Lau Lau und Liliko’i

[ Februar 2013 – The Aloha State ]

Gleich für den ersten Abend auf Maui haben wir uns mit Freunden bei unserem Lieblingsrestaurant in der Nachbarstadt Lahaina verabredet. Doch Aloha Mixed Plate ist wegen Umbau vorübergehend geschlossen. Vor der versperrten Tür sammeln sich hungrige Gäste und suchen in ihren Smartphone-Apps verzweifelt nach Alternativen. Auf einem Aushang empfehlen die Besitzer das Schwesterrestaurant Star Noodle. Es ist nicht ganz klar, welche Art von Nudeln gemeint ist: italienische, asiatische, hawaiische? Wir sind neugierig genug, um diese Empfehlung auszuprobieren. Das Navigationsgerät führt uns durch dunkle Straßen in ein völlig ausgestorbenes Gewerbegebiet, das wider Erwarten erstaunlich belebt ist, sobald wir den Parkplatz des Restaurants erreichen. Viel zu viele Menschen stehen draußen wartend herum, und es bestätigt sich schnell: mindestens 45 Minuten Wartezeit. Dafür sind wir viel zu hungrig. Uns wird langsam klar, dass man zur Hauptessenszeit nicht wählerisch sein darf. Mangels besserer Alternativen landen wir in einem Restaurant direkt am Meer, wo man uns zu überhöhten Preisen eine mexikanisch-italienisch-asiatisch-amerikanische Fusionsküche serviert, bei der nicht einmal die Einzelteile besonders gut schmecken, weshalb wir hier Stillschweigen über den Namen dieses Un-Ortes bewahren.

Nach soviel kulinarischer Enttäuschung machen wir uns am nächsten Tag auf die Suche nach einem neuen Geheimtip. In einem unscheinbaren Einkaufszentrum werden wir fündig: Local Food, eine Art hawaiische Pommesbude mit Glasschiebefenster und zwei soliden Holztischbanksonnenschirmkombinationen auf der Parkplatzfläche davor. Wie versprochen bekommen wir hier endlich, was wir schon bei Aloha Mixed Plate genießen wollten: “Lau Lau” (Fisch, Schweinefleisch und Taroblätter zum Garen in Ti-Blätter gewickelt) und “Kālua Pua’a” (Schweinefleisch) mit Weißkohl. Traditionell werden diese Gerichte nach Kālua-Art im „imu“ (unterirdischer Vulkansteinofen) gegart; ob die Imbissbude noch diesen alten Kochmethoden folgt, wissen wir nicht. Zum Essen trinken wir POG (Pineapple-Orange-Guava), aber den guten, nur mit Zuckerrohr gesüßten Saft von Hawaiian Sun; leider ist die Geschmacksrichtung „Liliko’i“ (Maracuja) nicht vorrätig. Bei Local Food verbringen die Klempner ihre Mittagspause, aber auch die einen oder anderen Touristen, die nicht nach Hawai’i fliegen, um Nacho-Chips oder Bruschetta mit Burrata zu essen. Die Preise sind eine Wohltat für den Geldbeutel, die Speisekarte ist gerade lang genug, um die wesentlichen Gerichte der gutbürgerlichen hawaiischen Küche abzudecken. Es gibt auch “Loco Moco” (Hamburger mit Spiegelei und Bratensoße) und “Spam Musubi”, die hawaiische Variante von Sushi, bei der frittierte Spamscheiben auf Reis serviert werden; wobei Spam hier kein Emailmüll ist, sondern die Marketingkurzform von „spiced ham“, gegartem gewürzten Schweinefleisch in Dosen. In Deutschland wird diese Errungenschaft industrieller Nahrungsmittelproduktion auch gerne „Frühstücksfleisch“ genannt und aus psychologischen Gründen schmeckt sie unter diesem Namen einfach besser.

Mehr zufällig entdecken wir an einem anderen Tag MauiGrown Coffee und lernen nebenbei noch so einiges über Zucker. Auf der vergeblichen Suche nach einer Wendemöglichkeit waren wir vom Honoapi’ilani Highway irgendwann reichlich genervt nach links ab abgebogen und auf der Lahainaluna Road schon recht bald an einem denkmalgeschützten Schornstein gelandet. Wie sich herausstellte, gehörte er zu einer der vielen Zuckerfabriken, die Hawai’i für die USA im 19. Jahrhundert so wichtig werden ließen. So wichtig, dass von diesen Zuckerfabriken die Geschicke einiger reicher Weißer und vieler armer Weißer und vor allem armer Nicht-Weißer abhingen. Wüchse auf Hawai’i nichts als Kohl und Karotten, hätte kaum jemand große Geschäfte gewittert, hätte niemand so viele Feldarbeiter gebraucht, hätte keiner zu überlegen angefangen, wie man Einfuhrsteuern in die USA sparen könnte. Könnte der Mensch ohne Zucker leben, wäre auf Hawai’i kein Zuckerrohr angebaut worden, wäre keine neue Sprache entstanden (Hawai’i Creole English), wäre Hawai’i nicht 1893 annektiert und als Folge nicht 1959 ein Bundesstaat der USA geworden? Hätte Obama nicht Präsident werden dürfen? Heutzutage wird der Schornstein nur noch von der Sonne aufgewärmt, seit 1990 wächst auf den Zuckerrohrplantagen Kaffee. Leider sind wir zu spät dran für eine Tour durch die Kaffeeplantage, doch der Laden ist noch offen für eine Kaffeeprobe. Am besten gefällt uns der Maui Mokka, der sehr mild ist und leicht nach Schokolade schmeckt, obwohl er zu 100% aus Kaffee besteht. Fast braucht man keinen Zucker mehr. Hawai’i ist übrigens der einzige US-Bundesstaat, in dem Kaffee angebaut wird.

Zu Star Noodle wagen wir uns noch einmal am Tag vor der Abreise. Um 2 Uhr nachmittags gibt es keine Wartezeit und wir können sofort Platz nehmen. Das Restaurant besteht aus einem großen Raum mit offener Küche und ist sehr sparsam mit viel Holz und großen Fenstern eingerichtet. Die Speisekarte bietet asiatische Spezialitäten an mit Schwerpunkt auf frischen hausgemachten (asiatischen) Nudeln wie Hapa Ramen, Star Udon, Buckwheat Soba, Singapore Noodles und Pad Thai. Wir entscheiden uns für Knoblauchnudeln und nehmen dazu gebratene Pilze und gegrillten Lachs, außerdem Schweinefleisch im Brötchen und Kim Chi, ein scharfes Sauerkraut aus Chinakohl. Geographisch haben wir damit ganz sicher Korea und China, wahrscheinlich aber mindestens noch Vietnam abgedeckt. Der Kellner empfiehlt dazu Hitachino Nest Rice Ale, ein Bier aus dem japanischen Erdbebengebiet, von dem es jetzt nur noch Restbestände gibt. Keins der gewählten Gerichte ist uns völlig unbekannt, die meisten haben wir schon mindestens einmal irgendwo in Kalifornien gegessen, bei Star Noodle auf Maui sind die Zutaten aber besonders frisch und fein aufeinander abgestimmt. Besonders das hausgemachte Kim Chi verschiebt unsere Maßstäbe für alle zukünftigen Besuche koreanischer Restaurants. Während wir essen, blicken wir weit über den Parkplatz und die Dächer des Gewerbegebiets auf das Meer. Nichts als eine dunkle Fläche, die hier und dort ein bisschen glitzert. Plötzlich hören wir ein Plätschern ganz in unserer Nähe und schauen uns um. Draußen unter dem Wasserhahn außen an der Häuserwand wäscht sich ein Mann erst sein Gesicht und dann seine Haare.

[ Aloha Mixed Plate ]
[ Local Food ]
[ MauiGrown Coffee ]
[ Star Noodle ]

This entry was published on February 2, 2013 at 9:10 pm. It’s filed under Was ich esse, Was ich trinke and tagged , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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