Unerschlossene Forschungsgebiete: Verschiebungen

[ März 2011 – Warum sind wir eigentlich hier, wir könnten doch woanders sein? ]

In die Nähe von San Francisco zu ziehen, bedeutete, plötzlich da zu sein, wo der ganze neue technische Schnickschnack herkommt. Apple war gleich nebenan, IBM, Intel und hp, Google und Yahoo und Adobe und – nein, Microsoft kommt aus der Nähe von Seattle. Der einzige Ort, zu dem ich mir schon vor der Anreise etwas vorgestellt hatte, war Mountain View. Dort stand die berühmteste Suchmaschine der Welt. Wie sich dann herausstellte, liegt Mountain View gar nicht auf einem Berg. Aber in der Ferne kann man Berge sehen.

Früher – und das ist wirklich noch überhaupt nicht lange her – war das Silicon Valley ein riesiges Obstanbaugebiet. Fruchtbarer Boden und viel Sonnenschein für Kirschen und Aprikosen und Walnüsse, ja sogar Orangen und Zitronen. Es hieß damals noch Santa Clara Valley oder auch The Valley of Heart’s Delight und Goethe hätte sich hier fast wie in Italien gefühlt. Jetzt befinden sich auf diesem fruchtbaren Boden die Firmengelände der Hard- und Software-Entwickler unserer digitalen Welt. Je älter die Gelände, desto großzügiger sind sie angelegt; flache Gebäude umrahmt von Grünflächen, Bougainvillea und Springbrunnen. Ab und an hat man ein paar Obstbäume stehen gelassen zur Erinnerung an eine Zeit, die vor 20, 30 Jahren so rasant zu Ende ging.

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, 
Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
 Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht, Kennst du es wohl? Dahin! Dahin möcht’ ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!

Damals hätte Goethe zwischen all den Obstbäumen die Ruinen vermisst. Heute könnte er einige finden. Verlassene Firmengelände aus den Anfängen der High-Tech-Zeit; hier und dort ist der klassisch-geometrische Stil durchaus erkennbar, erblickt das Auge eine Säule, oft werden die Gärten noch gepflegt. Ihre Bewohner sind weitergezogen, weil sie expandieren wollten oder aber weil der Erfolg ausblieb. Er könnte Gebäude finden, die immer schon leerstanden, gebaut von Spekulanten in der Boom-Zeit, zerschlagene Hoffnungen, lohnenswerte Steuerabschreibungen. Ob das im alten Rom auch schon üblich war?

Kennst du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach,
 Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach, Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan? Kennst du es wohl? Dahin! Dahin möcht’ ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!

Von Obstplantagen zu Computerchips, von Zitronen zu Internet-Suchmaschinen, wer hat da nachgeholfen? Bildung und Forschung und Entwicklung. Im Santa Clara Valley wird schon über ein Jahrhundert lang in die Zukunft investiert. In Universitäten wie Stanford (und San Jose State). In Forschungseinrichtungen wie Stanford Research Institut (jetzt SRI) und Xerox Palo Alto Research Center (jetzt PARC). In Firmen wie Hewlett-Packard (jetzt hp) und Apple (immer noch Apple), deren erster Firmensitz aus nicht viel mehr bestand als der Garage der Gründereltern. So kann es gehen: Menschen sitzen unter Apfelsinenbäumen und erfinden Halbleiter, sie beißen in eine frischgepflückte Aprikose und denken sich eine graphische Benutzeroberfläche aus, sie knabbern an ein paar Walnüssen und schon kommt ihnen eine Computermaus in den Sinn, und über allem scheint verlässlich die Sonne Kaliforniens.

Doch ach, Santa Clara, die Säule schwankt. Du stehst fest, aber der Boden schiebt sich mit Dir durch den Raum. Die Tür krächzt im Rahmen. Und eine Apfelsine fällt vom Baum. San Andreas, steh still.

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
 Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg, In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut,
 Es stürzt der Fels und über ihn die Flut: Kennst du ihn wohl? Dahin! Dahin Geht unser Weg; o Vater, lass uns ziehn!

Erdbeben sind in der Nähe des San Andreas-Grabens nicht auszuschließen. Sie treten jedoch selten heftig genug auf, um ernsthaften Schaden anzurichten. Erdbeben scheren sich nicht um Zitronenbäumchen oder Computermäuse und beeindrucken jedes Mal wieder durch ihre Unberechenbarkeit. Sicher kann man vor „the next big one“ nie sein. Und gerade deshalb in die Zukunft investieren.

[ San Andreas-Graben ]
[ HP-Garage ]
[ Apple-Garage ]
[ Silicon Valley ]

This entry was published on March 31, 2011 at 7:53 pm. It’s filed under Unerschlossene Forschungsgebiete, Was ich sehe and tagged , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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