VI. Form und Materie

Der Übergang von zweidimensionalen zu dreidimensionalen Formen ist vermutlich weniger abrupt als vermutet. Wann hört flach auf? Und wie komme ich mit meinem Material in den Raum hinein? Ein Bildhauer findet seine Skulptur im Stein, haut sie aus ihm heraus, entfernt mehr und mehr Material, bis sie vor ihm steht. Richard Serra trägt in manchen seiner Zeichnungen so dick Farbe auf, dass sie einem entgegenzutreten scheinen. Die Stahlplatten für seine Skulpturen muss er von Experten bearbeiten lassen und nutzt dafür alte Industriegewerbe, die sich ihrerseits weiterentwickeln mussten, um den Stahl zu bändigen und Platte für Platte in eine vom Künstler entworfene Skulptur zu formen.

Sobald der Stahl erstarrt, scheint ihm nichts mehr etwas anhaben zu können. Sicher, stabil und stetig tritt er uns entgegen, bietet uns Halt beim bloßen Hinsehen. Und dann kommt ein Containerschiff und fährt eine Stahlbrücke um, und sie knickt ein, als sei sie aus Papier gebaut oder aus lauter Streichhölzern. Reihen wir das ein in traumatische Erlebnisse mit der Welt der Materie.

Alexander McQueen hat in der Savile Row in London, der Goldenen Meile des (Herren-)Schneiderns, alte Handwerkstraditionen gelernt und kann seine Werke mit eigenen Händen formen, indem er Stoffe mit der Schere zuschneidet und die Stoffstücke dann mit Nadel und Faden aneinandernäht. Für seine Modekollektion “Eshu” verwendet er Stoffe, die Metall zum Verwechseln ähnlich sehen, aber andere Materialeigenschaften mit sich bringen. Die meisten seiner Stoffskulpturen können nicht alleine stehen, brauchen einen Kleiderbügel oder -ständer oder besser noch: das Zusammenspiel mit einem Menschen. Sie dienen ihm als Schutzhülle, und der Mensch haucht ihnen Leben ein. Er wird zu einem Teil einer Skulptur, die sich nun bewegen kann.

[ Bewegliche Skulpturen – Videoclips von Alexander McQueens Modenschauen ]

Baltimore (Maryland/USA) im März 2024 – Containerschiff fährt Stahlbrücke um
This entry was published on May 5, 2024 at 4:43 pm. It’s filed under Erinnern, Unerschlossene Forschungsgebiete, Was ich sehe and tagged , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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