[ Juni/Juli/August/September/Oktober 2011: Keine Sommerpause ]

Barak Obama hat diesen Sommer zum ersten Mal live getwittert. Ein großer Moment in der Geschichte der …… digitalen Kurzmitteilungen? Was hat den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika dazu bewegt, sich live über Twitter an sein Volk zu wenden? War seine Nachricht besonders eilig oder besonders kurz oder an Bürger adressiert, die nur über Twitter zu erreichen sind? Gibt es das überhaupt, Mitmenschen, die man nur über Twitter ansprechen kann? Nun, manche sind nur übers Handy oder über die Büronummer oder über die persönliche Assistentin erreichbar, und jetzt kommt wohl noch Twitter als Alleinstellungsmerkmal dazu. Er weiß ja, wo er mich finden kann, wenn er mir etwas sagen will. Ich mach mir doch jetzt nicht die Mühe und… (schlag eine Zeitung auf, stelle das Radio an oder den Fernseher). Soll er doch zu mir kommen, wenn er etwas von mir will. Soll er mir doch einen twittern. Twittern, was ist das überhaupt? Schlagen wir mal im Internet nach:
Twitter is an online social networking and microblogging service that enables its users to send and read text-based posts of up to 140 characters, informally known as “tweets.” (…) It is sometimes described as the “SMS of the Internet.” (…) Twitter Inc., the company that operates the service and associated website, is based in San Francisco, California
Im Grunde folgt Twitter dem uralten Kommunikationsratschlag „Fasse Dich kurz.“ Jeder einzelne Twitterbeitrag ist nicht mehr als 140 Zeichen lang. Eine Art Internet-Telegramm, das jedem angemeldeten Leser zugänglich ist. Die Längenbeschränkung wird eleganterweise von einer Häufigkeitsentschränkung wieder aufgehoben. Fürs Twittern gilt: „Fasse Dich kurz. Aber so oft Du willst.“ Telegrammeschicken ohne Ende, paradiesische Zustände fürs Kommunizieren, wir werden sehen…
Und was ist das Besondere am Live-Twittern? Ich zeige euch, dass ich euch etwas sage. Was ich euch sage, könnt ihr in wenigen Sekunden im Internet nachlesen. Wer wissen will, wie das aussieht, schaue sich das ebenfalls im Internet erhältliche Video an, notfalls auch mehrmals, um auch kein Detail dieses historischen Moments zu verpassen: Gelöste Stimmung im Hintergrund. Obama steht auf der Bühne an seinem Rednerpult und tippt auf einer Laptoptastatur herum. Wir hören unaufhörliches Klicken, was vermutlich eher von den Fotografen erzeugt wird. Wir können nicht sehen, was getippt wird, weil der Laptopbildschirm dem tippenden Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zugewandt ist. Obama erlaubt sich einen winzigen Moment des Nachdenkens. „It’s only 140 characters,“ erlaubt sich jemand, ihn zu erinnern, und alle lachen. Obama lässt sich nicht irritieren und tippt weiter, und dann ist es auch schon vorbei. Keine Pauken und keine Trompeten, es ist ja auch keine Rakete in den Himmel geschossen worden, sondern lediglich ein Tweet. Obama beim Twittern live zuschauen, das will man trotzdem nicht verpasst haben. 40 Sekunden historischer Moment.
Ganz anders kommt einem das Textproduzieren vor, wenn man durch die Ausstellung The Art of the Book in California: Five Contemporary Presses spaziert. (1.6. bis 28.8. im Cantor Arts Center in der Universität Stanford). Es ist schade, dass die Bücher hinter Glas ganz unerreichbar für unsere Hände liegen, denn die Texte sehen aus wie Texte zum Anfassen, jeder Buchstabe ist tief ins Papier hineingedrückt. Man sieht ihnen die körperliche Anstrengung beim Herstellen an. Jemand hat den Text Buchstabe für Buchstabe gesetzt und mit einer Handpresse Blatt für Blatt gedruckt. Der Schrifttyp wurde passend zum Inhalt ausgesucht, das Layout ist wohlüberlegt, auf manchen Seiten finden sich zusätzlich Graphiken. Oft sind die Buchformate ungewöhnlich, rund oder sehr länglich oder ein großer zusammengefalteter Bogen. Was auffällt, ist die Leere auf manchen Seiten. Soviel Platz auf dem Papier ist unbedruckt. Der Text kann sich regelrecht im Raum entfalten. Das Auge hat Zeit, alles aufzunehmen.
Wenn das Textproduzieren mit Mühe verbunden ist, verlangt auch die Textauswahl eine wohlüberlegte Entscheidung. Was ist druckenswert? Was ist lesenswert? Was ist erinnernswert? Was will man für die Nachwelt aufbewahren? Würden wir weniger twittern, wenn jedes Wort mit soviel Anstrengung verbunden wäre? Ist das überhaupt eine brauchbare Frage, darf man Twittern und Kunstbuchdruck gegeneinander antreten lassen? Auf was für Gedanken ein von der Sommersonne erhitzter Kopf kommt, wenn er in die Kühle eines Museums eintaucht. Ganz entfernt erinnern wir uns in diesem Zusammenhang noch, was genau einen Monat vor Obamas erstem Live-Twittern passiert war: ein Regierungsabgeordneter aus New York gestand, dass auch er getwittert hatte. Glücklicherweise nicht live, es gab also keine direkten Zeugen. Nachdem er einige Tage die Behauptung hatte aufrechterhalten können, es sei nicht er selbst gewesen, sondern sein Twitter-Zugang sei gehackt worden, gab er es endlich zu: ja, er habe Fotos von seinem mit einer Unterhose bedeckten Geschlechtsorgan an Studentinnen verschickt. Über Twitter. Dieses Vergehen wird ihm eine Weile anhaften, vielleicht ein Leben lang. Seine politischen Verdienste werden in Vergessenheit geraten. Wenn Twittern nicht so mühelos wäre, wer weiß, wieviel Kommunikation aus bloßem Energiemangel nicht zustande käme und hinterher wäre man auch noch froh drüber….
… aber worum ging es denn eigentlich in Obamas Live-Tweet?
„In order to reduce the deficit, what costs would you cut and what investments would you keep – bo“. Eine ernsthafte Frage an sein Volk, so ist er, der Präsident Obama. Und so möchte er in Erinnerung bleiben. Jetzt lass uns doch alle an einen Tisch setzen, sachlich diskutieren und am Ende zu einem Kompromiss finden. Im Ansatz sehr überzeugend. Nur leider, leider diskutieren nur die mit ihm, die die Dinge ähnlich sehen. Alle, die die Dinge ein bisschen anders sehen, behaupten, sie seien „the real America“, nennen sich vielleicht sogar „Tea party“ und sagen solange nein, bis die Klügeren nachgeben, um Schlimmeres zu verhindern. Obama bleibt damit eher als einer in Erinnerung, der sich am Ende über den Tisch ziehen lässt. Interessanterweise haben das seine politischen Gegner ganz anders in Erinnerung: „He rammed/crammed/shoved/ it down our throat again.” Obama, der allen seinen Willen aufzwingt; Obama, der Kaiser im Mäntelchen eines demokratisch-gewählten Präsidenten. Der Kampf der Erinnerungen, wer wird ihn gewinnen?
[ Obamas erster Live-Tweet ]
[ Video von Obamas erstem Live-Twittern ]
[ Anthony Weiners Twitter-Skandal ]
[ The Art of the Book in California: Five Contemporary Presses ]
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