Last Christmas with Obama – First Year without Christmas

Es weihnachtet sehr. Wirklich? Alle geben sich größtmögliche Mühe, hängen Tannenkränze mit dicken roten Schleifen an ihre Haustür und Lichterketten in den Garten. Bei Williams-Sonoma darf man den Laden nicht mehr betreten ohne nicht vorher zu einem Pappbecher heißer Schokolade genötigt worden zu sein. Aus allen Lautsprechern quält sich Weihnachtsmusik. Hatten wir an Thanksgiving noch mit ungeahnt warmen Temperaturen zu kämpfen, wird es auch im Silicon Valley jetzt endlich jahreszeitgemäß kühler. Da muss sich doch endlich so etwas wie Vorweihnachtsstimmung einstellen. Aber leider eher nicht. Es fühlt sich ein bisschen an wie auf einer Familienfeier, bei der sich alle wahnsinnig bemühen, für gute Stimmung zu sorgen und sich hinterher eifrig bestätigen, es sei dieses Mal wieder besonders harmonisch verlaufen, um bloß nicht zugeben zu müssen, wie sehr man am Verhalten des anderen leidet. Zur Ablenkung schaue ich mir einen SNL-Sketch vom Vorjahr an: Jingle Barack. Last Christmas with Obama.

Der SNL-Vintage Clip aus dem Jahre 2016 macht mich schrecklich sentimental, vielleicht weil ich meine Jahre in Kalifornien fast ausschließlich unter Obama verleben durfte. Das waren noch Zeiten. Voller Hoffnung auf das gute Amerika. Seit einem Jahr ist Schluss damit, und wohin man auch schaut, tun sich Abgründe auf. Natürlich waren diese Abgründe auch vorher schon da, aber eben abgemildert von unverbesserlichen Verbesserungsbemühungen der guten Amerikaner. Seit einem Jahr überwiegt die Leidensmiene: die einen wirken gequält von Trump und Konsorten, die anderen von den Ängsten, die von Trump und Konsorten geschürt werden. Wohl fühlt sich niemand mehr.

Über Thanksgiving habe ich im Hause eines Trump-Anhängers übernachtet. Es ist mir nicht leicht gefallen. Wir sind verwandt. Angeheiratet. Jahrelang hielt ich ihn für einen vernünftigen Menschen, war sogar davon überzeugt, mich gut mit ihm zu verstehen. Nun wohnt er in einer von einer Alarmanlage geschützten Villa inmitten einer eingezäunten Siedlung irgendwo in der Nähe von Los Angeles. Als es im Fernsehen um die Asienreise des amerikanischen Präsidenten geht, sagt er mit Stolz in der Stimme, dass Trump überall in der Welt Freunde habe, so etwas habe es vorher noch nicht gegeben. Als wir später durch das außerhalb der geschützten Wohnanlage gelegene Einkaufszentrum bummeln, deutet er auf die Polizeiwache und weist darauf hin, dass es hier sicher sei. Wovor fürchtet er sich? Seit einem Jahr leben wir in Parallelwelten: Die Welt der wahren Fake News und die Welt der unwahren Fake News. Es gibt kein Verstehen mehr. Hier hilft der Google Übersetzer nicht weiter; all die Fortschritte im Bereich neuronaler Netze erweisen sich als nutzlos. Wenn man die Maschinen einmal braucht, taugen sie nichts. Menschliche Übersetzer dringend gesucht!

Seit einem Jahr ist man schon froh, wenn nichts passiert. Denn solange nichts passiert, ist zumindest nichts Schlechtes passiert. Jemand ist nicht beleidigt worden. Jemand hat nicht gelogen. Die Krankenversicherung ist nicht abgeschafft worden. Die Hamas hat nicht zu einer Intifada aufgerufen. In einer Zeit, in der wir alle zusammenrücken müssten, um den Klimawandel in den Griff zu kriegen oder zumindest die Flüchtlingskrise, fallen wir zurück in alte Laster und beschäftigen uns mit Russland, der Mauer, dem nuklearen Erstschlag, und den wunderbaren Trickle-Down-Effekten der Steuersenkungen für Reiche. Hatten wir das nicht alles schon in den 80er Jahren hinter uns gelassen?

Und in dieser Trostlosigkeit drängt sich nun ein neues oder eher uraltes Thema völlig unerwartet und nachhaltig in den Vordergrund. Manche sagen, Trumps Krassheit habe den Entwicklungen erst den nötigen Nachdruck verliehen. Trump sei sozusagen der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe. Aus welchen Gründen wir auch immer da sind, wo wir stehen, stellen wir zunächst einmal nüchtern fest: Neuerdings werden Männer wegen Vorwürfen sexueller Belästigung von ihren Jobs gefeuert. Und den sexuell belästigten Frauen wird endlich zugehört. So gut wie jeden Tag ist ein anderer Mann an der Reihe, sie scheinen wie die Dominosteine zu fallen. Diese Vorfälle zeigen natürlich sehr deutlich, dass wir nicht völlig in die 80er Jahre zurückgefallen sind. Das ist nun wirklich neu und eine dramatische Wende zum Guten. Das muss gefeiert werden als ein Erfolg in der Geschichte der Frauenbewegung! Im Angesicht der Dunkelheit um uns herum feiern wir das am besten gleich mit voller Überzeugung als Fortschritt in der Geschichte der Menschheit. Man muss die Feste feiern wie sie fallen!

Spürt Trump, wie die Luft langsam dünn wird? Vor einem Jahr hatte er seine eigenen sexuellen Belästigungen noch mit der ihm eigenen Version von Stolz getragen, nun behauptet er, das Video, in dem er sich brüstet And when you’re a star, they let you do it. You can do anything … Grab ’em by the pussy. You can do anything sei Fake News. Aha. Es ist doch wahrscheinlich so: Immer wenn Trump Fake news! schreit, gibt er zu, dass er Angst hat. Er brüllt die böse Realität einfach ganz weit weg von sich. Leider sind seine Anhänger mittlerweile so konditioniert, dass sie ihm jede Behauptung von Fake News widerspruchslos abnehmen. Vielleicht verfolgen aber auch sie die Strategie des Wegbrüllens der bösen Realität. Und Trump, der Oberbelästiger vom Dienst, setzt sich nun sogar für Roy Moore ein, den Senats-Kandidaten für Alabama, der sich schon seit geraumer Zeit aus den Konsequenzen von Vorwürfen sexueller Belästigung Minderjähriger herauszuwinden versucht. Seine Anhänger aus der Evangelikalen Kirche haben ihre ganz eigene Interpretation für sein Benehmen. Der Kandidat habe sich zu jungen Mädchen hingezogen gefühlt, weil sie noch Jungfrauen seien. Aha. Des Weiteren weisen sie auf Parallelen zur Weihnachtsgeschichte hin: Josef habe sich mit der minderjährigen Maria zusammengetan und herausgekommen sei das liebe Jesulein.

Wie war das noch mal mit der unbefleckten Empfängnis? Sollen wir den lieben Gott zum Vaterschaftstest bitten? Erzähl mir doch nichts vom Christkind!

This entry was published on December 8, 2017 at 11:37 pm. It’s filed under Erinnern, Was ich höre, Was ich sehe and tagged , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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