Weißt du noch damals in Paris/Kreuzberg?

[ Juni/Juli/August/September/Oktober 2011: Keine Sommerpause ]

In diesem Sommer waren wir in Gedanken auch viel in Paris. Was waren das für Zeiten, als die amerikanischen Hipster dort abhingen, damals vor circa 100 Jahren. Woody Allen hat das in seinem Sommerhit Midnight in Paris äußerst vergnüglich vorgeführt und seine Hauptfigur die Sehnsucht nach dieser verlorenen Zeit so gelungen durchleben lassen. Dieser Textproduzent der 2010er Jahre kann sich nur mühsam von seinem verklärten Blick auf die Vergangenheit lösen. Das Paris von damals ist verlockend, wenn man sich nur an an das erinnert, was überlebt hat; die erfolgreichen Künstler, die gelungenen Werke. „Früher war alles besser“ kann zu einer lähmenden Idee werden, gegen die die eigenen schriftstellerischen Versuche kaum eine Chance haben. Doch je genauer Gil dieses Paris von damals kennenlernt – im Film ist ja so einiges möglich -, desto differenzierter und auch entspannter wird sein Blick. Die Vergangenheit ist nicht mehr überwältigend, sie wird zu einer Tradition, in die man sich einreihen kann. Keiner muss bei Null anfangen. Und keiner kann bei Null anfangen, auch wenn die Startupper von der Nachbarparty uns das so gerne glauben machen wollten. Am Ende lassen wir uns alle gerne auf eine Liebesgeschichte in der Gegenwart ein, spielt sie doch immer noch in Paris. Selbst im Regen erinnert uns eine Brücke über der Seine an die Stadt der Liebe.

Paris eilt ein Ruf voraus und das reicht uns. Paris ist zu einer Marke geworden. Mit unseren Erinnerungen bestimmen wir die Identität dieser Stadt. Woran denkst du, wenn ich Paris sage? Stadt der Künstler. Stadt der Liebe. Stadt der Cafés… Und es müssen nicht einmal unsere eigenen Erinnerungen sein. Es muss nicht einmal wirklich jemals so gewesen sein, denn wir können uns sehr überzeugend auch an Dinge erinnern, die nie passiert sind.

Und woran denkst du, wenn ich Kreuzberg sage?

Kreuzberg is a neighborhood in Berlin next to where the Berlin wall used to stand. Today, it’s the creative and cultural heart of the city; a place where everyone is welcome regardless of what kind of clothes they wear, what kind of music they like, or what they do in their spare time. We think this is a good thing and hope our little coffee shop can do a little of the same. Come and spend some time with us. Yes, you.

Kreuzberg*CA ist ein Café, das von den Erinnerungen zweier junger Kalifornier lebt. Sie erinnern sich möglicherweise nicht so an Kreuzberg, wie andere sich an Kreuzberg erinnern wollen, aber mit den Erinnerungen an Paris sind sich gewiss auch nicht alle einig. Stadtteil als Marke, in San Luis Obispo wird es zumindest versucht. Ein großer Raum mit hohen Wänden, an vielen Stellen großflächig bemalt oder mit Kunst behängt. Leseecken aus abgewetzten Sesseln und Sofas, wie zufällig zusammengestellt. Bücherregale, ein Tisch mit Schreibmaschine. In der Mitte eine große Theke. Alles erinnert irgendwie an früher, doch die Besucher sind ganz gegenwärtig. Sie stellen überall ihre Laptops hin und finden, dass die Poor but sexy-T-Shirts von Kreuzberg*CA ganz gut zu ihrem Studentenleben passen. Andere Bedeutungen kommen ihnen nicht in den Sinn, denn sie leben in einer ganz anderen Welt. Wenn sie aus dem Café herauskommen, betreten sie eine aufgeräumte wohlsituierte Kleinstadt in Kalifornien, die keine Stadtstrände braucht, weil der echte gleich um die Ecke ist. Eine Stadt, in der vermutlich noch nie ein Haus besetzt wurde. Eine Stadt, in der nie eine Mauer stand, zumindest keine Berliner Mauer. Eine Stadt, in der fast immer nur die Sonne scheint und im Winter kein Schnee liegt; nicht einmal Glatteis gibt es zuverlässig. Aber dafür hat sie ja jetzt Kreuzberg, immerhin ein Anfang.

Die Webseite des Cafés zeigt neben der Beschreibung von Kreuzberg ein Foto vom Club der Visionäre, der eigentlich nie in Kreuzberg lag, aber immerhin gegenüber, nah genug. Im Café gibt es zum T-Shirt sehr guten Kaffee aus der Mikrokaffeerösterei Verve in Santa Cruz, allein dieses Kaffees wegen lohnt sich ein Ausflug nach/ins Kreuzberg. Das Essen ist nach Schriftstellern benannt, Deutschland ist mit Goethe, Thomas Mann und den Gebrüdern Grimm vertreten, allesamt Bratwurstgerichte. Auch kalifornische Dichter finden sich auf der Speisekarte: John Steinbeck, Dr. Seuss, Lawrence Ferlinghetti, … und Gertrude Stein, die so zu schreiben versuchte, wie ihre kubistischen Künstlerfreunde malten. Damals in Paris.

In zwei Ausstellungen in San Francisco können wir mehr über sie erfahren. Im Contemporary Jewish Museum wird Gertrude Steins Leben von verschiedenen Seiten aus betrachtet und ein Stück der Wohnzimmereinrichtung nachgestellt. So erfahren wir, dass man bei ihr sogar auf einem Picasso sitzen konnte, als Stickbezug für einen Sessel. (Soviel zu van Goghs auf Kaffeetassen und Mauspads.) Wir schauen uns die vielen Porträts von ihr an und erkennen, wie sie sich eine äußerlich sichtbare Identität schafft und dabei immer mehr einem römischen Kaiser ähnelt. Können wir uns eigentlich vorstellen, wie es sich anfühlte, unter lauter Künstlern Künstlerin zu sein, in einer Zeit, wo Frauen üblicherweise entweder schön aussahen oder schön kochten, selbst Frauen von Künstlern? Was wir uns natürlich auch nicht vorstellen können, ist ein Leben, in dem Geldverdienen dank einer Erbschaft nicht zwingend notwendig ist. Im SFMOMA bekommen wir dann ganz passend einen Einblick in das Kunstsammeln der Geschwister Stein, die 1903 zusammen nach Paris gingen, weil das der Ort war, zu dem man damals ging, wenn man ganz nah dran sein wollte an der künstlerischen Avantgarde.

[ Midnight in Paris ]
[ Kreuzberg*CA ]
[ Poor but sexy ]
[ Seeing Gertrude Stein: Five Stories ]
[ The Steins Collect: Picasso, Matisse, and the Parisian Avant-Garde ]

This entry was published on October 11, 2011 at 10:49 pm. It’s filed under Erinnern, Was ich trinke and tagged , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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