Wer nach 5 Wochen aus dem Urlaub zurückkehrt, der freut sich, wenn jemand die Blumen gegossen und den Briefkasten geleert hat. Wer tagsüber nicht zuhause ist, der freut sich, wenn jemand ein Päckchen annimmt. Wer einen Kuchen backen will und feststellt, dass ein Ei fehlt und nicht genug Mehl da ist, der freut sich, wenn ihm jemand mit Zutaten aushilft. Man könnte natürlich auch so gut organisiert sein, dass einem nie etwas fehlte, dass man immer alles da hätte, was man zum Leben braucht. Man könnte sich Päckchen zu einer Paketstation liefern lassen und dort selbst abholen. Man könnte die Post abbestellen, bevor man verreist. Man könnte sich gar nicht erst Blumen zulegen oder eine komplizierte technische Konstruktion zum automatischen Gießen anfertigen lassen. Aber wen grüßt man dann, wenn man aus dem Haus geht? Den Nachbarn, den man aller nachbarschaftlichen Pflichten beraubt hat? Den Nachbarn, der nur noch zum Grüßen gut ist? Warum nicht gleich alles aufgeben, auch das Grüßen…
Dies ist kein Gedankenspiel; dies sind Gedanken, die mich umtreiben, seit ich nach Kalifornien gezogen bin. Von meinen Leben vor Kalifornien bin ich große Mietshäuser gewohnt. Man hockt sich auf der Pelle. Man ist eigentlich nie alleine. Selbst in den ruhigsten Momenten hört man den Staubsauger von einer Etage drüber oder das Klavierüben von nebenan. Schritte im Treppenhaus. Stimmen. Auch in Kalifornien wohne ich zur Miete, aber in sogenannten Einfamilienhäusern. Seine Nachbarn im Hausflur zu treffen, ist nicht möglich, einfach weil es keinen gibt. Der Hausflur, das Treppenhaus, Gemeinschaftsorte, die allen gehören und damit keinem so richtig. Neutraler Boden. Da konnte man sich treffen und stundenlang quatschen, ohne jemals jemanden hineinbitten zu müssen in die eigenen vier Wände, die vielleicht gerade nicht besuchsbereit waren. Und wenn man jemandem im Hausflur begegnete, konnte man sich ziemlich sicher sein, dass er etwas mit dem Haus zu tun hatte, wahrscheinlich dort wohnte oder zumindest jemanden besuchte, der dort wohnte.
Wenn ich hier in Kalifornien das Haus verlasse, laufe ich ein paar Schritte durch den kleinen Vorgarten und bin dann schon auf dem Bürgersteig. Der Raum, den ich mir mit meinen Nachbarn teile, den teile ich mir mit allen Menschen, die aus was für Gründen auch immer durch meine Straße gehen. Vielleicht haben sie hier ihr Auto abgestellt und laufen zu Fuß in die Innenstadt, um in einem Restaurant zu arbeiten oder dort zu Abend zu essen. Vielleicht haben sie es hier abgestellt und laufen zum Bahnhof, um mit dem Zug zur Arbeit zu fahren. Der Gemeinschaftsraum Straße ist für alle da und macht es damit schwer, Nachbarn von Vorbeilaufenden zu unterscheiden. Und da die Straßen hier viel dünner besiedelt sind, als die mir bekannten aus Deutschland, ist die Entfernung zwischen Nachbarn viel zu weit und das Verhältnis von Nachbarn zu Vorbeilaufenden eher ungünstig, zumindest um ein Gefühl von Nachbarschaft zu verstärken.
Wenn man sich nicht auf der Pelle hockt, wenn man nicht gezwungen ist, im Treppenhaus eng an eng aneinander vorbeizulaufen oder sich sogar den Aufzug zu teilen, dann kann man etwas tun, was fürchterlich egoistisch und geradezu asozial ist: man kann seine Nachbarn einfach ignorieren, man kann so tun, als kenne man sie nicht. Ach, im Grunde tut man nicht nur so, man kennt sie ja wirklich nicht. Weil man sich nicht die Mühe gibt, sie kennenzulernen. Weil man es nicht nötig hat, sich die Mühe zu geben. Weil man sich sagt, ach, wozu auch, das lohnt sich doch gar nicht, hier wohnen ja eh alle nur zur Miete und ziehen bald um in ein schönes selbstgekauftes Haus. Und wenn wir dann alle in unseren schönen selbstgekauften Häusern sitzen, fangen wir endlich an, uns nachbarschaftlich zu verhalten. Wem diese Argumentation jetzt als zu weit hergeholt erscheint, dem sei versichert, dass ich lediglich eine Antwort paraphrasiere, die mir gegeben wurde, als ich irgendwann einmal anmerkte, dass ich in unserer Straße das nachbarschaftliche Verhalten vermisse.

Interessanterweise sehe ich hier in meiner Straße auch nach etlichen Jahren immer noch dieselben Gesichter. Es sind wohl doch nicht alle weggezogen. In ihre selbstgekauften Häuser. Aber das merke wohl nur ich, die es immer noch nicht lassen kann, ihre Nachbarn zu bemerken. Da ist zum Beispiel die Nachbarin von schräg gegenüber. Im Laufe der Jahre hat sie mehrmals einen sogenannten “Yard Sale” veranstaltet, d.h. alten Kram aus ihrer Abstellkammer im Vorgarten ausgebreitet und zum Verkauf angeboten. Wir konnten es natürlich nicht lassen, bei ihrem Trödelstand vorbeizuschauen und sind mit ihr ins Gespräch gekommen. Als wir uns als Nachbarn von gegenüber erkenntlich gaben, nahm sie das mit Erstaunen auf, um es dann sofort wieder zu vergessen. Zumindest zog sie auch nach dem Trödel ihr ignorierendes Verhalten weiterhin durch. Vielleicht hat sie eine dieser seltenen Krankheiten, bei denen man sich Gesichter nicht merken kann, wollte ich ihr zugute halten. Doch seltsam war es schon, dass sie uns auch dann nicht zu grüßen gewillt war, als wir auf unserer Terrasse vor dem Haus zu Abend aßen, d.h. als Nachbarn eindeutig zuzuordnen gewesen wären. Wir sitzen oft auf unserer Terrasse, ja, wir gehören zu den wenigen, die auf ihrer Terrasse vor dem Haus sitzen, uns müsste jeder kennen und grüßen können, der es wollte. Als die Nachbarin von gegenüber ein paar Jahre später wieder einmal ihren Trödelstand aufbaute, sind auch wir wieder hingegangen, fast schon einem wissenschaftlichen Experiment gleich. Nein, sie schien sich an nichts erinnern (zu wollen) und freute sich einen Moment lang, uns als Nachbarn kennenzulernen – oder machte den Eindruck sich zu freuen, indem sie die entsprechenden Verhaltensweisen dafür abrief -, und danach benahm sie sich wieder, als sei niemals etwas gewesen.

Interessanterweise wohnen in meiner Straße auch gar nicht nur Mieter. Es gibt sogar die einen oder anderen Hausbesitzer, d.h. Menschen, die in einem Haus wohnen, das ihnen gehört, d.h. einem Haus, das sie sich leisten konnten. Das größte Einfamilienhaus steht direkt bei uns gegenüber und wurde vor ein paar Jahren von einem Ehepaar in unserem Alter gekauft. Vorher hauste dort ein Startup, und es war jeden Tag viel los. An Weihnachten hatten sie dort die beste Dekoration von der ganzen Straße, z.B. einen riesengroßen aufgeblasenen Weihnachtsmann im Vorgarten und einen leuchtenden Stern oben auf dem höchsten Baum hinter ihrem Haus. Nun wohnen in dem Riesenhaus zwei Menschen total zurückgezogen. Wofür brauchen sie so viele Zimmer, so einen großen Garten; was für eine Verschwendung, denke ich mir manchmal. Immerhin grüßen sie, wenn sie uns sehen. Doch eingeladen haben sie uns noch nie in ihr schönes großes Haus. Was haben wir auch gemeinsam mit Menschen, die mal eben so locker mehrere Millionen für ein Haus ausgeben können, rede ich mir dann gut zu. Zwei Häuser weiter befindet sich das schönste Haus der Straße, klein und niedlich, mit dunkelbraunen Naturholzschindeln und weißen Fenstern. Zumindest sah es so aus, als es die neue Besitzerin letztes Jahr für eineinhalb Millionen Dollar erworben hat. Seit es ihr gehört, tut sie alles, um sich mit einem hohen Zaun von allem Leben außerhalb abzuschotten. Die Holzschindeln sind jetzt knallweiß gestrichen, die Fenster und der Zaun tiefschwarz. Da drängt sich doch die Frage auf: Warum kauft sich jemand ein Haus in einer Nachbarschaft, mit der er nichts zu tun haben will?
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