Berliner Wohnlandschaften

I.

Man läuft hier mehr. Es gibt mehr zu sehen. Jeder Spaziergang eine Entdeckungstour. Ich gehe alte Straßen ab, um herauszufinden, was noch steht, und was sich verändert hat. Hier habe ich mal gewohnt. Die Hausnummer gibt es noch, aber alles andere ist kaum wiederzuerkennen. Früher konnte man direkt aufs Hinterhaus gucken, jetzt ist ein Vorderhaus im modernen Stil dazugekommen. Der Hof, in dem wir an lauen Sommerabenden gegrillt und dann Tango getanzt haben, ist von außen nicht mehr zu sehen und fühlt sich jetzt bestimmt auch viel kleiner an. Der Ort hat seinen Ruinencharakter verloren. Das Unfertige übte damals einen unglaublichen Reiz auf uns aus. Überall war noch etwas möglich, konnte man sich noch ausprobieren und einbringen. Jeder und jede hatte seine Ecke gefunden. Es brauchte nicht viel, um die Lage zu verbessern. Alles sah nach Zwischennutzung aus, konnte jederzeit wieder umgenutzt werden, man musste sich also nicht auf lange Sicht festlegen. Und doch stand man auf so vielen Jahren Geschichte, die einem Halt gaben. Mir zumindest. Du bist nicht die erste, und Du wirst nicht die letzte sein, die sich hier austobt oder bloß einen Stein verschiebt.

II.

An der nächsten Adresse steht das alte Gebäude gar nicht mehr, und ich laufe ahnungslos an der Hausnummer vorbei. Bin ich hier richtig? Für einen Moment verliere ich mein Gleichgewicht. Nichts ist mehr so, wie ich es in Erinnerung hatte. Die Bushaltestelle lag damals neben einer Wurstfabrik, das konnte man beim Warten riechen. Unser Wohnhaus war nicht mehr als ein grauer einstöckiger Zweckbau, aber er hatte Zentralheizung. Die lief allerdings viel zu heiß, weil sie ursprünglich für einen großen Fuhrpark ausgelegt worden war. Uns Mietern blieb nichts anderes übrig, als über Fensteröffnen die Temperatur auszugleichen. Was für eine Verschwendung von Wärme! Hinter den neuen Häusern, im ehemaligen Todesstreifen, kann man jetzt am Wasser entlangspazieren, wenn man will bis tief in den Wedding hinein, und über eine Fußgängerbrücke käme man auch nach Moabit.

Auf dem Invalidenfriedhof nebenan sind einige Gräber instandgesetzt worden, dazwischen stehen Teile der ehemaligen Mauer herum. Auf bloßes Material reduziert können sie kein Wässerchen mehr trüben. Den Wachturm am Ende der Straße gibt es noch, nur wohnt jetzt keiner mehr drin wie damals in den Neunzigern. Mittlerweile hat man ihn offiziell zum Denkmal erklärt. Und da ist ja sogar das Bundeswehrkrankenhaus, wo ich einmal vorstellig wurde, weil mir einen ganzen Tag lang das Herz zu schnell schlug. Die diensthabenden Soldaten waren kaum älter als ich und konnten sich viel Zeit für mich nehmen, vielleicht, weil es sich damals so anfühlte, als hätten wir alle die Zeit ewigen Friedens erreicht.

III.

An der dritten Adresse steht das Haus noch, doch auch hier wurde renoviert, natürlich, sonst wären die Häuser ja zusammengefallen. Und wer will denn ewig mit Kohle heizen? Damals konnte man übers Hinterhaus noch aufs Dach steigen, wo die Luft der Freiheit wehte. Vermutlich war das alles furchtbar gefährlich, aber wir haben das nicht so empfunden. Jetzt wird das Hinterhaus auf dem Klingelschild als Gartenhaus bezeichnet. Rechts neben dem Eingang, also offiziell im Nachbarhaus, ist immer noch ein Späti drin. In den Neunzigern gehörte er einem Ehepaar, das direkt nebenan seine Wohnung hatte. Als der Mann eines Tages von einem Besuch in seiner Heimat eine zweite Ehefrau mitbrachte, die dann bald ein Kind kriegte, zog die erste Frau innerhalb des Hauses um und hörte den ganzen Tag Musik aus der Heimat ihres Mannes. Die Musik schallte natürlich auch in unsere Hälfte des Hinterhofs hinein und brach uns das Herz. Unten fuhr das Kind der anderen Frau in einem batteriebetriebenen Plastikauto durch den Hof. Oben stand die erste Frau am Fenster und rauchte. Bald gehörte dieses laute Stillleben zu unserem Hinterhofalltag. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich jemals jemand beschwert hätte. Vielleicht waren alle froh, dass sie weniger zu leiden hatten als diese arme Frau, die in der 3. Etage in der Verbannung lebte.

Direkt über uns wohnte ein Geschäftsmann, dessen Laden Pleite gemacht hatte. Seine Wohnung stand voller Himalaya-Salzlampen und anderer unverkaufter Ware. Auch er hat oft sehr laut Musik gehört und ist dabei durch seine Wohnung gestapft, vermutlich immer haarscharf an den Lampen vorbei. Zu meinem Geburtstag hat er eine von ihnen an mich verschenkt. Unser Internet bekamen wir durchs Fenster mit einem Verlängerungskabel von der Wohnzimmerfirma, die unsere Nachbarn im Erdgeschoss betrieben. Hinter dem Hinterhaus gab es noch einen kleinen Hof, der ein bisschen an einen Garten erinnerte. Dort trafen wir uns zum Feiern. Im gesamten Haus wohnten fast nur junge Leute, zwei waren Piloten, und einer war auf der Flucht vor dem Wehrdienst. Das fanden wir ungewollt heraus, als eines Tages Feldjäger bei uns an der Tür klingelten, um nach ihm zu fragen. Er war nicht zuhause, doch wir wussten, in welcher Kneipe er als DJ arbeitete und haben ihn vorgewarnt und ihm geraten, sich lieber selbst zu stellen. Irgendwann war der junge Mann weg, und die Feldjäger sind nicht noch einmal aufgetaucht.

Dann wohnte da noch eine ältere Dame. Einmal hat sie mich, als wir uns im Treppenhaus über den Weg liefen, zu sich eingeladen und gleich Kaffee und Kuchen serviert, so als hätte sie mich insgeheim erwartet. Dann hat sie Fotoalben herausgeholt und mir ihre Familie vorgestellt. Ich fand diese Begegnung nicht angenehm oder interessant, sondern lästig, und ein bisschen schämte ich mich schon damals drüber. Es war eine Zeit, in der man so viel vorhatte und nicht aufgehalten werden wollte. Und schon gar nicht von einer älteren Dame, die einem viel zu schnell viel zu nahe tritt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, mich aus einer Schlinge befreien zu müssen.

This entry was published on December 29, 2024 at 4:15 pm. It’s filed under Erinnern, Was ich sehe and tagged . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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