlgeformter Dinge entlastet die Sinne und bündelt alle Kräfte aufs Wesentliche.

Frances ist eines der sehr beliebten Restaurants, bei denen es sich empfiehlt, 2 Monate im voraus einen Tisch zu bestellen. Wenn es dann soweit ist, sitzt man eng an eng und kann bei den Essensnachbarn zur linken und zur rechten mühelos mit den Augen mitessen.

Da waren z.B. die beiden Mädchen aus Zehlendorf mit YSL-Portemonnaie passend zur YSL-Handtasche. Sie kamen natürlich nicht wirklich aus Berlin-Zehlendorf, doch sie sahen so aus, als hätten sie von dort her kommen können. Die eine trug ein trägerloses Kleid, das sie unaufhörlich zurechtrückte, wie es fast immer bei Trägerinnen trägerloser Kleider zu beobachten ist. Die Attraktivität trägerloser Kleider ist eine eingebildete und kann mit der Wirklichkeit nur selten mithalten. Das Tragen eines trägerlosen Kleides in einem Restaurant wie Frances ist ein unverzeihlicher Faux-pas, der nicht nur der Trägerin, sondern auch ihren sämtlichen Tischnachbarn den Genuss des Essens durch Ablenkung erschwert, und somit nicht empfohlen wird.

Da war z.B. der schlanke Mitfünfziger im Anzug mit Fliege und umgeben von einer Aura, die man nur als hellwach bezeichnen kann. Er machte der Kellnerin ein Kompliment über das Dessert, begrüßte jede neue Tasse frischgebrühten Kaffees mit einem überschwänglichen „Ah!“ und widmete sich alsdann einer Diskussion des Buchs „How I killed Pluto“ mit seinen drei Begleiterinnen. Er verließ das Restaurant nicht ohne ein Autogramm auf der Ankündigungstafel hinter der Theke hinterlassen zu haben, bereichert um den Spruch „Nutrition is science“. Das war Bill Nye the sience guy, Wissenschaftler und Wissenschaftsvermittler, ein VIP, wie man sich für ein Restaurant wie Frances nicht passender hätte wünschen können.

Anders als es jetzt vielleicht scheinen mag, gibt es im Frances nur für das Personal einen Kleidercode und die meisten Gäste halten sich so unauffällig im Hintergrund wie das Mobiliar. Schließlich geht es darum, das Genießen von Essen wiederzulernen. Und dabei vielleicht sogar ein besserer Mensch zu werden. Nachhaltiges Essen. Sich so gelassen auf das Einlassen, was um einen herum zu finden ist, fällt in Kalifornien leichter als anderswo. Hier wächst einfach fast alles fast immer. Kalifornien ist ein Paradies für nachhaltige Esser, das dürfen wir nicht vergessen, wenn wir mitleidig-herablassend-vorwurfsvoll auf die eisbergsalatessenden Einwohner von z.B. Ohio schauen.

[ Frances ]
[ Heath Ceramics ]
[ Bill Nye ]
[ How I killed Pluto ]

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This entry was published on February 28, 2011 at 9:27 pm. It’s filed under Was ich esse, Was ich höre, Was ich sehe, Was ich trinke and tagged , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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