[ Juni/Juli/August/September/Oktober 2011: Keine Sommerpause ]

Und dann waren wir noch auf dieser Party beim Nachbarn. Schönes Haus, erfolgreiche Gäste. Er feierte den gelungenen Zieleinlauf beim San Francisco Marathon. Auch eine gutaussehende junge Russin gesellte sich aus diesem Grund dazu. Es wurden Tips zur besten Marathonvorbereitung ausgetauscht, Namen von Laufgruppen fielen. Manche laufen für einen guten Zweck und sammeln mit jeder Meile Geld für Menschen, denen es an etwas mangelt. Doch unabhängig von solch wohltätigen Gründen gehört der Marathon in besseren Kreisen mittlerweile zu etwas Erreichenswertem, ist zu einem Ziel an sich geworden. Man könnte ja auch jeden Abend zum Yoga gehen oder zweimal die Woche seinen Ruderclub aufsuchen, keine dieser durchaus sportlich zu nennenden Aktivitäten kann es mit der Überzeugungskraft eines Marathons aufnehmen: wer es geschafft hat, die 42 oder so Kilometer bis zum Ende abzulaufen, hat etwas geschafft im Leben, hat es allen gezeigt. Fotos vom erfolgreichen Zieleinlauf sind der sichtbar gewordene Beweis des eigenen Erreichungsvermögens, um die sich herum dann auf jeder Party, auf der eigenen Website, die Geschichte vom Überwinden unüberwindbar geglaubter Hindernisse erzählt werden kann, die Urgeschichte des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten.
Die erfolgreichen Marathonläufer waren auf dieser Party beim Nachbarn allerdings nur eine Minderheit, sie wurden deutlich übertrumpft von der Menge erfolgreicher Startupper. Als Startupper bezeichnen wir hier den Gründer oder (eher seltener) die Gründerin eines Startups. Als Startup kann man Firmen bezeichnen, die noch im Entstehen begriffen sind. In den meisten im Silicon Valley bekannten Fällen erfolgt die Arbeitsaufteilung bei einem Start-up folgendermaßen: der oder die Startupper steuern die Idee bei, andere das Geld. Wann ein Startupper als erfolgreich bezeichnet werden kann, kommt auf die Perspektive an. Vom Startupper aus gesehen liegt der Erfolg darin, jemanden davon zu überzeugen, in seine Idee Geld zu stecken, je mehr Geld, desto vielversprechender die Idee. Ob sich diese Investition später einmal auszahlen wird, d.h. die Idee in eine erfolgreiche Firma umgesetzt werden kann, ist für den Startupper eher Erfolg 2. Grades, über den sich auf Partys beim Nachbarn weniger gut reden lässt.

Es zeigte sich, dass Startupper genauso wie Marathonläufer gerne die Geschichte von ihrem Erfolg erzählen. Die Menge an Investmentkapital für die eine oder die andere Idee werden miteinander verglichen wie Laufbestzeiten oder Marathonläufe pro Leben. Jede Idee wird als total neu und einzigartig präsentiert. Wir wissen nicht, ob es immer so war, aber der Startupper von 2011 schaut nur nach vorne, hat keine Erinnerung, ignoriert, worauf seine Ideen aufbauen und wie sie entstehen konnten. Ein unglaublich naiver Ansatz, der aber offensichtlich zu sehr viel Startkapital führen kann. Im Moment ist alles, was auch nur irgendwie in den Bereich social media fällt, ganz heiß, auch wenn es so altbacken klingt wie local photo sharing.
Nun wollen wir all diesen Nachbarn nicht ihr Erfolgsgefühl zermeckern, das so wunderschön kribbelt wie ein Schluck Champagner. Wir wollen ihnen einfach nur einen Happen zu essen anbieten. Ob sie ihn anrühren, schnell runterschlucken oder sich ihn ebenso langsam im Munde zergehen lassen wie das Schluck Champagner, soll nicht mehr unsere Sorge sein. Solange wir uns dabei besser fühlen, weil wir ein bisschen in der Geschichte der Technologie herumspazieren und all diese total neuen und einzigartigen Ideen in einen Kontext einordnen können, wollen wir uns zufrieden geben. Und geben dabei von vornherein zu, dass auch unser Spaziergang so neu und einzigartig nicht ist, sondern ganz ganz stark von einem Artikel im New Yorker beeinflusst wurde.

Es soll hier um die Maus gehen. Die Computermaus, bereits vor zwei Jahren vom Scientific American als „endangered species“ bezeichnet, soll uns kurz vor ihrem Aussterben exemplarisch die 3 Stufen des Erfindens, die Evolution eines Konzepts zeigen. Wie lange gibt es die Maus schon? Um das zu beantworten, müssen wir auch fragen, für wen? Dem gemeinsterblichen Computerbenutzer ist die Maus zugänglich, seit Steve Jobs sie bei Apple kommerzialisiert und mit dem ersten Macintosh verkauft hat. Ob Steve Jobs damals Anfang der 80er auch auf Partys herumhing und seinen Nachbarn von seiner total neuen und einzigartigen Idee erzählte? Wir können ihn leider nicht mehr fragen, aber vielleicht erinnern sich die Nachbarn. Vieles, was Apple gemacht hat, war tatsächlich neu, und so wie diese Firma die Maus an seine Kunden verkaufte, war sie vorher nicht vorhanden.
Doch die Idee von der Maus hatte jemand anders, mehr als 20 Jahre bevor sie erstmals überhaupt käuflich zu erwerben war. Es war Douglas C. Engelbart, Forschungsleiter am Research center for augmenting human intellect bei SRI (Stanford Research Institute) in Menlo Park/Kalifornien, der seine Idee als „X-Y Position Indicator for a Display System“ Anfang der 1960er patentieren ließ. Der erste funktionstüchtige Maus-Prototyp war aus Holz. Engelbart führte ihn auf den Fall Joint Computer Conference in San Francisco vor. Als „mother of all demos“ ist diese Vorführung in die Geschichte eingegangen, und wenn man sich einmal die alten Aufzeichnungen anschaut, wird schnell klar, dass sie revolutionär war und es gut passt, dass sie genau im Jahre 1968 stattfand. Engelbart hielt seinen Vortrag vor Ort in San Francisco, doch ein Teil der neuen Technologie wurde per Video aus dem Labor in Menlo Park zugeschaltet. Neben der Maus wurden u.a. auch real-time editing, multiple windows with flexible view control, shared-screen teleconferencing und hypertext linking erstmalig einer größeren Gruppe von Fachleuten vorgeführt. Vor über 40 Jahren! Damals war die Maus wirklich einzigartig; nur in den Labors eines privaten Forschungsunternehmens, das unglaubliche Mengen staatlicher Gelder für diese Art von Grundlagenforschung eintreiben konnte, gab es diese eine Holzmaus. Die Visionäre unter Douglas C. Engelbart hatten sie gebaut, um zu zeigen, dass das Konzept funktionierte, die Idee mehr als eine bloße Idee war. Es ging ihnen nicht darum, herauszufinden, wie man diese Idee anderen Menschen zugänglich machen konnte.
Und dann kam Steve Jobs? Nein, noch längst nicht.

Vor der Kommerzialisierung durchlief die Maus noch eine mehr als zehnjährige Bastlerphase. Der Chefingenieur aus Douglas’ Forschungsgruppe, Bill English, wechselte Anfang der 70er zum neugegründeten Xerox PARC (Palo Alto Research Center) und brachte die Idee der Maus mit sich. In dem Team „The Architecture of Information“ half er mit, The Office of the Future zu entwickeln. Office of the Future klingt schon um einiges konkreter und angewandter als Augmenting human intellect und man entwickelte z.B. den Laserdrucker (1971), die Personal Workstation (1973), das Ethernet (1973), die graphische Benutzeroberfläche (1975), Unicode/multilingual Computing (1987). Nicht alle Erfindungen existierten nur als Prototypen. Meist wurden sie von Xerox auf den Markt gebracht, so eben auch 1981 der erste Computer mit Maus. Er war kein Produkt für die Massen, aber eben der erste Computer mit einer Maus. Die war nicht mehr aus Holz wie bei SRI, doch ähnelte auch der späteren Maus von Apple nur entfernt.
Und Steve Jobs? Der hatte sich 1979 ganz geschickt einen Forschungsvorsprung erworben, indem er Xerox PARC für einen günstigen Preis Apple-Aktien gegen eine Führung in ihren Labors anbot. Er hat die Maus aber nicht einfach nur von Xerox PARC abgeschaut, er hat sie noch ein ganzes Stück weiter verfeinert und massentauglich gemacht, ähnlich wie die graphische Benutzeroberfläche. Ohne die Vorarbeit von SRI und Xerox PARC aber wäre Apple nicht so schnell so weit gekommen und hätte nicht bereits 1984 den ersten Macintosh mit der Ein-Knopf-Maus angeboten.
Wenn wir heute fragen, wie lange es die Maus gibt und wer sie erfunden hat, hilft es, sich an die Technologiegeschichte der letzten 60 Jahre zu erinnern. Nur so wird deutlich, dass der Staat mit seinen Forschungsgeldern eine wesentliche Rolle spielte und man vielleicht nicht so weit käme, wenn alles in privater Hand ist. Nur dann fragt man sich natürlich auch, warum wir alle solange warten mussten, bis die Maus auf unseren Schreibtischen herumflitzte. Hätte man das nicht etwas beschleunigen können? Wenn doch schon 1960 die Idee patentiert wurde, hätte man sie nicht gleich in ein Produkt umsetzen können, mit dem man viele beglückt und einige viel Geld verdienen können?! Nein, ganz offensichtlich nicht. So einfach erscheint das immer nur, wenn man vergisst, worauf man steht, wie viele Schritte nötig waren, um da hin zu kommen, wo man jetzt ist. Am Ziel spürt ein Marathonläufer jeden Schritt, den er gelaufen ist, in seinen Knochen. Nur ein Startupper aber hüpft heutzutage völlig unbelastet in der Gegenwart herum.
[ Malcolm Gladwell: Creation Myth – Xerox PARC, Apple, and the truth about innovation. ]
[ Now an endangered species ]
[ The mother of all demos ]
[ Xerox PARC ]
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