[ Juni/Juli/August/September/Oktober 2011: Keine Sommerpause ]

Nähern wir uns dem Erinnern ganz akademisch. Auf einem Symposium an der Universität Stanford. Es wird im Rahmen des jährlich wiederkehrenden Stanford Summer Theater angeboten und ist offen für alle. Das ist nicht selbstverständlich für eine Privatuni wie Stanford, die den Zugang zu ihrer Bildung üblicherweise mit allen Mitteln erschwert. Aber auch in Stanford gibt es wie an den meisten staatlichen kalifornischen Unis ein Studierangebot für solche, die zwar keinen Abschluss (mehr) machen, aber noch etwas dazulernen wollen. Manche dieser Angebote sind berufsrelevante Fortbildungskurse, manche fallen eher in den Bereich der kulturellen Verfeinerung, wie z.B. die Veranstaltungen rund um das Stanford Summer Theater: Aufführungen zweier Theaterstücke, Filmdiskussionen, 8-wöchiges Seminar und eintägiges Symposium.
Das Symposium Stages of Recollection: Theater as the Art of Memory fand in einem kleinen Theatersaal statt; Vorträge, szenische Einlagen und eine Podiumsdiskussion wechselten sich ab, Mittagessen wurde unter freiem Himmel serviert. Die Mehrheit der Teilnehmer waren Rentner, dazu gestellten sich einige Studenten des Theaterinstituts; Familienkonstellationen wie Ehemann und Ehefrau, Mutter und Tochter, Großvater und Enkelin waren nicht ungewöhnlich, viele von ihnen „Stammgäste“, die schon seit Jahren an diesem Sommerprogramm teilnehmen. Auch so kann man einen Samstag im August verbringen.
Diskutiert wurde intensiv und es ging um grundsätzliche Fragen wie
1. Wer erinnert sich? Um wessen Erinnerung geht es? Wer kontrolliert die Erinnerung? Individuelle vs. Kollektive Erinnerung.
2. Woran erinnert man sich? Und woran nicht? Was ist erinnernswert? Ändert sich das mit der Zeit? Wie wird die eigene Identität vom Erinnern der anderen bestimmt? Kann man sich an etwas erinnern, dass nicht passiert ist?
3. Wann erinnert man sich? Erinnerungsauslöser.
4. Warum erinnert man sich? Und warum nicht? Was will man vergessen? Vergessen vs. Verdrängen.
5. Wie wird Erinnern dargestellt? Wie werden verschiedene Zeitebenen (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft) und Realitätsebenen (Erinnerung im Kopf und reale Außenwelt) auf der Bühne dargestellt?
Auch ein paar Antworten sind noch erinnerlich:
- Die Vergangenheit wird durch das Erinnern zu einem bestimmenden Teil der Gegenwart. Das Abwesende wird anwesend. Ich erinnere mich an mich, aber auch andere erinnern sich an mich. Ich kann versuchen, ihre Erinnerung zu kontrollieren, weil ich weiß, dass ihre Erinnerung meine Gegenwart bestimmt. Ich kann versuchen, meine eigene Erinnerung zu kontrollieren, denn auch sie bestimmt meine Gegenwart und die anderer Menschen.
- In Pinters Stück Old Times kämpfen auf der Bühne Erinnerungen gegeneinander, bis eine Art Erschöpfungszustand eintritt. Das Innenleben ist veräußerlicht, wird von drei Schauspielern und einigen Requisiten verkörpert, ausgelöst werden die Erinnerungen z.B. durch Musik.
- Der berühmteste Erinnerungsauslöser ist vermutlich die Madeleine von Proust. In Die Suche nach der verlorenen Zeit tunkt die Hauptfigur diese französische Gebäckspezialität in heißen Tee und taucht mit dem ersten Bissen völlig unvermutet in ihre Vergangenheit ab: „Et tout d’un coup le souvenir m’est apparu.“ Was Proust dazu verleitet, seinen Lesern in fast wissenschaftlicher Weise darzulegen, wie das Erinnern funktioniert. Erzwingen kann man es offenbar nicht, aber befördern.
- Das versucht auch Ödipus, doch wie ungleich schwerer hat er es. Seine Vergangenheit ist nicht nur sehr viel unangenehmer, er muss sich auch an etwas erinnern, das in seiner Erinnerung eigentlich gar nicht stattfand. Er hat einen Mann getötet und wusste nicht, dass es sein Vater war. Er hat mit seiner Frau geschlafen und wusste nicht, dass sie auch seine Mutter war. Was ändert sich für ihn, wenn er erfährt, dass „the future he flees has already come to pass“, dass die Vorhersage des Orakels, vor der er immer davon gelaufen ist, bereits eintrat? Macht er sich nachträglich schuldig? Jocaste, Ödipus’ Ehefrau und Mutter, versucht, die Erinnerung zu kontrollieren, in dem sie sie überkommt. Sie will vergessen und nur in der Gegenwart leben. Kann man das?
- „Erinnere dich an die Vergangenheit, vergiss die Gegenwart“, heißt es dagegen in Tschechows Kirschgarten. Auf irgendeine Weise ist der Kirschbaum als ein Symbol der Vergangenheit in fast allen Bühnenbildern präsent, z.B. sichtbar durchs Fenster oder sogar mitten im auf der Bühne, sodass externe und interne Welt sich in einem Raum treffen, oder eher abstrakt als Blütenblätter, die in einem Netz über der Bühne sich schwebend auf und ab bewegen, ganz so als atme die Vergangenheit noch mit.
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