Serra@Bochum

[ November-Dezember 2011 – Sommer im Herbst ]

Serra in Stanford. Eine riesige rostige Stahlskulptur im Silicon Valley. Zwei ineinander verdrehte Kringel. Hineingehen erlaubt. Hindurchgehen erlaubt. Angucken erlaubt. Aber Berühren verboten. Besprühen verboten. Bemüllen verboten. Strengt bewachte Kunst auf dem Campus der Stanford University. Wer aus Bochum kommt, kennt Serra. Hier wurde weltweit zum ersten Mal eine seiner Skulpturen dauerhaft im öffentlichen Raum präsentiert. Vier riesige rostige Stahlplatten wie ein Kartenhaus zusammengestellt. Oben offen im perfekten Quadrat. Richard Serra selbst hatte sich den Standort in Bochum ausgesucht, mitten in einer vielbefahrenen Straßenkreuzung am Hauptbahnhof. Stahl im Zentrum von Bochum. Stahl mitten im Ruhrgebiet. Genau wegen des Stahls war es damals so bedeutend geworden. Und genau deswegen wurde es damals bombardiert. Ja, und genau das ist übrig geblieben. Nichts als ein paar rostige Stahlplatten.

Diese Stahlplatten waren gleich nebenan in Hattingen hergestellt worden. In der Henrichshütte. Und über den Umweg Kassel in Bochum gelandet. Serra hatte seine Skulptur auf der Dokumenta VI ausgestellt und viel Aufmerksamkeit bekommen. Doch so wirklich haben wollte sie dann kaum einer. So olle rostige Stahlplatten, müssen wir uns die jetzt an die Wand hängen, nur weil manche das Kunst nennen? In Bochum wurden diese Stahlplatten sogar als Wahlkampfmittel eingesetzt, aber es hat alles nichts genützt, der Stahl blieb. Schön ist er nicht (im Ruhrpott hat man Augen fürs Verborgene!).

Die Debatte um Serras Skulptur reichte bis in manche Grundschulklasse hinein. Meine Klassenlehrerin nahm sich die Mühe, uns zu erklären, was ihr an der Skulptur gefiel: Weil sie so vor sich hinrostet, sieht man an ihr, wie die Dinge vergehen. So oder so ähnlich hat sie es gesagt, und mich hat nicht nur die Idee selbst nachhaltig beeindruckt, sondern noch viel mehr, dass man sich solche Gedanken über Kunst machen kann. Kunst kann also alles mögliche und sie kann sogar langsam vor sich hinrosten und mir damit etwas vor Augen führen, das ich anders weniger gut sehen kann.

Bochumer Schulkinder sind seit Jahrzehnten mit Serras Skulptur aufgewachsen, hatten den Stahl im Blick, der die Geschichte ihrer Stadt neben der Steinkohle so lange und so intensiv prägte. Vielleicht sind sie sogar heimlich auf dem stillgelegten Werksgelände an der Alleestraße herumgestrolcht wie wir damals und haben sich ein paar Stahlkringelchen als Erinnerungstücke an die gute alte Zeit der Montanindustrie mitgenommen. Bevor auch dieses Gebiet kultiviert wurde. Jaja, im Ruhrgebiet, da tanzt man in Zechen und spielt in Industriehallen Theater. Bochumer Schulkinder erinnern sich auch noch gerne daran, wie sie nicht müde wurden, das Gymnasium am Ostring in Gymnasium am Rostding umzubenennen, weil es sich zufällig gegenüber von Serras Stahlskulptur befand. Das älteste Gymnasium der Stadt fusionierte 2010 mit einer andern Schule und wird nun unter neuem Namen an einem neuen Ort weiterleben. Jetzt steht das Rostding da ohne Gymnasium.

Auch die Stahlkringel in Stanford kommen aus Deutschland. 2006 wurden sie im Siegerland in Form gebracht. Seit 1930 sind Adolf Pickhan und Nachfahren im Geschäft. Ihr Motto:

gerade Bleche krumm
krumme Bleche gerade
biegen

Sie hatten nicht erwartet, dass ihre Fertigkeiten der Kunst zugute kommen könnten. Sie hatten noch weniger erwartet, damit einmal Geld zu verdienen. Von Siegen aus kamen Serras Stahlkringel ins MOMA nach New York, danach ins LACMA nach Los Angeles. Ab 2016 sollen sie – wenn der Anbau für die Fisher-Sammlung fertig ist – im MOMA in San Francisco ausgestellt werden. Dass man so eine riesige Stahlskulptur durch die Gegend kutschiert wie einen Picasso auf Welttournee ist einigermaßen unvorstellbar. So wie sie da in Stanford steht, sieht sie aus, als stünde sie dort für immer. Man kann sie ja nicht einfach in eine Kiste packen und mit Luftpost verschicken.

Schauen wir uns Serras Kunstwerk einmal etwas genauer an, bevor es wieder abtransportiert wird. In Los Angeles stand es in einer Halle, die so aussah, als sei sie um die riesige begehbare Skulptur herumgebaut worden. So entstand ein Raum im Raum. Stahl, der drinnen steht, rostet viel langsamer, die Zeit schien also eher stehengeblieben zu sein. In Stanford steht die Skulptur draußen. Nach oben ist Platz bis in den Himmel. Überhaupt ist viel mehr Weite um sie herum. Das Hindurchgehen fühlt sich anders an und klingt anders als in L.A. Wenn die Sonne scheint, bilden sich Licht- und Schattenecken. Der Stahl wird warm und strahlt Wärme aus, die man auch spürt, wenn man ihm nur nahe kommt. Anfassen darf man ihn ja nicht. Hier fängt er schon an, der große Unterschied zur Stahlskulptur im Ruhrgebiet. Der Bochumer Serra ist unbewacht. Man kann ihn anfassen. Man kann ihn bemalen, besprühen, bekratzen, man kann seinen Müll hineinschmeißen (auch wenn man sich dabei vermutlich nicht erwischen lassen sollte). Der Bochumer Serra sieht um einiges verlebter aus als der in Stanford. Und es liegt eben nicht nur daran, dass in Kalifornien (fast) immer die Sonne scheint.
Der Bochumer Serra ist kleiner, wirkt aber schwerer und unbeweglicher, weil die Stahlplatten nicht gebogen sind und man nur hinein-, aber nicht hindurchgehen kann. Die Skulptur in Stanford ist geradezu interaktiv, sie lädt dazu ein, sie Schritt für Schritt zu entdecken, dem Hall der eigenen Schritte nachzuhören, an ihren unterschiedlich gebogenen Wänden den Verlauf des Lichts abzulesen, genau hinzuschauen, wie sich der Raum öffnet und schließt und im Zentrum ganz weit öffnet. Nirgendwo sonst können Kinder und Erwachsene so mühelos (fast vollständige) Achten laufen und dabei unversehens der Unendlichkeit ein bisschen näher kommen.

Es ist an der Zeit, dass Bochum ein paar eigene Stahlkringel bekommt. Ihr wisst ja, wie man sie baut.

[ Größenverhältnisse: Das Terminal in Kassel und später in Bochum ]
[ Das Bochumer Terminal von allen Seiten, sogar das perfekte Quadrat himmelwärts ]
[ Vom MOMA zum LACMA. Von N.Y. nach L.A. Der Umzug von Richard Serras Stahlskulptur Sequence. ]
[ 2011 wird Richard Serras Stahlskulptur Sequence in Stanford aufgestellt. ]
[ Cantor Arts Center in Stanford. Eintritt frei. Serras Skulptur ist nur vom Museum aus zugänglich. ]

– Muss man gesehen haben. Video von 1968 –

This entry was published on November 14, 2011 at 6:26 pm. It’s filed under Erinnern, Was ich sehe and tagged , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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