[ März 2011 – Warum sind wir eigentlich hier, wir könnten doch woanders sein? ]

Ein japanisches Nudelsuppenrestaurant. Meist schon von weitem daran zu erkennen, dass Hungrige draußen warten, bis drinnen endlich ein Tisch frei ist. Gegessen wird in einem großen Raum mit vielen Vierer-, ein paar Zweiertischen und einer U-förmigen Bartheke in der Mitte. Ganz links ist ein kleiner Raum fast vollständig mit einer Maschine ausgefüllt. Wer zur rechten Zeit vorbeispaziert, kann dem Nudelmeister vom Bürgersteig aus beim Nudelmachen zuschauen.
In einem Fenster hängt die Speisekarte. Verschiedene Nudelsuppenvariationen, darüber hinaus einige Beilagen wie kurz angebratener Fisch auf Reis oder frittierte gefüllte Nudeln, sozusagen japanische Ravioli. Die Suppen heißen Tonkatsu Ramen, Kuro Ramen oder Spicy Miso Ramen. Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal ist die Suppengrundlage, mal eine Miso-Brühe, mal eine Knoblauch-Brühe, mal eine deftige Mischung aus Huhn und Schwein.
Die Gäste sind zu 80% ostasiatischer Herkunft, das Personal zu 50% japanischer und zu 50% hispanischer Herkunft, die Grenze verläuft an der Küchentür. Wer die Gäste bedient, sieht irgendwie japanisch aus, wer den Gästen das Essen kocht, sieht irgendwie hispanisch aus (was nur sichtbar wird, wenn sich das Küchenpersonal an oder über die Grenze wagt). Die meisten Gäste wissen genau, was sie wollen, nur wenige wissen es nicht so genau und fragen nach, meistens auf Englisch. Insgesamt eine relativ vorhersagbare Szenerie.
Und dann gibt es noch das eine Prozent erinnerungswürdiger Ausnahmen.
Zum Beispiel der Vater mit seinen beiden jugendlichen Kindern. Sie sehen ostasiatisch aus. Die Kinder sprechen nur Englisch, der Vater spricht mit ihnen noch eine andere Sprache, doch die Nudeln in der Suppe nenne sie alle drei grundsätzlich „pasta“. Eine italienische Essensbezeichnung in einem japanischen Nudelrestaurant in Kalifornien.
Zum Beispiel zwei junge Burschen. Dem T-Shirt nach aus Mexiko. Sie sprechen Spanisch miteinander und bestellen in gebrechlichem Englisch Spicy Miso Ramen. Um die Nudeln besser aus der Brühe fischen zu können, bitten sie um Gabeln. Allen Vorurteilen nach würde man sie in einer Taqueria erwarten, aber hier sitzen sie, plaudern auf Spanisch und essen eine japanische Nudelsuppe, noch nicht mit Stäbchen zwar, aber voller Genuss.
Zum Beispiel das ältere russische Ehepaar, das kaum Englisch spricht und die einzige Weiße in ihrer Tischnähe voller Hoffnung auf versteckte Russischkenntnisse anschaut. Sie wollen „soup“ und „maccaroni“ und „fish“, aber „no bread“. Aus unerklärlicher Weise sind sie in diesem japanischen Nudelsuppenrestaurant gelandet und bereit, sich auf die japanischen Versionen ihrer Essenswünsche einzulassen. Der Kellner fragt besorgt, ob sie rohen Fisch essen könnten. Wir wissen es nicht und wir können sie mangels gemeinsamer Sprachkenntnisse auch nicht fragen. Aber wir sind zuversichtlich, dass sie sich daran gewöhnen werden.
[ Maru Ichi ]
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