Rom vs. Berlin 1:0

Im Herbst war ich in Rom. Und dann in Berlin. Ungewöhnlich sommerliches Wetter verlieh den Ruinen Roms einen goldenen Schimmer. In Berlin bewegte sich das Wetter zwischen hellgrau und dunkelgrau, und wer keine Sonne im Herzen trug, hatte es besonders schwer. Den Palast der Republik mit seinem ganz eigenen rotgoldenen Schimmer kann man aber auch bei Sonnenschein bloß noch auf Fotos bewundern. Nicht einmal Ruinen hat man uns gelassen. Da fällt das Erinnern noch schwerer. 

Wie fühlt es sich an, wenn man mitten im Stadtzentrum eine Ruinenlandschaft stehen lässt? Frag mal die Römer! Mir schien als hindere es sie nicht an ihren alltäglichen Verrichtungen. Trotz ihrer zahlreichen Schichten an Geschichte wirkte die Stadt Rom quicklebendig und mit mindestens einem Bein vollständig in der Gegenwart verankert. Oder mit der Hand, die das Gelato hält. Aber bitte mit Sahne, sagt dann der Römer und lässt sich von keiner Ruine mehr ablenken.

In Berlin wirkte das Stadtzentrum an vielen Stellen unnatürlich aufgeräumt, so wie nach einem Großreinemachen, bei dem viel unter den Teppich gekehrt worden ist. Was war da noch mal?! Und wie kommt es, dass da jetzt an markanter Stelle 2/3 einer frischgebauten Schlossfassade stehen, jungfräulich und naiv der Zukunft zugewandt?! Und hinter der Fassade ein moderner Zweckbau, in dem Vergangenheit ausgestellt wird, die andere, die draußen nicht mehr sichtbar ist, wie zum Beispiel der Palast der Republik?! Der wäre doch selbst als entkernter und asbestfreier Hohlkörper mindestens so besichtigenswert gewesen wie all die Foren im Zentrum von Rom, schließlich wurde dort zum Beispiel 1990 der Beschluss zur Wiedervereinigung gefasst.

Wann erachten wir Überbleibsel aus vergangenen Zeiten als so wertvoll, dass wir einen Zaun drum machen und Eintritt verlangen? Brauchen wir Ruinen, um uns an Früher zu erinnern? Können wir von Ruinen lernen? Und von welchen denn? Auch in Rom fand man seine Ruinen nicht immer schon erhaltenswert. Jahrhundertelang wurden sie einfach weiterverwendet und im Bau von neuen Gebäuden eingesetzt. Ein riesengroßes Recycling, oder manch einer hätte es bestimmt stolz Upcycling genannt, wenn Marmor aus römischen Palästen nun den Boden christlicher Kirchen schmückt. Was die Barbaren nicht geschafft haben, vollendeten die Barberini… oder so ähnlich. Das Kolosseum würde es heute gar nicht mehr geben, hätte es nicht im 17. Jahrhundert ein franziskanischer Mönch zu einer Heiligen Städte erklärt und damit seinem Dasein als Steinbruch entzogen.

Wie fühlt es sich an, wenn man unter den Überresten des Aquäduktes von Claudius joggen geht oder zum Fußballtraining? Wirkt es beruhigend, zu wissen, dass man eingebettet ist in eine lange historische Tradition? Oder erinnern einen die Ruinen daran, dass früher alles besser war (was sicherlich nicht stimmt, sich aber als romantische Idee gut anfühlen könnte)? Von welchem Früher sprechen wir überhaupt und von wessen Leben in diesen früheren Zeiten? Der Claudius war mächtig genug, ein Aquädukt in seinem Namen bauen zu lassen. Und wie kamen sich diejenigen vor, die diese Arbeiten für ihn ausführen mussten? Von ihnen spricht man seltener, obwohl sie doch so viel mehr waren.

This entry was published on December 24, 2024 at 4:01 pm. It’s filed under Erinnern, Unerschlossene Forschungsgebiete, Was ich sehe and tagged , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

Discover more from California Journal

Subscribe now to keep reading and get access to the full archive.

Continue reading