Vorsicht! Welt hört mit!

Jetzt, wo die Ära Merkel sich ganz offiziell ihrem Ende zuneigt, möchte ich mich noch einmal an meinen Lieblingsmoment mit ihr erinnern. Angela Merkel, die Kanzlerin Deutschlands, die Kanzlerin der Deutschen, aller Deutschen, auch von mir? Wie sie sich damals als junge Frau aus dem Osten in der CDU durchsetzen konnte, das hat Eindruck hinterlassen. Frischer Wind, um den Geruch nach Kohl zu vertreiben. Eine Frau an der Regierung, das galt über Jahre als ihr Alleinstellungsmerkmal und musste respektiert werden. Respekt ja, aber sie ist halt doch leider in der falschen Partei, zumindest von mir aus betrachtet. So oder so ähnlich habe ich reagiert, wenn mein kalifornischer Arbeitskollege, ein ehemaliger New Yorker mit Wurzeln in Osteuropa, wieder von the German Chancellor Angela Merkel zu schwärmen anfing. Bis er eines Tages tief berührt in der Kantine eintraf… und genau darum geht es in diesem Artikel, den ich vor fast drei Jahren zu schreiben begann, um mich mit einer Erinnerung an die guten alten Zeiten drei Jahre zuvor aufzumuntern. Wir graben uns also heute durch mehrere Erinnerungsschichten, und wie fast alle Ausgrabungsarbeiten bringt auch diese nur Fragmente zum Vorschein. Mögen die LeserInnen ihren eigenen historischen Kitt mitbringen, um aus den kostbaren alten Scherben ein Ganzes entstehen zu lassen...

Vorsicht! Welt hört mit! Letzte Fassung vom September 2018

“Wir schaffen das,” sagte Frau Merkel vor ziemlich genau 3 Jahren. Und weil Frau Merkel damals nicht nur die nette Nachbarin von nebenan war, sondern hauptberuflich Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, ist ihr Satz nicht im Treppenhaus auf dem Absatz zwischen der 3. und der 4. Etage hängengeblieben oder auf ewig im Fahrstuhl zwischen Keller und Dachgeschoss hin- und herfahren worden, sondern hinaus in die Welt geschallt.

Möglicherweise hat Frau Merkel ihren Dreiwortsatz nur an die Deutschen in Deutschland, sozusagen an ihre Wähler gerichtet. Möglicherweise haben das die Deutschen in Deutschland, so gesehen, haben sich von ihrer Bundeskanzlerin angesprochen, wenn auch nicht unbedingt alle von ihr verstanden gefühlt. Doch so ein Satz, so ein von der Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland ausgesprochener Satz, der bleibt nicht an der Landesgrenze stehen, der klingt in der Luft und sucht sich Ohren, für die er vielleicht gar nicht bestimmt war; so ein Satz wird auf die eine oder andere Weise von der ganzen Welt gehört. Frau Merkel als Profi auf dem Parkett der Weltpolitik trauen wir durchaus zu, sich der komplexen Wirkung ihres einfachen Satzes bewusst gewesen zu sein. Wir hoffen durchaus, dass sie an alle potentiellen Zuhörer ihres Satzes gedacht hat und nicht nur an ihre Wähler. Und wir wünschen uns, dass sie ihren Satz genauso gemeint hat, wie sie ihn gesagt hat. In seiner Vieldeutigkeit und in seiner Stärke.

Und grob geschätzt könnte man behaupten, Frau Merkel habe mit ihrem Satz die Welt beeindruckt und Deutschland verschreckt. Zumindest einen nicht unerheblichen Teil der Deutschen. Für mich ist “Wir schaffen das” ein Vertrauensbeweis an die eigene Stärke: Wir schaffen das, weil wir es können. Für mich ist “Wir schaffen das” ein Versprechen an sich selbst und an andere, nicht aufzugeben angesichts einer schwierigen Lage, und im ganz konkreten Fall ein Versprechen, Menschen in Not nicht im Stich zu lassen.

Einen Tag nachdem Frau Merkel ihren Satz gesagt hatte, kam mir mein kalifornischer Arbeitskollege freudestrahlend entgegen: Frau Merkel habe ihn beeindruckt, man könne Deutschland wieder trauen, er habe jetzt ein gutes Gefühl, wenn man in Deutschland die Menschlichkeit willkommen heiße. Warum war das für ihn so wichtig? Nun, er betrachtet Deutschland mit dem Blick eines jüdischen Überlebenden.

Normalerweise löst der Gedanke an Deutschland ganz andere Gefühle aus. Da geht es entweder um verklärte Märchenwelten wie Neuschwanstein und Oktoberfest oder um solide deutsche Technik, deutsche Autos, deutsche Waffen, deutsche Kriege, deutsche Effizienz im Projektmanagement und natürlich Nazis. Nichts, mit dem ich mich als Deutsche gerne identifizieren möchte. Und plötzlich sagt Frau Merkel einen Satz, und das Deutschlandbild kriegt ein menschliches Antlitz. Plötzlich geht es um etwas, das man als aktive Wiedergutmachung verstehen könnte. Nicht nur Reden von Schuld und Nie-Wieder, sondern humanes Handeln in einer humanitären Notlage. Davon wird kein Jude wieder lebendig, doch den lebenden Juden wird’s warm ums Herz. Was für ein Glücksfall, der sich da vor den Deutschen in Deutschland auftut, endlich kann man seine Stärken für etwas Gutes einsetzen. Und wir haben es ja auch gesehen, es hat stattgefunden, dieses neue andere Deutschland, die Willkommensgesten am Bahnhof, die ganze Welt hat es mitangesehen, hat den Atem angehalten und gestaunt, was möglich ist.

Und dann sagt Frau Merkel diesen einen Satz, und ihre Landsleute fühlen sich von ihr missverstanden. Wir haben Angst. Wir fühlen uns überfordert. Wir haben doch selbst genügend Probleme. Wir wollen nichts abgeben. Wir wollen nichts teilen. Wir wollen keine fremden Menschen in unsere Nähe, sie machen uns Angst. Wir haben kein Selbstvertrauen. Und wir sind verdamme Egoisten.

Vielleicht hätte Frau Merkel daran erinnern müssen, dass es eine Zeit gab, in der Menschen aus Deutschland geflohen sind und woanders aufgenommen wurden. Aber hat man das überhaupt jemals getan, sich an diese Seite von Deutschland erinnert? Während meiner Schulzeit tief im deutschen Westen der 70er und 80er ging es immer nur um Gut und Böse und nie wieder…

Re-education, Entnazifizierung, es ging immer nur um Schuld. Kollektivschuld. Wer sich schuldig fühlt, kann kein Selbstvertrauen aufbauen. Es ging immer nur um ein total abstraktes Nie-Wieder, aber niemand hat wirklich versucht, die Situation in die Gegenwart zu übertragen. Nicht alle Faschisten sehen aus wie Hitler, aber das macht sie nicht weniger gefährlich. Es gib lauter Leerstellen, aber hat man eigentlich jemals versucht, ein positives Gegenbild zu schaffen? Wer immer nur gesagt kriegt, was er nicht machen darf, bekommt keine klare Vorstellung davon, was möglich ist. Negierung ist nichts als Auslöschen. Und wenn man den leeren Platz nicht füllt, wird er irgendwann wieder mit dem gefüllt, was man kennt. Angst, Verbote, Naziparolen.

Was für ein Land wollt Ihr eigentlich sein? In was für einem Land wollt Ihr eigentlich leben?

Und drei Jahre später kann man die Welt kaum wiedererkennen. Die USA haben ihren Status als Einwanderungsland verloren und werden von einem Präsidenten regiert, der sich von seinen Ängsten und Launen lenken lässt. Die Frage, wo man heutzutage noch ins Exil gehen könne, wo man sicher sei vor Verfolgung wird immer dringlicher und die Antwort weiß ganz allein der Wind… Die freie Presse fühlt sich genötigt, einen Gedenktag zu veranstalten: Journalists are not the enemy of the people*. Viele fühlen sich in ihrem eigenen Land nicht mehr sicher. 

*More than 300 newspapers join Globe effort on freedom of the press editorials

This entry was published on July 22, 2021 at 4:33 pm. It’s filed under Erinnern, Unerschlossene Forschungsgebiete, Unvollendete Werke, Was ich höre and tagged , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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