Stromausfall oder Vom Teufel und der Heiligen Ana

In Nordkalifornien mussten letzte Woche 1 Million Menschen für ein paar Tage auf ihren Strom verzichten. Verbrauchern im Weinanbaugebiet Sonoma nördlich von San Francisco, in der North Bay, East Bay and South Bay bis hinunter nach Aptos im Landkreis Santa Cruz wurde von ihrem örtlichen Stromanbieter PG&E (Pacific Gas & Electric) der Saft abgedreht. Und das, obwohl sie ihre Stromrechnungen bezahlt hatten. Das Silicon Valley ohne Strom? Nein, das Tal selbst war versorgt, nur die Menschen in Orten mit Namen wie Los Altos Hills oder Woodside waren betroffen, weil ihre Häuser so schön im Grünen liegen und ihre Stromleitungen eben auch. Was war passiert?! Nun, passiert war noch gar nichts, doch die Wetterlage schien sich dramatisch zuzuspitzen. Knochentrocken, warm und stürmisch, da wollte man der Brandgefahr vorbeugen, indem man einen Risikofaktor vom Netz nimmt: Elektrizität. Anders als oft angenommen, werden hier die meisten Waldbrände nicht von weggeworfenen Zigarettenkippen oder vor sich hinkokelnden Lagerfeuern ausgelöst, sondern von Stromleitungen, genauer gesagt von Bäumen, die gegen Stromleitungen stürzen oder von Stromleitungen die gegen Bäume stürzen oder von Windböen, die Stromleitungen und Bäume gegeneinander stürzen lassen oder…  Ja, wenn wir hier nach dem Verursacherprinzip gehen, verheddern wir uns schnell in lose hingeworfenen Kausalketten. Lassen wir das also erst einmal und konzentrieren uns auf die Situation letzte Woche: erhöhte Waldbrandgefahr.

Nicht ganz zufällig erfolgte der geplante Stromausfall in Nordkalifornien ziemlich genau 2 Jahre nach dem Northern California Firestorm, mit dem man insgesamt 250 Brände bezeichnet, die zwischen dem 8. und 31. Oktober 2017 vor allem in den Weinanbaugebieten nördlich von San Francisco wüteten und dabei fast 9.000 Gebäude zerstörten und 44 Menschen töteten. Allein das Tubbs Fire in Calistoga löschte 22 Menschenleben aus und hinterließ eine deutlich sichtbare Spur der Verwüstung. Im November 2018 sorgte das Camp Fire in Butte County in der Nähe von Chico hoch im Norden von San Francisco für apokalyptische Szenen in einem Ort names Paradise. Ihm fielen fast 19.000 Gebäude und 85 Menschen zum Opfer, die meisten davon in den ersten Stunden. Im Herbst ist hier alles, was übers Jahr so schön gewachsen ist, vom regenlosen heißen Sommer völlig ausgetrocknet. Aufgrund des Klimawandels trifft der erste Regen neuerdings etwas später ein, was die Regenzeit insgesamt schrumpfen lässt und die Risikozeit für Waldbrände noch etwas in die Länge streckt. Und genau in dieser Risikozeit treten die berühmten Teufelswinde auf, heiße trockene Winde, die vom Mount Diablo hinunter in die Bay Area Richtung Pazifik wehen. Klimatisch und thermisch sind sie das genaue Gegenteil der kalifornischen Sommerwinde, die kühle feuchte Luft aus dem Meer ins Inland ziehen und dort für den berühmt-berüchtigten Hochnebel sorgen. Die Fallwinde im Frühling und Herbst sind den in Europa bekannten Föhnwinden ähnlich und in Südkalifornien unter dem Namen Santa-Ana-Winde bekannt.

Da uns Silicon Valley bisher noch keine App beschert hat, mit der man den Wind abstellen oder es auf Knopfdruck regnen lassen kann, besann man sich letzte Woche auf das, was heutzutage schon kontrollierbar ist. Und weil man nicht genau vorhersagen kann, wo der Brand “zuschlagen” wird, hat man sich entschieden, beim Stromabschalten großräumig vorzugehen*. Anlässlich dieser extremen Maßnahmen wurde mir ein Schwank aus den 80ern erzählt. Es ging um Kalifornier, die sich, als eine Art private Friedensbotschafter, auf den weiten Weg in die Sowjetunion machten. Eine ernste und ehrenhafte Aufgabe. Auf einer dieser Reisen konnten die Kalifornier erleben, wie vor einer Sturmwarnung der Strom abgeschaltet wurde und man danach mühsam vom Boden aus, sozusagen von Hand, überprüfte, ob nichts beschädigt worden war, bevor man den Strom wieder anstellte. Damals in den 80ern fühlte man sich den Sowjets überlegen: Hatte man nicht daheim noch einen Werbespot seines Stromanbieters gesehen, in dem die Stromleitungen mithilfe modernster Technik von Hubschraubern aus auf Beschädigungen getestet wurden? Die Sowjetunion gibt es schon eine Weile nicht mehr, ihre Methoden kommen aber immer noch zur Anwendung. Da vergeht einem Kalifornier doch das Lachen. Wo sind die Hubschrauber? Und gibt es im Jahre 2019 keine besseren Lösungen? 

Die vielen Innovateure im Silicon Valley hören das nicht so gerne, aber auch in diesem Fall sind die technischen Lösungen längst bekannt, und es hapert mit ihrer Umsetzung. Stromleitungen können unterirdisch verlegt werden, vor allem die, die direkt zu den Wohnhäusern hinführen. Wir sprechen hier ja nicht von Hochspannungsleistungen, sondern von all den kleinen Leitungen, die sich in Kalifornien kreuz und quer durch die Nachbarschaften ziehen. Aber wer soll das bezahlen? Der Grundstücksbesitzer, der sich sein Haus in diesen schönen grünen Gegenden in den Bergen baut? Spätestens mit dieser Frage betreten wir umstrittenes politisches Terrain. Sollen wir uns vorwagen? Man wird ja wohl noch Fragen dürfen… Was kostet es, im Grünen zu wohnen? Und was kostet es wirklich? Wenn sich einer ein Grundstück kauft und darauf ein Haus baut, wie kommt der an sein Wasser, sein Gas, seinen Strom? Wie wird er sein Abwasser wieder los? Und wie erreicht er überhaupt sein Grundstück, da tief im Wald? Und wie erreichen ihn seine Amazon-Bestellungen? Und wenn kein Geld da ist für das Verlegen unterirdischer Stromleitungen, wer kontrolliert dann, dass kein Baum zu nah an der oberirdischen Leitung wächst?

Das Wohnen im Grünen** kostet viel Geld, sehr viel mehr als das Leben in den Städten. Infrastruktur wird günstiger, wenn die Menschen dichter zusammen wohnen. Eine Stromleitung nur für 1 Haus, eine Straße nur für 1 Auto, was das kostet! Letztendlich geht es um die Frage, welcher Lebensstil subventioniert wird (und welcher nicht). Manche, die ins Grüne ziehen, sind reich und wohnen in großen Häusern auf noch größeren Grundstücken wie z.B. in Los Altos Hills und Woodside. In anderen Gegenden, wie z.B. in Paradise, sind Menschen ins Grüne gezogen, weil es dort erschwinglicher war. Sollte es wirklich einmal brennen, muss die Feuerwehr ausrücken, und weit fahren, hin zu all diesen Häusern, die da hübsch verstreut im Grünen herumstehen, ein bisschen so als wollten sie sich dem Feuer zum Fraß vorwerfen. Ob arm oder reich, die Bewohner zahlen nicht wirklich, was es kostet, in diesen sogenannten wildland-urban interfaces zu wohnen, weshalb man in Kalifornien z.B. schon vor vielen Jahren für bestimmte Wohngebiete eine Fire Prevention Fee eingeführt hatte. Aufgrund massiver Proteste republikanischer Politiker wurde diese Gebühr für Brandschutzmaßnahmen jedoch nie so umgesetzt, schließlich hatten sie ihren Wählern versprochen, jede Art von Steuererhöhung zu verhindern, koste es was es wolle***

Für die Waldbrände der letzten Jahre wurde fast immer der örtliche Stromversorger verantwortlich gemacht****. Nun ist er Pleite gegangen. Und hat sich dieses Jahr gedacht: Da schalten wir doch vorsichtshalber lieber den Strom ab, wenn es brenzlig wird. In der Innenstadt von Palo Alto war es letzte Woche so windstill wie selten zuvor. Das machte die ganze Situation mit der Sturmwarnung, der erhöhten Waldbrandgefahr und der Idee, einfach mal so eben die Stromversorgung von 1 Million Menschen zu unterbrechen, noch komischer. Am Freitag ist dann in der Nähe von Los Angeles ein Brand ausgebrochen: 100.000 Menschen wurden zwangsevakuiert, zahlreiche Häuser sind abgebrannt, 3 Menschen gestorben. Ob sich die Bewohner jetzt wünschen, man hätte ihnen stattdessen lieber einfach mal für ein paar Tage den Strom abgedreht?*****

*Die Idee mit der vorsorglichen Stromabschaltung ist nicht völlig neu, allerdings wurde sie jetzt erstmalig so großflächig und über mehrere Tage hinweg durchgeführt. 2018 kam es in den Weinanbaugebieten Napa und Sonoma mehrmals zu 24-stündigen Stromabschaltungen. San Diego setzte diese präventive Maßnahme bereits im Jahre 2013 ein und traf damit circa  20.000 Verbraucher.

**Ich beziehe mich hier in erster Linie auf Menschen, die im Grünen wohnen und zwar in sogenannten wildland-urban interfaces, aber nicht aufs Landleben im Allgemeinen oder auf Berufsgruppen, die ihren Beruf nur auf dem Land ausüben können, wie z.B. Landwirte. Wikipedia: Wildland-Urban Interface

***California Department of Tax and Fee Administration: Fire Prevention Fee Für eine ausführlichere Darstellung der politischen Diskussion siehe: Los Angeles Times vom 23. Juli 2017: Some GOP lawmakers hail suspension of fire prevention fee as victory, but others see a bait and switch

****In Kalifornien unterliegen Energieversorger der Gefährdungshaftung (strict liability), d.h. sie haften bei Feuerschäden auch dann, wenn sie sich nichts zu Schulden haben kommen lassen. NPR-Beitrag vom 9. August 2018: California Wildfires Set Off Big Political Fight On Who Should Pay For Damage

*****Selbst in Südkalifornien hatte der örtliche Stromanbieter, Southern California Edison, letzte Woche in den Landkreisen Los Angeles, Ventura, San Bernardino und Kern vorsorglich den Strom abgestellt. Der Ort Sylmar hoch im Norden des Landkreises Los Angeles, wo am Freitag das Feuer ausbrach, war in diese Stromabschaltung aber nicht miteinbezogen worden.

This entry was published on October 17, 2019 at 9:55 am. It’s filed under Unerschlossene Forschungsgebiete, Was ich höre, Was ich lese, Was ich sehe and tagged , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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