Was ich höre: Die Berliner Mauer wandert aus

[ März 2011 – Warum sind wir eigentlich hier, wir könnten doch woanders sein? ]

Dies ist die unglaubliche Geschichte von zwei Wörtern, die auszogen, die Welt, oder zumindest den kalifornischen Teil davon, zu erobern.

Jahrzehntelang hatten sie es sich in Deutschland recht gemütlich gemacht, durch ihr bloßes Dasein bei den meisten sie umgebenden Menschen ein starkes Gefühl von Unwohlsein ausgelöst. Es soll den einen oder anderen gegeben haben, der sich diese beiden Wörter genüsslich im Munde zergehen ließ und voller Genugtuung und Zuversicht dem damit zusammenhängenden Mauerwerk und seiner ihm zugrunde liegenden Idee gedachte; doch ach, wie kann ein Mensch mit Herz sich ernsthaft an etwas erfreuen, das Menschen trennt und Menschen tötet.

Dann geschah mit einem Male etwas für kaum möglich Gehaltenes. Ein warmer Wind wehte vom Osten und verwirrte all jene, die so jahrelang und mühevoll das Mauerwerk vorm Fallen bewahrt hatten. Und es fiel. Und wie es fiel, zeigte sich, dass es eigentlich aus zwei Mauern bestand, beide so dünn, dass sie sich kaum selber halten konnten, und in der Mitte war ein breiter Streifen mit nichts als Leere angefüllt.

Wie es den Menschen mit dieser Veränderung ergeht, ist die eine Sache. Aber wie es den beiden Wörtern ergeht, als sie einen, vielleicht den wichtigsten Teil im semiotischen Dreiklang verlieren, das können wir uns als Menschen kaum vorstellen. Das Objekt, auf das sie sich beziehen, ist gefallen. Werden sie damit überflüssig, droht ihnen ein Ende auf dem Schrottplatz abgelebter Wörter?

Natürlich gab es da noch die Idee, die sie als Wörter bei den Menschen hervorrufen konnten, z.B. die Idee von einem Mauerwerk, das Menschen trennt und Menschen tötet. Wir wissen jedoch, wie es den Wörtern ergeht, die nicht so mühelos wie andere auf das mit ihnen gemeinte Objekt verweisen können – vergleichen wir nur Tisch mit Liebe und Baum mit Gott. Wörter wie Gott oder Liebe haben es schwer und leicht zugleich. Ohne Realitätsabgleich stehen sie schutzlos da und man kann fast alles mit ihnen machen. Genau darin liegt aber auch ihre Chance. Ein Tisch ist immer ein Tisch, doch was kann nicht alles eine Berliner Mauer sein?

So dachten sich die beiden Wörter und kamen sich dabei ziemlich clever vor und machten sich auf den Weg. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten müsste doch auch noch ein Plätzchen für sie frei sein. Unterwegs erzählte man ihnen, dass es einen Ort gäbe, an dem das Sich-Immer-Wieder-Neuerfinden erfunden worden sei und sich in Windeseile als Daseinsform ausgebreitet habe. Wo liegt denn dieser zauberhafte Ort, fragten sie neugierig. Tief im Westen, wurde ihnen geantwortet. Und wie heißt er, woran können wir ihn erkennen, fragten sie weiter, schließlich wollten sie nicht aus lauter Unkenntnis an diesem Ort vorbeilaufen. Er heißt Kalifornien. Man kann ihn gar nicht verpassen, denn hinter ihm hört das Land auf und man würde ins Meer fallen, wenn man ungebremst weiterliefe.

Der Weg zog sich hin und erwies sich als sehr viel beschwerlicher als erwartet, denn die beiden Wörter waren aus ihrer Heimat ganz anderes Reisen gewohnt. Sie überquerten den Ozean als blinde Passagiere auf einem Containerschiff und schmuggelten sich dann in einen Zug, doch was war der langsam. Immer wieder hielt er und zwischendurch mussten sie umsteigen und dann noch einmal und noch einmal und waren immer noch unterwegs. Wo sind wir denn hier gelandet, riefen sie empört, erfinden sich denn die Züge hier nicht immer wieder neu? So lernten sie schon ihre erste Lektion, bevor sie überhaupt richtig angekommen waren.

Und wie ist es ihnen ergangen, den beiden Wörtern, der Berliner Mauer in Kalifornien? Nun, das viele Licht half ihnen, die Erschöpfung von der strapaziösen Reise rasch abzuwerfen. Sie spazierten am Strand entlang, schauten auf den Pazifik und dachten über ihre Zukunft nach. Am Abend wärmten sie sich an einem Lagerfeuer und machten die Bekanntschaft von ein paar Wellenreitern, Frauen und Männern, die, wie sie tagsüber schon beobachtet hatten, mithilfe eines Bretts auf dem Wasser stehen und sich mit dem Rhythmus des Meeres bewegen konnten. Das erschien den beiden Wörtern als eine so ungewöhnliche Idee, dass sie ihnen auch ihre anzuvertrauen wagten.

Die Wellenreiter lauschten aufmerksam der Geschichte dieser beiden Wörter, die nach einem Objekt suchten, das sie bezeichnen konnten. Deutschland schien weit weg, von einer Berliner Mauer hatte man wohl schon einmal gehört und empörte sich nun, dass sie nicht nur zur Zeit ihrer Existenz, sondern weit darüber hinaus nichts als Unglück brächte, wie doch an diesen beiden alleingelassenen Wörtern gut zu erkennen sei. Ein neues Objekt zur Bezeichnung konnten die Wellenreiter den beiden Wörtern nicht anbieten, aber sie versprachen, sich einmal in ihrem Bekanntenkreis umzuhören.

Und wie es denn so kam, war eine dieser Wellenreiter mit einem politischen Aktivisten befreundet, der ausdauernd den negativen Seiten von Veränderungen nachspürte. Seine letzte Entdeckung war die zerstörerische Wirkung von Hochgeschwindigkeitszügen auf das menschliche Zusammenleben. Er hatte von Plänen gelesen, die Strecke von San Francisco nach Los Angeles für Schnellzüge auszubauen. Schnellzüge, die mit der Geschwindigkeit eines ICEs durch beschauliche Städtchen rasten und eine eigene Trasse brauchten, damit ihnen kein Fußgänger oder Fahrradfahrer und vor allem kein Auto in den Weg kam. Politischer Sprengstoff, dachte er sich.

Als dieser politische Aktivist die Geschichte von den beiden Wörtern hörte, fühlte er zunächst nichts als Bedauern ob ihres Schicksals, doch dann kam ein Leuchten in seine Augen. Er hatte einen seiner berühmten sprachlichen Einfälle, die politischen Kampagnen das nötige Leben einhauchen. Wie in Ekstase rief er: Berliner Mauer, ja, das ist es. Fast jeder hat schon einmal davon gehört, kaum einer hier hat sie richtig erlebt, niemand verbindet etwas Positives mit ihr. Direkt aus dem Kalten Krieg nach Kalifornien, Original existiert nicht mehr, freigewordenes Zeichenmaterial. Schick mir die beiden Wörter, können sofort bei mir anfangen.

Die beiden Wörter wussten nicht, ob sie lachen oder weinen sollten, als sie davon hörten. Natürlich erfüllte es sie mit Stolz, dass sich die weite Reise gelohnt hatte, dass sie wieder gebraucht wurden. Aber als Bezeichnung für die Trasse eines Hochgeschwindigkeitszuges? Sie erinnerten sich noch gut an die beschwerliche Reise in den langsamen Zügen und konnten in einem Schnellzug und all den für die Geschwindigkeit eines ICEs nötigen Bauwerken wirklich nichts Negatives sehen, überhaupt nichts. Vielleicht hatten die Wellenreiter oder der politische Aktivist gar nicht richtig verstanden, was die Berliner Mauer überhaupt gewesen war?!

Im Vorstellungsgespräch gaben sie sich große Mühe, ehrlich und aufrichtig von Damals zu erzählen. Der Aktivist hörte zu und erklärte ihnen dann, dass die ursprüngliche Berliner Mauer und die Trasse eines Hochgeschwindigkeitszuges sicherlich nicht viele gemeinsame Merkmale hätten, sich aber für seine Zwecke ähnlich genug seien und die Bezeichnung „Berliner Mauer“ darüber hinaus auf geradezu vortreffliche Weise Altmodisch und Frisch miteinander verbinde, was die von ihm zu aktivierenden Menschen ob der Frische der Wörter aufhorchen ließe und sie dann längst vergessen geglaubten Erinnerungen an schreckliche Zeiten ausliefere. Ein Vergleich, nichts als ein politisch ungeahnt effektiver Vergleich sei es, dem ursprünglichen Mauerwerk rücke man damit keineswegs zu nahe.

So lernten die beiden Wörter ihre zweite Lektion und stimmten zu, was ihnen leichter fiel, weil sie einen Plan hatten. Von jeher waren sie es gewöhnt, politisch brauchbar zu sein, jetzt wollten sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und ausgleichende Gerechtigkeit schaffen. Wenn die Trasse eines Hochgeschwindigkeitszuges als „Berliner Mauer“ bezeichnet werden könnte, wie wäre es dann mit all diesen schrecklichen Straßen, die das Land zerschnitten? Natürlich nicht die harmlosen kleinen, sondern die, die sich auch vertikal aufs Unangenehmste ausbreiteten. Man erzählte ihnen von einer zweistöckigen Autobahn entlang des Ufers von San Francisco. Ein Mauerwerk, das die Stadt und ihre Bewohner vom Ufer trennt, vom Hafen, vom Meer, wie passend hätte es mit der „Berliner Mauer“ verglichen werden können, um dann zu fordern, die Mauer müsse weg.

Unglücklicherweise war sie schon weg. Diese Berliner Mauer tief im Westen wurde im Jahre 1989 stark zerstört. Von einem Erdbeben der Stärke 6,9. Den Rest trugen dann die Menschen davon, als sie merkten, wieviel besser es ihnen ohne sie ging. Im Jahre 1989 hatte sich so einiges zugetragen, erinnerten sich die beiden Wörter. War ihnen bei dieser einen Straße also das Schicksal zuvorgekommen, so hatten sich sich immerhin als politisch effektive Bezeichnung ins Gespräch gebracht. Wenn die Leute erst einmal zu reden anfangen, dann finden sie schon Verwendung für das, was sie da sagen. Auch überregional. Und schon konkurrierten Schiene und Straße um ihr Berliner-Mauer-Dasein und die politischen Aktivisten kamen sich sprachlich erstaunlich nahe.

Angesichts ihres Erfolges verspürten die beiden Wörter eine nie gekannte Euphorie. Das kann noch nicht alles gewesen sein, sagten sie, da ist noch mehr drin. Und siehe da, es eröffnete sich ihnen ein weiteres Anwendungsgebiet: die Grenze zwischen Mexiko und Kalifornien. Kritiker wendeten ein, dass der Vergleich unpassend sei, weil es weder darum ginge, die Kalifornier am Verlassen Kaliforniens, noch die Mexikaner am Verlassen Mexikos zu hindern, sondern den Mexikanern das Betreten Kaliforniens zu erschweren. Empört riefen die beiden Wörter aus, es handele sich hier immerhin um eine Grenze wie damals bei der ursprünglichen Berliner Mauer und nicht um so etwas Banales wie Eisenbahnlinien oder Straßenverläufe, die Bezeichnung sei also in der Hauptsache richtig und alles andere sei Auslegungssache, übrigens auch schon damals gewesen. Die Diskussion zog sich hin und wurde heftig. Möglicherweise lag es daran, dass sich die Objekte der Bezeichnung zu ähnlich waren, aber wer kann das heute noch so genau sagen.

Die beiden Wörter jedenfalls lernten ihre dritte Lektion und beschlossen, sich aus dem aktiven Leben zurückzuziehen. Die freigewordene Zeit nutzen sie, um sich in Kalifornien ein Denkmal zu setzen. Sie wollten gewisse Dinge wieder gerade rücken und halfen bei einem letzten Projekt mit: Ein echtes Stück Berliner Mauer in Kalifornien aufzustellen. Es kann auch heute noch in Mountain View besichtigt werden.

[ Fight the Wall ]
[ A modern-day Berlin Wall ]
[ Californians have sued the state to keep special elevated tracks from becoming a “Berlin Wall” through their neighborhoods ]
[ This would have created essentially a giant Berlin Wall ]
[ Is the U.S. Mexico Border Wall the New Berlin Wall? ]
[ Rebuild the Berlin Wall along the U.S. Mexico Border ]
[ Mexico warns U.S. border wall would fall (…) just like the Berlin Wall ]
[ City’s hidden tribute to fall of communism ]
[ Berlin Wall monument ]

This entry was published on March 31, 2011 at 7:54 pm. It’s filed under Was ich höre, Was ich sehe and tagged , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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