
Samstag, den 14.12. 2013, 11.30 Uhr, Powell Street, San Francisco, Kalifornien. Ein Weihnachtsmann kommt auf uns zu, noch einer, und wieder einer, und jetzt sogar eine Weihnachtsfrau. Sie kommen aus dem U-Bahn-Schacht, aus den Seitenstraßen, von überall her, reihen sich ein, wissen genau, wo sie hinwollen. Eine Blaskapelle spielt verjazzte Versionen altbekannter Weihnachtslieder und zieht sie alle in Richtung Union Square. Jingle bells, jingle bells, Jingle all the way, Oh, what fun it is to ride, In a one horse open sleigh… Die Passanten bleiben stehen, zücken ihre Telefone, um Fotos zu machen, vergessen für eine Weile ihr Weihnachtseilen. Ein nicht-endenwollender Zug von Weihnachtsmännern und Weihnachtsfrauen strömt an ihnen vorbei, winkt ihnen zu, lässt ein Staunen zurück. Doch das war erst der Anfang. Am Union Square, diesem großen Platz inmitten von Downtown San Francisco, sieht man den Weihnachtsbaum vor lauter Weihnachtsmännern nicht mehr. Mit jeder Minute strömen mehr herbei, verdichtet sich die Menge der Weihnachstmänner und Weihnachtsfrauen. Die meisten halten ein Kinderspielzeug in der Hand, einer verteilt rot-weiße Zuckerstangen an Vorbeikommende. Hier und dort sehen wir Elfen aus der Weihnachtswerkstatt und manch einen einfach nur in farblich passendem Winterpulli mit Rentierhörnern auf dem Kopf. Die Sonne strahlt vom Himmel und Hunderte von Weihnachtswillige strahlen zurück, alle sind in allerbester Feierlaune. Ein herrlicher Anblick, ein Meer von roten Mänteln, weißen Bärten und rot-weißen Zipfelmützen.
Müssen wir uns fragen, worum es hier eigentlich geht? Warum sich sich etliche San Franciscaner weihnachtlich zurecht machen und zum Union Square begeben, anstatt sich in den Weihnachtstrubel der Geschäfte zu stürzen? Karneval statt Konsum? Wie wir später herausfinden, sind wir unwissentlich inmitten von SantaCon oder Santarchy gelandet, einer Mischung aus Flash Mob, Pub Crawl und Toys for Tots. Santarchy wurde 1994 in San Francisco von der Cacophony Society, als eine ihrer „experiences beyond the mainstream“ ins Leben gerufen. Was als Dada für Weihnachtsmüde begann, fand schnell Anhänger und Mitläufer, die es in die Welt (zumindest in die Welt der Vereinigten Staaten von Amerika) hinaustrugen. Als Flash Mob [*] funktioniert es ganz wundervoll und sorgt für ehrliches Staunen bei ahnungslosen Passanten. Als Pub Crawl [*] findet es die meisten Anhänger, läuft aber auch am ehesten Gefahr, seinen guten Ruf zu verlieren. Niemand kann sich wirklich für sturzbetrunkene Weihnachsmänner begeistern, die sich miteinander prügeln oder in den Rinnstein kotzen. Deshalb versuchen die Veranstalter, diesem Ereignis mithilfe einer Toys for Tots[*]-Komponente mehr Sinn zu geben. Niemand kann sich wirklich darüber aufregen, wenn leicht angetrunkene Weihnachtsmänner jede Menge Spielzeug spenden, damit es sich auch bei armen Kindern weihnachtlich anfühlt. Und wer jetzt in Frage stellt, wie sich diese Sinn-Komponente mit dem dadaistischen Konzept der frühen Santarchy vereinbaren lässt, der kann sich später bei der SantaCon Schneeballschlacht wieder hemmungslos dem sinnfreien Erleben hingeben.
Was wir uns fragen, ist eher, wie sich diese Santarchy in den War on Christmas einordnen lässt. Genauso wie Weihnachten kehrt auch der Weihnachtskrieg hier alle Jahre wieder. Insbesondere in den US-amerikanischen Medien der rechtspopulistischen Seite (z.B. Fox News) regen sich Talkshowmaster wortreich darüber auf, dass das Weihnachtsfest (und damit der weihnachtlich eingestellte Bürger in seinen Grundrechten) angegriffen werde. Für eine Weile ging es im Wesentlichen darum, sich über die Konsumerisierung und damit Säkularisierung von Weihnachten zu beklagen. In den Kampfkonstellationen Weihnachtsmann vs. Jesus oder Geschenke vs. Christentum, findet Santarchy ihren Platz eindeutig auf der Seite der Weihnachtsgegner. Doch hat sich die Aufmerksamkeit der Weihnachtsbewahrer schon längst in eine andere Richtung gewand. Sie sehen nun die Gefahr im Aufweichen der Weihnachtsfestlichkeiten in Feiertage für alle. Jeder darf mitmachen, aber nicht jeder muss Weihnachten feiern. Man könnte das Ganze positiv sehen: Wer lieber Happy Holidays sagt, anstatt sich auf Merry Christmas festzulegen, zeigt damit ein multi-kulturelles Bewusstsein, das Bürgern eines Einwanderungslandes gut zu Gesicht stünde. Doch wer gibt schon freiwillig seine Feiertagsvormachtstellung auf? Da wird allen ernstes vom Krieg gegen Weihnachten geredet und rhetorisch kräftig zurückgefeuert. Dass man es sich nicht verbieten lasse, Weihnachten zu feiern, und dass es außerdem außer Frage stehe, dass der Weihnachtsmann weiß sei. If you accomodate the minority, you hurt the majority. Die lächerliche Angst der Mehrheit vor der Macht der Minderheit. In den Kampfkonstellationen Weißer Weihnachtsmann vs. Schwarzer Weihnachtsmann oder sogar Weihnachtsmann vs. Alles mögliche lässt sich Santarchy weniger eindeutig zuordnen. Es sieht aus wie ein Bekenntnis zum Weihnachtsmann und damit zum Weihnachtsfest, aber dann sieht man in der Menge auch schwarze Weihnachtsmänner und asiatische Weihnachtsmänner und sogar Weihnachtsfrauen. Statt Weihnachtskrieg wird eine Weihnachtsparty organisiert.
Weihnachtskriegsrhetorik fordert Reaktionen heraus. Wenn eine christliche Gruppe im Kapitol von Tallahassee, der Landeshauptstadt von Florida, eine Weihnachtskrippe aufstellt, kann sie damit rechnen, dass anders eingestellte Menschen die Insignien ihres Feiertages daneben oder davor stellen. Wie zum Beispiel einen Festivus [*]-Stab aus leeren Bierbüchsen. Wie ernst es den Festivus-Anhängern mit ihren Feierlichkeiten ist, bleibt dahingestellt; in öffentlichen Gebäuden gilt das Grundrecht der freien Meinungsäußerung. Und wie auf Knopfdruck regen sich die Talkshowmaster der rechtspopulistischen US-Medien (z.B. Fox News) ganz fürchterlich darüber auf, dass sie, wenn sie mit ihrer Familie zum Rathaus fahren, um sich die Weihnachtskrippe anzuschauen, ihren Kindern sagen müssen: „Schaut mal, hinter den leeren Bierbüchsen liegt das liebe Jesulein.“ Wenn sich die Leute nicht so schrecklich über die Entchristlichung von Weihnachten aufregten, lautstark verkündeten, der Weihnachtsmann sei weiß, und die Weihnachtskrippe von der Kirche ins Rathaus trügen, dann wäre es kaum jemandem ebenso wichtig, direkt vor das liebe Jesulein leere Bierbüchsen hinzustellen. Aus Protest stellen wir uns jetzt den Weihnachtsmann als einen humorvollen Menschen vor. Und Jesus mit einem Augenzwinkern beim Betrachten der leeren Bierbüchsen (und dem Gezeterre der besseren Christen im Ohr): Wer am lautesten schreit, kommt als letzter dran; das solltet ihr doch am besten wissen.
Flash Mob
a group of people who assemble suddenly in a public place, perform an unusual and seemingly pointless act for a brief time, then quickly disperse, often for the purposes of entertainment, satire, and artistic expression
Pub Crawl
the act of one or more people drinking in multiple pubs or bars in a single night, normally walking or busing to each one between drinking
Toys for Tots
a program run by the United States Marine Corps Reserve which distributes toys to children whose parents cannot afford to buy them gifts for Christmas
Festivus
a well-celebrated parody, that has become a secular holiday celebrated on December 23 which serves as an alternative to participating in commercialism associated with Christmas
[Definitionen aus Wikipedia]
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