Lineare Zeit, zirkuläre Zeit, simultane Zeit, schwindelerregende Zeit… in der Erinnerung fallen Zeitebenen zusammen, und wenn man sich erinnert, befindet man sich meist sogar an zwei Orten gleichzeitig, nämlich an dem Ort, wo man sich erinnert, und an dem Ort, an den man sich erinnert. Stahl erinnert den Künstler an seine Kindheit in San Francisco, wo sein Vater damals in einer der vielen Schiffswerften gearbeitet hat. Seine Skulpturen erinnern an Schwerindustrie, die es auch in Bochum längst nicht mehr gibt. Mich erinnert Terminal an meine Grundschullehrerin und seit einiger Zeit auch daran, dass ihre Interpretation eigentlich nicht passt, weil sie auf einer Fehlannahme beruht. Und mich trotzdem so nachhaltig beeindruckt hat. Und wer weiß… ich erinnere mich, aber war das wirklich so? Vielleicht hat sie das so gar nicht gesagt. Oder gemeint.
Erinnern ist eine komplexe Angelegenheit: Da ist das, was passiert, und der Mensch, dem es passiert, und der sich dann später daran erinnert. Woran eigentlich? Erinnert sich der Mensch an das, was passiert ist (Vorfall/Fakt) oder an das, was ihm passiert ist (Erfahren/Erleben)? Und schon erinnere ich mich an eine andere Monatsausgabe des CA Journals, die sich fast in Gänze mit dem Erinnern beschäftigt und wo natürlich auch Prousts Madeleine ihren Auftritt hat. Und springe dann in meiner Erinnerung zu einem Gespräch (ob im Radio oder Fernsehen habe ich vergessen), bei dem mich einer der Gäste nachhaltig beeindrucken konnte. Soweit ich mich erinnere, lautet seine Perspektive ungefähr so: “Erinnerung ist immer Gegenwart. Erinnern ist Neuschreiben. Erinnern hat fiktionalen Charakter. Erinnern hat mehr mit Romanschreiben zu tun als mit einer Faktensammlung.”
Nichts vergeht so schnell wie Mode. Mode ist immer Gegenwart. Denkt man. Und doch zeigt die Ausstellung über Alexander McQueen deutlich, wie oft Mode auf die Vergangenheit Bezug nimmt. In seiner Kollektion “Highland Rape” von 1995-96 erinnert der Modeschöpfer an vergangene Ereignisse, die allerdings so weit zurückliegen, dass er sie nicht selbst erleben konnte, die sich aber im kulturellen Gedächtnis festgeschrieben haben. Für mich rückt in letzter Zeit eine andere Frage immer mehr in den Vordergrund: Was hinterlässt mehr Eindruck, Stahl oder Parfüm? Was schreibt sich mehr in die Erinnerung ein: eine Skulptur aus Stahl oder eine aus Duftstoffen? Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich berichten, dass ein Hirn sich verdammt gut an etwas so scheinbar flüchtiges wie Geruch erinnern kann und auch an das dazugehörige Körpergefühl aus demselben Moment. Und wenn das Gebäck in seiner Vergänglichkeit auch für die Flüchtigkeit des Erinnerns steht, müsste man die Madeleines in diesem Falle eigentlich in Stahl gießen! So wie es Nerven aus Stahl braucht, Erinnerungen auszuhalten, an die man sich nicht erinnern möchte. Ein Hoch auf das Vergessen!
[ Richard Serra (1938 – 2024) ]
[ Alexander McQueen (1969 – 2010) ]
[ CA Journal Juni/Juli/August/September/Oktober 2011 – Keine Sommerpause ]