Oh, no we didn't

Jetzt wird es ernst, jetzt wird es ungemütlich – Vom American Dream zum Alptraum Amerika

Am Tag nach der Wahl fliege ich geschäftlich nach Berlin. Ich komme mir vor wie auf der Flucht. Ich zwinge mich, alle Nachrichten zu ignorieren. Laufe gesenkten Kopfes am Bahnhofskiosk vorbei, um bloß nicht ein Bild vom grinsenden Wahlsieger zu Gesicht zu bekommen. Noch nie zuvor ist mir von einem Wahlergebnis körperlich unwohl geworden, aber diesmal stellt sich so etwas wie eine politische Übelkeit ein. Jedes falsche Wort in meinen Ohren, jedes falsche Bild in meinen Augen würde den Kotzreiz nur verstärken. Gefangen in einem Alptraum, aus dem man nicht aufwachen kann. Ich bin froh, in Berlin zu sein und nicht in Kalifornien, denn meine neue Heimat hat mich verraten. Es fühlt sich wirklich so an, als sei mir das Herz gebrochen worden. Die Berliner Freunde machen mich auf die politische Situation in Deutschland aufmerksam: Hier gibt es jetzt die AfD, die Pegida, die Reichsbürger… und plötzlich erscheint Frau Merkel als die einzig Vernünftige in einer Welt voller Angsthasen und Zukurzgekommener. Angela Merkel. Eine Frau an der Spitze der Bundesrepublik Deutschland. Jahrelang fiel mir dazu nicht viel ein: Ist ja schön, dass es eine Frau ist, leider ist sie aber in der falschen Partei. Nun denke ich nur noch: Was Hillary Clinton in Amerika über sich hat ergehen lassen müssen, hätte man, ja, hat man Angela Merkel in Deutschland nicht angetan, nicht im entferntesten. Hexe. Notorische Lügnerin. Sperrt sie ein. Absolute Respektlosigkeit. Ich bin von der Frauenverachtung der Amerikaner erschüttert. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ist man in Deutschland doch emanzipierter? Oder bloß respektvoller? Was ist anders?

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Als ich drei Wochen später nach Kalifornien zurückkomme, stehen immer noch alle wie unter Schock. Wie konnte so etwas bloß passieren? Hier in unserem großartigen Amerika. Plötzlich werden alle Gespräche politisch, sogar die mit den Kolleginnen in der Kantine oder die auf Familienfeiern. Das ist eher untypisch für Amerikaner, aber wohl eine Notwendigkeit. Die Übelkeit kommt wieder hoch und mit ihr die Wut: Es gibt schon genug, das mir hier nicht gefällt. Trotzige Fluchtgedanken stellen sich ein: Ich bin hier bloß zu Besuch. Schnell weg und wiederkommen, wenn Amerika wieder großartig ist. Ja, in Deutschland gibt es die AfD und die Pegida, aber noch regiert in Deutschland Frau Merkel. Je länger der Schlamassel andauert, desto klarer wird mir, warum die Situation so schwer auszuhalten ist: Nicht schon wieder, und schon gar nicht hier! Ihr müsstet es doch besser wissen. Ihr habt uns Deutsche doch von Hitler und von den Nazis befreit und dann umerzogen zu guten Demokraten.

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Diese überbezahlten Techies im Silicon Valley haben wirklich geglaubt, sich für immer auf ihre neutralen Algorithmen verlassen zu können. Sie haben geglaubt, dass es gut genug ist, keinen Standpunkt zu vertreten. Dass sich die Welt mit Technik retten ließe (und es nichts schade, nebenbei ungeheuerlich reich zu werden). Dabei lässt sich die Welt nicht einmal mit guten Argumenten retten. Viel zu viele Wähler lassen sich belügen und fühlen sich auch noch gut dabei. Jetzt müssen die Psychologen ran: Sagt uns, wie man die Menschen wirklich erreicht. Wie man sie am Bauche packen kann. Wie man sie umschwenken kann auf das gute Amerika. Wie hat das denn damals mit der Umerziehung in Deutschland geklappt?

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Am Tag der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten fahre ich in Palo Alto auf dem El Camino Real, um mich mit einer Kollegin zum Mittagessen zu treffen. An der Kreuzung zum Embarcadero stehen auf jeder Straßenseite Demonstranten und halten Plakate hoch: Healthcare for All, Women‘s Rights are Human Rights, Love Trumps Hate. An der nächsten Straßenecke stehen wieder welche. We are here to stay. Nur mühsam kann ich einen Weinanfall unterdrücken. Ohne Obama fühlt sich Kalifornien ganz anders an. Am nächsten Tag gehe ich in meiner Wahlheimat zum ersten Mal auf einen Protestmarsch. Ein BART-Mitarbeiter begrüßt uns an der S-Bahnstation Lake Merritt mit einem herzlichen Welcome und weist uns den Weg zu den Ausgängen. Mehr als doppelt so viele Menschen wie erwartet sind nach Oakland gekommen, ein bunt gemischter Haufen mit erfreulich vielen emanzipierten Männern auf diesem Women‘s March. Wir bewegen uns nur sehr langsam vorwärts, zusätzliche Straßen werden für die Menschenmassen freigegeben. Alle sind unglaublich zivilisiert, sogar die berühmt-berüchtigte Polizei von Oakland, und ich sehe lauter gute Slogans: Build bridges not walls. Hope trumps fear. Feminism is patriotic. Doch wir bestätigen uns hier nur selber. Natürlich ist der erste Schritt Solidarität unter Gleichgesinnten, aber wie kommen wir an die heran, die uns diesen Schlamassel hier beschert haben? Nicht ein Wähler wird von diesen Plakaten umgestimmt.

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Die Mutter meiner Kollegin hat zur Vereidigung des neuen Präsidenten ihre US-Flagge auf halbmast gehisst und sie dann für die nächsten 4 Jahre weggepackt. Gelebter Patriotismus. Alle guten Amerikaner würden jetzt am liebsten verschwinden und erst wiederkommen, wenn der Alptraum vorbei ist. Monatelang haben wir uns über diesen unmöglichen Kandidaten einfach lustig gemacht, doch wenn die Parodie von der Realität eingeholt wird, vergeht einem das Lachen ganz schnell. Und es erscheint überhaupt als völlig unangemessen, die Welt vom sicheren Standpunkt der Satire aus zu betrachten. Denn dann handeln andere und wählen einfach Trump. Muss ich jetzt etwa politisch aktiv werden? Reicht es nicht mehr aus, eine gute Bürgerin zu sein?

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DIE PROTESTMÄRSCHE IN BILDERN:
[ Palo Alto online: After inauguration, Palo Alto demonstrators promise renewed activism ]
[ KQED: Massive protests Across Bay Area and Sacramento Following Trump Inauguration ]

DIE PROTESTMÄRSCHE IN ZAHLEN:
[ Crowd Estimates ]

ZUM WEITERLESEN:
[ Vox: How „collective narcissism“ helps explain the election of Trump ]
[ The New Yorker: The Failure of Facebook Democracy ]

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This entry was published on January 24, 2017 at 10:24 pm. It’s filed under Silicon Valley at its best, Was ich höre, Was ich lese, Was ich sehe and tagged , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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