Unerschlossene Forschungsgebiete: Spazierengehen im Park Nr. 2

[ April/Mai 2011: Spazierengehen im Park ]

Wandern in der freien Natur, Spazierengehen im Park, Flanieren in der Stadt. Auch wenn sich die menschlichen Körperbewegungen in allen drei Fällen vom Herumlaufen ableiten, verwenden wir der Unterschiede wegen drei verschiedene Bezeichnungen und fragen uns: Wo findet das Herumlaufen statt? Und wann? Was wird den Herumlaufenden geboten?
Wandern und Flanieren überlassen wir heute den anderen und widmen uns dem Spazierengehen im Park. Herumlaufen an Orten, die irgendwo dazwischen liegen, weder Natur noch Stadt sind. Öffentliche Grünanlagen. Schreckliches Bürokratendeutsch, doch auch ganz gut auf den Punkt gebracht. Zur Standardausstattung eines Parks gehören üblicherweise Bänke und Abfalleimer, oft Toiletten. Viele Parks haben sogar Öffnungszeiten. Kultivierte Natur oder re-naturierte Kultur. Faszinierend an Parks ist, dass sie in beide Richtungen entstehen können. Schauen wir uns das an Beispielen einmal genauer an.

Park Nr. 2: High Line Park, New York, NY
Der High Line Park in Chelsea ist nicht einmalig, aber etwas Besonderes. Er ist höhergelegt. Das Zusammenspiel von Stadt und Park findet so nicht nebeneinander, sondern übereinander statt. Mental Geübte können auf zwei Ebenen gleichzeitig herumlaufen, gehen oben im Park spazieren und flanieren gleichzeitig unten durch die Stadt. Wer mental noch kein Doppelleben führen kann, schaut entweder als Spaziergänger auf die Flaneure unter ihm oder vom Bürgersteig aus auf die Menschen im Park. Wie sich zeigt, handelt es sich in jeder Hinsicht um avancierte urbane Ausprägungen.

Für den High Line Park wurde eine alte Hochbahnstrecke re-naturiert, d.h. genau genommen findet die Naturierung zum ersten Mal statt, denn auf der Höhe der Hochbahn gab es vorher nichts als Luft, nennen wir es also Naturierung ersten Grades. Die Hochbahn hatte in den 1930er Jahren eine Güterzugverbindung auf ebener Erde ersetzt, die inmitten vielbefahrener Straßen des größten Gewerbegebiets New Yorks zu gefährlich geworden war. Seit den 50ern übernahmen immer mehr Lkws die Transporte bis in den 80ern die höhergelegte Güterzugstrecke ihren Betrieb einstellte. Die Hochbahn für den Personenverkehr wiederzueröffnen wäre eine Möglichkeit gewesen, allerdings hatte sich im Laufe der Jahrzehnte auch der öffentliche Personennahverkehr von überirdisch über höhergelegt bis unterirdisch weiterentwickelt, war mit einem gut ausgebauten U-Bahnnetz auf seiner Ausprägung 3. Grades angekommen. Völlig frei von urbanen Verpflichtungen konnte man sich dann der Idee eines Parks hingeben.

Wegen seiner „natürlichen“ Begrenzungen besteht der Park aus nicht viel mehr als einem hölzernen Spazierweg, der rechts und links bepflanzt ist, ab und an erheben sich Bänke aus den Holzplanken. Die Spaziergängerdichte wird an engen Stellen unangenehm hoch, nimmt an Parkausbuchtungen wieder ab, manchmal – wie z.B. im ehemaligen Bahnhof unter einem Hochhaus – so sehr, dass man sich völlig ungestört dem Kunstprojekt von Stephan Vitiello widmen kann: jede Minute ist eine andere Glocke New Yorks zu hören. Ungefähr auf halber Strecke sind Sitzgelegenheiten stufenförmig wie im Theater angeordnet. Der Blick führt durch ein riesiges Fenster auf die Straße, pausenlos wird nichts als das Leben in Chelsea aufgeführt. In den ehemaligen Schlachthöfen hört der Park abrupt auf und zwingt einen, die angenehm erhöhte Perspektive aufzugeben. Im Juni wird der Park endlich in seiner Länge verdoppelt, wo sonst kann man noch 5 km lang spazierend flanieren gehen?

[ High Line # ]

This entry was published on May 31, 2011 at 8:51 pm. It’s filed under Unerschlossene Forschungsgebiete, Was ich sehe and tagged , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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