In seinen Zeichnungen setzt Serra Schwarz nicht nur als Farbe, sondern auch als Material ein. Das gibt der Farbe mehr Gewicht und setzt die Zeichnungen stärker in Bezug zur Schwerkraft. Strenggenommen handelt es sich bei diesen zum Teil gewaltigen prä-skulpturalen Werken nicht um Entwürfe, Skizzen oder Studien zu späteren Skulpturen, aber den wissenden (oder eher: den erfahrenen) Betrachter erinnern sie natürlich an die Stahlskulpturen, insbesondere daran, was ihnen im Vergleich zu einer eindrucksvollen Skulptur aus Stahl noch fehlt. Die Serra-Retrospektive gewinnt dadurch an Kraft, dass sie sich (vermutlich unbeabsichtigt) räumlich in Beziehung setzt zu einer Ausstellung über den Modemacher Alexander McQueen, die 2011 zeitgleich im Metropolitan Museum of Art in New York stattfindet. McQueen erweist sich als ein Meister im Zusammensetzen von Stoffteilen und viele seiner Werke kommen durchaus Skulpturen gleich. Anders als Stahl, aber doch Zeichenpapier nicht ganz unähnlich, könnten sie in einem Handstreich zu einem Nichts zerknüllt werden. Die Weichheit des Stoffes unterstreicht das handwerkliche und künstlerische Geschick des Meisters im Formen, und man würde, wenn man dürfte, sich sogleich eins seiner Werke überstreifen (und damit Teil der Skulptur werden?) oder zumindest mit der eigenen Hand drüberstreichen, um es mit mehr Sinnen als nur dem Auge wahrzunehmen. Zu schade, dass man im Museum meist zum bloßen Zuschauer degradiert wird, und auch verständlich, wenn man bedenkt, wie sehr menschliche Einwirkungen den Ausstellungsstücken zur Gefahr werden können. Also schaut man immer und immer wieder hin und stellt sich den Rest vor.
V. Richard Serra Drawing: A Retrospective (2011)
04 May
This entry was published on May 4, 2024 at 4:41 pm. It’s filed under Erinnern, Was ich sehe and tagged Alexander McQueen, Richard Serra.
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