[ November-Dezember 2011 – Sommer im Herbst ]
Ein Familienvater, der ein Buch über häusliche Gewalt schreibt. Ein Mitbürger, der im offenen Kanal eine Sendung über Selbstbestimmung von Schwarzen und friedliches Lösen von Konflikten moderiert. Ein Nachbar, der über Jahre zur 4 Uhr-Schicht fährt und eines morgens mit Waffe erscheint und seine Kollegen erschießt. Auf der Flucht dann eine Frau anschießt, um mit ihrem Auto weiterzufahren. Erst am nächsten Tag gefunden wird und stirbt. Manchmal ist das Leben nicht viel besser als ein mittelprächtiger Actionfilm. Aber auch nicht viel schlechter.
SWAT-Teams fahren mit gepanzerten Fahrzeugen durch die Nachbarschaft, durchsuchen Häuser, in deren Nähe der Amokläufer gesehen worden sein soll. Hubschrauber kreisen mit Suchscheinwerfern über das Gelände. Schulkinder und Lehrer in Cupertino und Los Gatos verbarrikadieren sich in ihren Klassenräumen. Anwohner in Los Altos trauen sich nicht mehr vor die Tür. Angestellten von Apple und HP empfiehlt man, ihre Büros nicht zu verlassen. Alles, um nicht aus Versehen diesem Amokläufer über den Weg zu laufen (oder zu fahren) wie diese Frau, die angeschossen wurde, weil sich ihr Auto als Fluchtfahrzeug anbot. Ganze 27 Stunden lang hält dieser Mann das südliche Silicon Valley gefangen und die Polizei im Einsatz. Gefunden wird er am nächsten Tag eher zufällig. Streifenpolizisten bemerken, wie er sich in Sunnyvale zwischen Autos versteckt. Als Verstärkung eintrifft, kommt es zu einer Schießerei und am Ende ist der Amokläufer tot. Es heißt, er sei nicht durch eine Kugel aus einer Polizeiwaffe getötet worden. Er habe sich selbst erschossen. Selbstmord begangen.
Nun kennen wir das Ende. Aber wann hat diese Sache angefangen? Wo hat sie angefangen? Wir können nicht viel mehr als ziemlich genau festlegen, wo und wann das Schießen losging, nämlich am 5. Oktober 2011 um circa 4:30 Uhr in der Zementfabrik in Cupertino. Schauen wir uns doch den Tatort einmal genauer an.
Der Adresse nach liegt diese Zementfabrik am Stevens Creek Boulevard, eine ziemlich lange Straße, die das Silicon Valley von Ost nach West durchquert. Sie fängt irgendwo in San José an, führt durch Santa Clara und einmal quer durch Cupertino. Wir fahren unter dem Highway 880 hindurch und dann an Einkaufszentren wie Santana Row und Valley Fair vorbei, am berühmten Club JJ´s Blues und einer langen Reihe von Autohäusern, wo die großen Autotransporter ihre Waren direkt in der Straßenmitte entladen, während links und rechts der Verkehr vorbeirauscht. Dann unterqueren wir den Highway 280 und passieren Bürogebäude, weitere Einkaufszentren und das ehemalige Furniture 2000 mit Gruß aus der vergangenen Zukunft. An der Kreuzung mit dem De Anza Boulevard erreichen wir das ehemalige Zentrum der West Side (jetzt Cupertino), an dem früher eine große Getreidemühle stand, umgeben von Obstbäumen, und jetzt Tankstellen und ein Hotel, hinter dem sich ein Gebäude von Apple versteckt. Kurz danach führt die Straße am De Anza College und an der Coffee Society vorbei und über den Highway 85. Die Wohnhausdichte wird höher, wir fahren hinunter in ein kleines Tal und hinter dem Blue Pheasant und dem Golfplatz in eine sachte Linkskurve hinein. Sobald wir den Foothill Expressway überquert haben, wird der Boulevard zu einer kleinen Straße, laden grüne Hügellandschaften zu einer Landpartie ein. Der Rancho San Antonio Park ist in Sichtweite, das Auge entspannt sich, im Radio läuft Blues und dann -!-!-!- gewährt der Berg auf der linken Seite mit einem Mal den Blick auf eine Ansammlung überdimensionierter grauer Bauwerke. Sie sehen bedrohlich aus. So als seien sie nicht wirklich von dieser Welt. Schon wieder dieses Gefühl, sich plötzlich in einem mittelprächtigen Actionfilm zu befinden. Was ist das hier?
Wie es heißt, haben sich das auch die Schulkinder manchmal gefragt, wenn sie mit ihren Mountainbikes durch die Berge kurvten und plötzlich mitten im Grünen diese graue Welt erblickten. „A Russian Missile Base“ nannten sie es in den 80ern, und redeten sich ein, es sei gefährlich, ihr zu nahe zu kommen. Jetzt haben wir die Möglichkeit, uns ihr mit dem nötigen Sicherheitsabstand auf Google-Maps virtuell zu nähern. Interessanterweise ist das ganze Areal nichts als ein weißer Fleck auf der Landkarte. Also doch eine geheime Mission? Im Satellitenbild wird dann bald deutlich, dass es dort wirklich etwas zu sehen gibt und die graue Welt noch um einiges größer ist, als man von der Straße aus erahnen konnte. Sie zieht sich mehrere Kilometer in die grüne Hügellandschaft hinein, von den überdimensionierten Gebäuden am Eingang einmal abgesehen, ist sie völlig unbebaut. Sogar zwei oder drei fast kreisrunde Wasserflächen sind auszumachen. Sie hat etwas Unheimliches, diese graue Welt, selbst von oben und von ganz weit weg aus betrachtet.
Das ist sie also, die Zementfabrik in Cupertino mit Steinbruch gleich nebendran. Wer da jeden Morgen um 4 Uhr zur Schicht erscheinen muss und den lieben langen Tag mit seinem Lkw im Grauen herumfährt… Nein, lustig ist diese Geschichte wirklich nicht.
[ THE QUARRY SHOOTING – Nicht viel besser und nicht viel schlechter als ein mittelprächtiger Actionfilm ]
[ DIE GRAUE WELT auf der Landkarte ]
[ DIE GRAUE WELT auf dem Satellitenbild ]
[ Im richtigen Licht fängt DIE GRAUE WELT an zu glitzern ]