IX. Verortung

Manche Stahlskulpturen führen ein nomadisches Leben, werden immer wieder woanders aufgebaut, stehen mal drinnen und mal draußen. In Bochum steht die Skulptur in zentraler Lage auf einer einsamen Verkehrsinsel, und man bahnt sich mühsam einen Weg durch den Straßenverkehr, um ihr näher zu kommen.

Was ist mit den Internetseiten passiert, zu denen meine Beiträge im Jahre 2011 gelinkt hatten? Sie sind nicht unbedingt verschwunden, aber der Weg zu ihnen hat sich geändert, sodass meine alten Verweise nicht mehr funktionieren. Die Kartographie des Internets scheint ständig in Bewegung begriffen. Manche Seiten landen im Abseits und führen dort ein Waisenleben, bis sie irgendwann (vielleicht von einer Suchmaschine) wiederentdeckt werden. Im Internet herrscht immer Gegenwart und doch ist kaum etwas aktuell. Restaurants und andere Orte, die es schon längst nicht mehr gibt, glühen auf ihren Webseiten noch ewig nach. Es empfiehlt sich, besser einmal selbst in der analogen Welt nachzuschauen, um zu erfahren, wie die Dinge wirklich stehen. Und wo.

Möglicherweise gibt es in der digitalen Welt mehr verlassene Orte als in der analogen, man müsste mal nachzählen, oder vielleicht besser nicht. Lasst uns unsere unentdeckten Orte und die Vorfreude, die jeden Entdecker zu neuen Erkundungen antreibt. Alexander McQueen führt uns vor, dass sich sogar Mode geographisch verorten kann. In einer seiner Kollektionen erzählt er die Geschichte von einem Schiffsunglück, bei dem die Besatzung am Amazonas strandet. In “Plato’s Atlantis” sind die Menschen zu einem Leben unter Wasser gezwungen worden und entwickeln sich zu Hybridwesen. Die Stoffskulpturen von “Highland Rape” beziehen sich auf Vergewaltigung im übertragenen Sinne, “the rape of Scotland by England”, genauer gesagt auf historische Ereignisse, die im 18. und 19. Jahrhundert auf dem geographischen Boden Schottlands stattgefunden haben.

[ Alexander McQueen: Irere, spring/summer 2003 ]

[ Alexander McQueen: Plato’s Atlantis, spring/summer 2010 ]

[ Alexander McQueen: Highland Rape, autumn/winter 1995-96 ]

This entry was published on May 8, 2024 at 4:53 pm. It’s filed under Erinnern, Unerschlossene Forschungsgebiete, Was ich sehe and tagged , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

Discover more from California Journal

Subscribe now to keep reading and get access to the full archive.

Continue reading