“Immer wieder ein absurder Anblick! Diese Ruinen mitten in der Stadt,” lautete ein Kommentar zu meinen Fotos aus Rom. Selbst in den Außenbezirken lässt sich ein Zusammentreffen mit Ruinen kaum vermeiden. Neben dem Aquädukt des Claudius führen Römer ihre Hunde aus. Auf der Via Appia Antica fahren Autos. Sie stehen im Stau, sie hupen sich an, sie warten geduldig. Die Zeit scheint stehenzubleiben, aber es geht doch voran, und irgendwann kommen wir an. Essen Büffelmozzarella mit Tomaten aus dieser Saison und setzten uns danach in den Garten mit Blick zur Villa der Quintilier auf dem Hügel gegenüber oder auf den Espresso direkt vor unserer Nase. Mit Ruinen leben ist möglich.
Aus der Zeit gefallen – da geht es bei mir eben auch um Ruinen, und wie wir als Menschen zu ihnen stehen. Anlässlich meines herbstlichen Besuchs von Rom und von Berlin, drängte sich ein Vergleich zwischen beiden Städten auf. Natürlich ist die Antike in Berlin moderner, aber auch hier trifft man bei seinen Spaziergängen auf Bauten untergegangener Reiche. Oder würde man, wenn sie nicht zum Teil akribisch abgetragen worden wären, so als könne man sich damit einer Schicht Geschichte einfach entledigen. Wer entscheidet, was stehen bleiben darf, also weiterhin in den Reiseführern auftaucht und nicht bloß in den Geschichtsbüchern verschwindet? Wie kommt es, dass sich die eine Stadt ein Zentrum voller Ruinen leisten kann und die andere vieles dransetzt, ihr Stadtzentrum aufzuräumen, in dem Versuch, es im nie dagewesenen Glanze einer selbstgewählten vergangenen Epoche erstrahlen zu lassen?
Kaum bin ich wieder zuhause im fernen Kalifornien, lese ich zufällig genau das richtige Buch zu meinem Thema: Fabelland von Ines Geipel. Denn gleich am Anfang geht es um Ruinen. Und mir wird klar, dass sie von vielen Deutschen ganz anders wahrgenommen werden als möglicherweise von manch anderen “Völkern” oder “Nationen”, denn da ist das Trauma vom extrem zerstörten Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Natürlich gibt es immer noch die romantische Faszination für die Ruinen der Antike, aber dazu hat sich nun der Horror vor ruinenartig kaputten Städten und eine Sehnsucht nach Aufgeräumtheit gesellt. Wer einmal sein Leben in einem Trümmerfeld wieder aufbauen musste, der kann vielleicht nicht anders als ewig vor ihm davonlaufen. Und alles ausfegen und aufhübschen wollen. Ruinen muss man aushalten können.
Und eins dürfen wir nicht vergessen: Das alte Rom hat nicht als Ruinenlandschaft angefangen, nein, ursprünglich stand da alles schön nebeneinander aufgereiht, bunt bemalt und prunkvoll geschmückt. Die Gebäude sind nicht alle gleichzeitig und innerhalb weniger Minuten von Bomben zerstört worden, sondern langsam in einen Ruinenzustand übergegangen. Im Zentrum Roms fand jahrhundertelang Recycling vergangener Zeiten statt, sodass sich nun zum Beispiel Bronzebalken aus dem Pantheon im Petersdom wiederfinden. Nicht alle Ruinen Roms stehen für großartige Zeiten, nein, auch da gibt es jede Menge Restbestände aus Diktaturen und Kaiserreichen sowie Triumphbögen zu Ehren von kriegerischen Feldherren… aber die Steine liegen da so unschuldig, als könnten sie keinem etwas antun. Vielleicht liegen die Zeiten auch einfach weit genug zurück, um ungefährlich zu wirken.