Nachtrag: Nachbarn, wie sie sein sollten

Letzte Fassung vom 19. Januar 2020

Kann man ein Wohnviertel, in dem sich die Bewohner nicht nachbarschaftlich verhalten, überhaupt eine „Nachbarschaft” nennen? Diese Frage hängt noch in der Luft, seit im September letzten Jahres mein Artikel Warum nicht gleich alles aufgeben, auch das Grüßen erschienen ist. Heute wollen wir uns der erfreulichen Seite meiner Wohngegend widmen, d.h. der Minderheit, die mit ihrem nachbarschaftlichen Verhalten die Wortbedeutung aufrecht erhält. Solange sie nicht von ihrem Vermieter daran gehindert wird….

Als wir vor gut zehn Jahren in unsere halbe Haushälfte einzogen, kamen wir sehr schnell in Kontakt mit einem ungefähr gleichaltrigen Ehepaar, das im Nebenhaus zur Linken wohnte. Wann immer wir uns wir bei unseren Beschäftigungen über den Weg liefen, hielten wir an, um uns über den Stand der Dinge zu unterhalten. Wir luden uns gegenseitig zu Parties ein. Und als unsere Nachbarn für längere Zeit verreisen wollten, baten sie uns, die Geige der Ehefrau – keine Stradivari, aber ein Erbstück von der japanischen Seite ihrer Familie -, bei uns unterzubringen. Soviel Vertrauen machte uns ein bisschen nervös, und es erwies sich als gar nicht so einfach, in unserer kleinen Wohnung einen passenden Aufbewahrungsplatz für ein wertvolles Musikinstrument zu finden. Während ihrer Abwesenheit haben wir uns auch um den Garten der Nachbarn gekümmert. Es traf sich gut, dass genau zu dieser Zeit die Feigen reif wurden. Zur Belohnung konnten wir uns jeden Tag ein paar frische Exemplare vom Baum pflücken. Ob der Feigenbaum im Mietvertrag eingetragen war? Dem Vermieter unserer Lieblingsnachbarn reichte es leider nicht, die Miete jedes Jahr zu steigern, ohne einen Dollar in seinen Besitz zu investieren. Er setzte sich in den Kopf, das Einfamilienhaus abzureißen und an seiner Stelle zwei neue Häuser zu bauen. Mehr Wohnfläche, weniger Garten. Ob er die zwei neuen Häuser anschließend vermieten oder verkaufen wollte, ist nie herausgekommen, denn der Vermieter hat es nicht einmal bis zur Bauerlaubnis geschafft. Ganz erfolgreich war er allerdings darin, nicht nur unseren Nachbarn, sondern auch der sehr nachbarschaftlich orientierten alleinerziehenden Mutter von vier Kindern, die nach ihnen einzog, das Mieten zu vermiesen. Sie alle wollten nicht warten, bis die Baugenehmigung durchkam und sie von ihrem Vermieter zu einem Zeitpunkt, den sie nicht kontrollieren konnten, herausgeschmissen wurden. Das Ehepaar hat sich so schnell wie möglich in einem anderen Stadtteil ein neues Haus zur Miete gesucht, und die alleinerziehende Mutter, sobald ihre Scheidung durch war, mit dem ihr ausgezahlten Geld ein Haus in der Nachbarstadt gekauft. Das Haus zu unserer Linken wird nun schon seit mehreren Jahren von einer Studentin und ihren wechselnden WG-Partnerinnen und Airbnb-Untermietern bewohnt, oder eher verwohnt. Ein Porzellanteller mit Blümchenmuster lag über Monate mitten in der Garageneinfahrt, die Papageienblumen im Vorgarten sind längst vertrocknet, und wer weiß schon, wie es um den Feigenbaum im Garten hinterm Haus steht? Einmal in der Woche kommt der „Gärtner” vorbei und wirbelt mit seinem Laubbläser vertrocknete Blätter auf.

Kurz nach dem Einzug der Studentin fanden wir im Briefkasten eine computergetippte und handschriftlich unterschriebene Benachrichtigung, dass sie am Wochenende eine Party zu veranstalten gedächte und sich schon im Vorhinein entschuldige, dass es etwas lauter werden könnte. „Wie rücksichtsvoll”, dachten wir, „da ist es doch fast schade, dass wir am Wochenende gar nicht da sein werden”. Sehr bald konnten wir aber auch selbst herausfinden, wie so eine Studentenparty im Nachbarhaus abläuft. Sie erinnerte uns an einen Flashmob: wie aus dem Nichts befand man sich um 22 Uhr plötzlich mitten im Partylärm und genauso unerwartet brach die Party zwei Stunden später auch wieder ab, weil die gesamte Truppe in eine Kneipe in der Innenstadt weiterzog, um sich dort auszutoben, bevor um 2 Uhr die Sperrstunde anfängt und alle Kneipengäste jäh herausgeschmissen werden. Nur einmal konnten wir erleben, wie sich eine ihrer Parties langsam aufbaute. Sie begann bereits am späten Vormittag und zog sich bis in die Nachtstunden von einem Höhepunkt zum nächsten. Durch den Sound von Rap-Songs konnte man die Geräusche des einen oder anderen Beer Pong Spiels hindurchhören, ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem man sich gegenseitig Ping Pong Bälle ins Bier “schießt”. Man könnte auch sagen, ein Trinkspiel, bei dem derjenige, auf dessen Seite der Ball in einem der roten Partyplastikbecher landet, das darin enthaltene Bier herunterstürzen muss. Eine Sportart, bei der das Angenehme mit dem Nützlichen aufs Vortrefflichste miteinander verbunden werden kann, zumindest das, was man in einer bestimmten Phase seines Lebens als angenehm, nützlich und vortrefflich betrachtet. Unser Nachbar aus einer der Wohnungen im Haus zu unserer Rechten hat an einem dieser Partyabende den interessanten Versuch gewagt, mitzufeiern. „Wenn ich mir schon diese laute Musik anhören muss, dann will ich lieber mit dabei sein”, hat er sich gedacht und sich dann auf den Weg gemacht. „Guten Abend, ich bin der Nachbar, und ich möchte gerne mitfeiern”, hat er sich im Partyhaus vorgestellt. Sie haben ihn nicht hineingelassen! Was blieb ihm da anderes übrig, als weiterhin genervt zu sein. Eine nachbarschaftsfreie Party, ich kann es immer noch kaum glauben! Gerade diesem Nachbarn den Zugang zur Party zu verweigern, ist schon ein starkes Stück, schließlich ist er so etwas wie ein Nachbar, den man sich wünschen würde.

Erzählt hat er uns davon sehr viel später und zwar, als wir uns letztes Jahr endlich einmal zum Grillen verabredet hatten. Das war auch der Abend, an dem er anmerkte, wie sehr es ihn nerve, dass dieser eine Ast auf unserem Abschnitt der Straße mitten in den Gehweg hängt und er sich jeden Morgen auf dem Weg zum Zug und jeden Abend auf dem Heimweg und überhaupt jedes Mal, wenn er in die Innenstadt läuft, tief hinabbeugen oder auf die Straße ausweichen müsse. Alle zu später Stunde noch anwesenden Nachbarn sahen es genauso, hatten auch schon heimlich geflucht über diesen verdammten Ast, doch jetzt, wo unser Lieblingsnachbar diese Frustration in so deutliche Worte zu packen vermochte, sahen sie sich motiviert, etwas dagegen zu tun, endlich die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Und so zogen sie zu dritt mit einer Säge los und nannten das Ganze “Aktion bessere Nachbarschaft”. Seitdem können wir wieder hocherhobenen Hauptes durch unsere Straße gehen. Nicht nur der Nachbar ist einer, wie man ihn sich wünschen würde, auch seine Frau gehört dazu. Während unseres Urlaubs hat sie zum Beispiel unsere Kräuterbeete gegossen, und wir haben ihr mit Zucker ausgeholfen, als sich die Tochter spontan dazu entschieden hatte, einen Kuchen backen zu wollen. Zweimal schon war ihr Vater zum Einkaufen geschickt worden, und es fehlten immer wieder neue Zutaten. Wir haben die Gelegenheit genutzt, ganz klassisch als Nachbarn einzuspringen, sicherlich auch mit der Hoffnung, vor der nächsten Generation ein Exempel nachbarschaftlichen Verhaltens zu statuieren. Vielleicht bleibt ja was hängen! Statt im Hausflur begegnen wir uns in der gemeinsamen Garageneinfahrt. Was uns trennt oder zumindest andeutet, dass es sich eigentlich um zwei Einfahrten handelt, die so nahe beieinander liegen, dass sie auf weiter Strecke miteinander verschmelzen, ist die Betonschwelle ganz am Anfang. Ohne sie könnte man ungehindert an jeder Stelle von der Straße in das Grundstück einbiegen, aber so muss man entweder links oder rechts an ihr vorbeifahren. Es sind die kleinen Stolperschwellen, an denen man sich Beulen holt. Das hatte sich auch unser Lieblingsnachbar gedacht und einen Vorschlaghammer angeschleppt. Es muss an einem der Tage passiert sein, an denen wir nicht zuhause waren. Viel hat er nicht anrichten können, doch seine Spuren werden der standhaften Schwelle ewig erhalten bleiben.

In der gemeinsamen Garageneinfahrt haben wir auch die Argentinier näher kennengelernt, die ein paar Jahre vorher im Haus zu unserer Rechten wohnten. An einem lauen Sommerabend konnten wir beobachten, wie die beiden Männer Anfang Dreißig abwechselnd auf einem kleinen Klapprad die Garageneinfahrt auf- und abfuhren. Es war ein ziemlich putziger Anblick, und recht schnell kamen wir mit ihnen ins Gespräch. Sie erklärten uns, dass es sich um die Entwicklung eines Startups handele, bei dem der eine Argentinier arbeitete, und ermunterten uns, das Fahrrad selbst einmal auszuprobieren. Wir erfuhren auch, dass der andere Argentinier ehrenamtlich die Fußballjugend von Menlo Park trainiert. Er hatte also nicht nur zum Arbeiten und Geldverdienen sein Land verlassen, sondern war darüberhinaus als Fußballbotschafter in ein Land gezogen, das sich eher für Sportarten wie Baseball, Basketball und American Football begeistert. Einige Monate später vertraute uns sein Mitbewohner den Schlüssel zu seinem nigelnagelneuen Porsche Cayenne an, „falls sein Auto”, so erklärte er uns, „während seiner Abwesenheit umgeparkt werden müsse”. Ob er es bei dem Startup für Klappräder zu so viel Geld gebracht hatte? Im Silicon Valley kann man auf den ersten Blick kaum feststellen, wer reich ist und warum. Denn wie soll man sie auch voneinander unterscheiden in ihren Kapuzenpullovern und ihren immergleichen Ideen, die die Welt retten sollen und dann doch bloß für Reichtum einiger weniger sorgen? Aber davon ein andermal. Jetzt mussten wir uns erst einmal mit der Verantwortung für ein Luxusauto anfreunden, die uns da so ungefragt übertragen worden war. Als die Argentinier uns mitteilten, dass sie auszögen, wurden wir ziemlich traurig. Der Porsche-Besitzer flog in die Flitterwochen, der Fußballcoach lud uns zum Abschiedsgrillen ein und wurde dabei zu unserem Botschafter für argentinische Esskultur. Wir konnten kaum glauben, dass er am Gürtel sein eigenes Steakmesser trug, ein Geschenk seines Großvaters zum Eintritt ins Erwachsenenalter! Seine Chimichurri-Soße stand lange bei uns als Andenken im Kühlschrank. In Argentinien gibt es sie vermutlich in jedem Supermarkt, doch für uns war sie etwas Besonderes.

This entry was published on May 27, 2021 at 4:54 pm. It’s filed under Erinnern, Unerschlossene Forschungsgebiete, Unvollendete Werke, Was ich esse, Was ich höre, Was ich sehe, Was ich trinke and tagged , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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