Unerschlossene Forschungsgebiete: Spazierengehen im Park Nr. 1

[ April/Mai 2011: Spazierengehen im Park ]

Wandern in der freien Natur, Spazierengehen im Park, Flanieren in der Stadt. Auch wenn sich die menschlichen Körperbewegungen in allen drei Fällen vom Herumlaufen ableiten, verwenden wir der Unterschiede wegen drei verschiedene Bezeichnungen und fragen uns: Wo findet das Herumlaufen statt? Und wann? Was wird den Herumlaufenden geboten?
Wandern und Flanieren überlassen wir heute den anderen und widmen uns dem Spazierengehen im Park. Herumlaufen an Orten, die irgendwo dazwischen liegen, weder Natur noch Stadt sind. Öffentliche Grünanlagen. Schreckliches Bürokratendeutsch, doch auch ganz gut auf den Punkt gebracht. Zur Standardausstattung eines Parks gehören üblicherweise Bänke und Abfalleimer, oft Toiletten. Viele Parks haben sogar Öffnungszeiten. Kultivierte Natur oder re-naturierte Kultur. Faszinierend an Parks ist, dass sie in beide Richtungen entstehen können. Schauen wir uns das an Beispielen einmal genauer an.

Park Nr. 1: Central Park, New York, NY
In New York kann man sich nicht verlaufen. Diese Stadt ist sicherlich groß, aber verblüffend übersichtlich angelegt. Das Zentrum liegt auf einer Insel, was leicht erkennbare Grenzen setzt. Es ist in Planrechtecke eingeteilt und (fast) jede Straße bekommt eine Nummer zugeteilt. Könnte es noch einfacher gehen? In dieser wohlformulierten Ordnung kann sich dann jeder nach Belieben austoben. Wer vom vielen Flanieren müde wird und nach Hause will, steigt in die U-Bahn oder hält ein Taxi an. Verbindung mit dem Festland ist möglich, aber auf festgelegte Orte (Brücken,Tunnel, Fähranleger) beschränkt, wenn man nicht sein eigenes Schiff mitbringt oder schwimmen möchte.

Ganz anders geht es im Central Park zu. In seinen äußeren Umrissen passt er sich noch der Rechtwinkligkeit New Yorks an, in seinem Inneren verhält er sich geradezu unvorhersehbar. Der kilometerlange Blick nach vorne wird unerwartet von Hügeln, Felsen oder Bäumen verstellt, die Wege schlängeln sich hin und her, bis einem schwindlig wird und man sein Ziel aus den Augen verliert. Ab und an enden sie unverhofft an einer Wasserfläche und man bräuchte ein Boot, um weiterzukommen. Im Central Park kann man sich verlaufen. Bevor er zum Park wurde, befanden sich hier Sümpfe und riesige Felsen, manche als Steinbrüche genutzt. Auf einigen Flächen wurden Schweine gehalten. Unmengen an Kies und Erde waren nötig, um das Gelände in eine Parklandschaft zu verwandeln, sogar Menschen mussten umgesiedelt werden. New Yorks erste öffentliche Grünanlage, kultivierte Natur und re-naturierte Kultur. Seit gut 150 Jahren dem Spazierengehen gewidmet.

Natürlich wirkt der Central Park nur so stark im Zusammenspiel mit der Stadt, die ihn von allen vier Seiten umgibt. Der Flaneur New Yorks wird zum Spaziergänger, sobald er sich in den Central Park begibt, verliert sich in ihm für ein paar Minuten oder Stunden und taucht dann angenehm aufgewirbelt wieder in der Stadt auf. Grün gegen Grau, Schlangenlinien gegen Rechtecke. Und natürlich kann man im Central Park nicht wirklich verlorengehen. Die Wolkenkratzer der umliegenden Stadt eignen sich hervorragend als Orientierungspunkte, denn sie überragen mühelos alles Grün.

Central Park

This entry was published on May 31, 2011 at 8:51 pm. It’s filed under Unerschlossene Forschungsgebiete, Was ich sehe and tagged , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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