Hilfe, mir ist schwindelig. Aufhören! Ich kann nicht mehr. Stop. Sofort. 20 Dekrete in 10 Tagen. Regieren im Formel-1-Tempo. Mit ebenso vielen Kurven, Bremsspuren, Reifenwechseln; und am Ende fließt Champagner für den, der sich am meisten als Gewinner fühlt. And I said to myself: Wow. Regieren wie der Elefant im Porzellanladen und hinterher behaupten, das Porzellan sei zu zerbrechlich. The president believes what he believes. Regieren als ginge es nur um Selbstbestätigung. You know what is important? Millions of people agree with me when I say that. [*]
Vor ein paar Tagen konnte ich jemanden scherzhaft sagen hören: Man traut sich ja nicht einmal mehr unter die Dusche, weil man nicht weiß, wie die Welt danach aussieht. Es ist doch so: Man fühlt sich genötigt, ein Auge auf ihn zu haben, damit er nicht wieder etwas anstellt. Und kann es doch nicht verhindern. Oder?
20 Dekrete in 10 Tagen, so stellt sich Trump die Rolle eines Präsidenten vor. Am Schreibtisch sitzen und Befehle unterschreiben. Die Ledermappe stolz in die Kamera halten; all seine Macht in dieser Unterschrift gebündelt. Ab und an jemanden feuern, der nicht mitmacht. Oder zumindest versuchen.
Der sogenannte amerikanische Präsident bei der Arbeit:
Trump unterzeichnet ein Dekret
Trump droht Richtern, die sich gegen ihn stellen
Trump lebt in einer Welt voller alternativer Tatsachen
Hin- und Hergerissen zwischen Entrüstung und Verlachen kann ich kaum einen klaren Gedanken fassen. Wo soll man anfangen? Worauf soll man sich konzentrieren? Die Welt des sogenannten amerikanischen Präsidenten rast auf einem Hochgeschwindigkeitsfließband an mir vorbei, und ich muss blitzschnell zugreifen.
Er ist noch keine Woche lang im Amt, als ich auf dem Weg nach San Francisco im Radio vom sofortigen Einreisestop für Staatsbürger aus sieben muslimischen Ländern erfahre. Unschuldige Menschen seien an amerikanischen Flughäfen verhaftet worden. Die Nachricht macht mich so wütend, dass ich laut herumbrülle: Nimm sie zurück, ich will meine Greencard nicht mehr! Eine Woche später berichtet man im Radio von der Aufhebung dieses Einreiseverbots. Habe ich mich verhört? Das klingt doch fast zu gut um wahr zu sein. Der Feierabendverkehr kriecht so langsam vorwärts, dass die Nachrichten zum zweiten Mal ablaufen, bevor wir endlich unser Ziel in San Jose erreichen. Tatsächlich ist das Einreiseverbot durch ein Gericht im Bundesstaat Washington vorläufig aufgehoben worden. Mir kommen die Tränen. Emotional rollercoaster nennt man so etwas in Kalifornien, die Gefühle fahren Achterbahn; eine Redewendung aus Prä-Trump-Zeiten kommt endlich so richtig zum Einsatz. Beim Abendessen in San Jose erlebe ich eine Art Déjà-vu: Die Orangenspalte auf meinem Teller schmeckt sauer. Nicht unbedingt wie eine Zitrone, eher wie eine Orange, die sauer geworden ist. Das war die Wiederholung einer Szene vom Vorabend (Kalifornier zitieren zu solchen Gelegenheiten gerne den berühmten Baseballspieler Yogi Berra: It’s like déjà vu all over again.). Ich hatte eine Frucht geschält, die von außen in Farbe und Größe wie eine Orange aussah. Man hatte sie mir auch unter dem Namen Orange verkauft. Doch das Fruchtfleisch unter der orangenen Schale war gelblich und schmeckte sauer. Nicht unbedingt wie eine Zitrone, eher wie eine Orange, die sauer geworden war. Ungenießbar. Was ist hier los? Wie soll ich das verstehen? Ist das ein Zeichen?
Wie lässt sich die ganze Situation überhaupt in Worte fassen? Wenn es um Trump geht, fühlen sich nicht einmal die üblichen Kunstformen und Stilmittel sicher und fangen an zu protestieren. Metapher, Parodie, Satire, ja selbst Science-Fiction ist vor Trump nicht gefeit. Die Orangen werden sauer, auch sie wollen nichts mit ihm zu tun haben, wollen sich ihr Recht auf Orange von Trump zurückerobern. Wer jetzt Orwell‘s 1984 liest, denkt, oh, kommt mir irgendwie bekannt vor, hab ich das nicht schon einmal gesehen? Ja, zufälligerweise kann man das jetzt sogar in echt bekommen in Trump‘s Amerika. In echt und in Farbe. Haha.
Ist auf der Welt eigentlich auch noch etwas anderes los? Völlig unabhängig von Trump? Wahrscheinlich nicht einmal das Vogelzwitschern. Es ist erstaunlich, wie weit sein Einfluss reicht; überall zeigen sich Kollateralschäden. Es leidet nicht nur unser Verhältnis zur Welt, zu den Worten und zur Wahrheit, echte Menschen wurden auf amerikanischen Flughäfen verhaftet, echte Menschen wurden daran gehindert, ein Flugzeug nach Amerika zu besteigen und ihrem ungewissen Schicksal als Flüchtlinge ausgesetzt.
Was bleibt? Was bleibt einem noch übrig? Die bewusste Entscheidung gegen Hysterie. Der dankbare Blick auf das amerikanische Rechtssystem, wo die Worte noch jeden Buchstaben wert sind. Der dankbare Blick auf alle, die sich mit unaufgeregten, aber gezielten Worten und Taten gegen Trump stellen.
Die amerikanische Presse bei der Arbeit:
CNN widmet sich ausgiebig den Fakten, gerade weil es sich um lauter Nullen handelt
Die amerikanische Intelligentsia bei der Arbeit:
Nobelpreisträger Paul Krugman schreibt jetzt mehrteilige Tweet-Serien. Aus Protest, um zu zeigen, dass sich die Welt nicht in 140 Zeichen fassen lässt? Oder einfach, weil es im Moment soviel richtigzustellen gibt?
Sich gegen ein hysterisches Mitmachen zu entscheiden bedeutet nicht, seine Sorgen und seine Wachsamkeit aufzugeben. Hier zählt jeder Tag. Jeder Tag, an dem wir Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat stolz und stark aufrechterhalten, die Komplexität der Realität zu Ende denken, Trump und seine Welt mit korrekten Begriffen bezeichnen, schonungslos und unerbittlich. Schluss mit den Ausreden und Entschuldigungen. Und wenn die Orangen wieder ein bisschen süßer schmecken, wissen wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
*Alle Zitate aus New York Times: Can Donald Trump Handle the Truth?
ZUM WEITERLESEN
[ New York Times: How to listen to Donald Trump Every Day for Years ]
[ Los Angeles Review of Books: Lost in Trumpslation ]
[ Slate: Traduire Trump, mourir un peu ]